20.11.2011

Welt Stadt: Im Kopf des Anderen

Von Dilek Güngör
Dilek Güngör
Dilek Güngör
Foto: Markus Wächter

Mein Mann hat mir eine Karikatur gemailt. Die Zeichnung zeigt einen Mann mit Brille und kurzen Haaren. Er hat einen gelangweilten Gesichtsausdruck und schaut geradeaus. Unter dem Bild steht: „Ingenieur, traurig.“

Ich sehe mir das Bild genauer an und versuche, einen traurigen Zug um die Augen oder am Mund des Ingenieurs zu erkennen. Ja, er könnte traurig sein, denke ich. In Zukunft muss ich genauer hinsehen. Ich bin oft so nachlässig, wenn es darum geht zu zu begreifen, was in Anderen vorgeht.

Bei einer Semesterparty lernten ein Freund und ich einmal eine Studentin aus Japan kennen, die ein Jahr mit uns in die Vorlesungen gehen sollte. Wir fragten sie nach allem Möglichen, nach Japan, ihrer Uni dort, ihrer Familie; ob es wahr ist, dass die Japaner so wenig Urlaub haben und rohen Fisch essen. Die junge Frau antwortete auf alles, was wir von ihr wissen wollten. Am Tag darauf fragte mich mein Freund, ob ich auch so ein schlechtes Gewissen gehabt hätte hinterher.

Wann: hinterher? Und was für ein schlechtes Gewissen? „Na, nachdem Aili gegangen ist“, sagte er. Es sei doch bekannt, dass man in Japan nicht so indiskrete und direkte Fragen stelle. Aber er sei einfach so neugierig gewesen. Aili sei die erste Japanerin gewesen, mit der er sich unterhalten habe. Er habe wenigstens sofort mit seinen Fragen aufgehört, als er merkte, dass es ihr zu viel geworden sei. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann das gewesen sein sollte. Ich fühlte mich furchtbar dumm, von der Diskretion der Japaner hatte ich nichts gewusst. Wenigstens aufmerksamer hätte ich doch aber sein müssen!

Das schlechte Gewissen, das ich damals spürte, fiel mir nun wieder ein, als ich den traurigen Ingenieur sah, und ich fragte mich, ob ich in all den Jahren nicht gelernt hatte, mich besser in andere Menschen hineinzuversetzen. Mein Mann, der Ingenieur, war traurig, und ich hatte es nicht von alleine gesehen. Deshalb schickte er mir dieses Bild.

Abends, im Bad, fragte ich ihn, warum er traurig sei. „Bin ich nicht“, sagte er und fing an, Zahncreme auf seine Bürste zu drücken. Und dieses Bild heute?, fragte ich. Er nahm die Bürste wieder aus dem Mund. „Ach das. Fandest du das nicht lustig?“ Lustig?, fragte ich zurück. „Der schaut doch auf beiden Bildern gleich drein – auf dem, wo draufsteht: Ingenieur glücklich, und auf dem, wo draufsteht: Ingenieur traurig“, sagte mein Mann. „Hast du das nicht gemerkt?“

Ich hatte nur ein Bild bekommen. „Ja, dann ist es natürlich nicht so lustig“, sagte mein Mann.

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Dilek Güngör.

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Frank Nordhausen ist für die Berliner Zeitung in der Türkei.

Frank Nordhausen ist Korrespondent in Istanbul und versucht jeden Tag mehr zu verstehen, wie die Riesenmetropole tickt. Er erzählt von Menschen zwischen den Welten, von Nähe und von Ferne, von Okzident und Orient. Vom Leben unter Türken, das sich hier ganz anders anfühlt als in Neukölln. mehr...

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