13.02.2012

Weltstadt: Schwäbisches Anatolisch

Von Dilek Güngör
Dilek Güngör
Dilek Güngör
Foto: Markus Wächter
Berlin –  

Ich lebe nicht in einer Parallelwelt. Ich lebe in zahllosen parallelen Welten. Ich weiß nicht, wie ich sie zählen soll. Ihre Grenzen sind so unscharf. Nicht einmal ich selbst kann sehen, wo die eine aufhört und die nächste anfängt.

Nehmen wir nur die Sprache: Es ist knapp 20 Jahre her, dass ich aus Baden-Württemberg fortging. Mein Deutsch ist dennoch süddeutsch gefärbt. Ich sage „des“ statt „das“ und „eh“ statt „sowieso“. Trotzdem sagen viele, man höre gar nicht, dass ich Schwäbin bin, und ich fühle mich gelobt. Ich mochte den Dialekt ja selbst nicht und hatte in den ersten Wochen an der Universität, weit weg von zu Hause, nichts Eiligeres zu tun, als mir das weiche, kehlige „r“ abzutrainieren und das „ü“ in „drüber“ wieder wie ein „ü“ statt wie ein „ie“ auszusprechen.

Wenn ich jetzt aber alte Schulfreunde treffe, sprechen viele von ihnen so wie damals in der sechsten Klasse. Der Gedanke, sie könnten denken, ich hielte mich für etwas Besseres, quält mich. Also passe ich mich an und sage wieder wie sie „noi“ und nicht „nein“. Ich spreche kein Hochdeutsch und kein Schwäbisch, ich eiere zwischen beiden herum, mal so, mal so – je nachdem, ob ich in Berlin oder beim Klassentreffen bin.

Das Türkische im Kopf

Und dann gibt es ja noch das Türkische in meinem Kopf. Meine Eltern sprechen so, wie man es in Südostanatolien, in der Gegend um Gaziantep, tut. Sie geben sich zwar Mühe, großstädtisch zu klingen, und haben an ihrem Wortschatz und an ihrer Aussprache gearbeitet. Man merkt aber trotzdem, wo sie herkommen. In meinem Türkisch mischt sich nun dieser weitergereichte Gaziantep-Dialekt mit einem deutschem Akzent.

Um die allermeisten Dinge zu benennen, die es in einem Haus gibt, reicht mein Türkisch völlig aus, ferner für alles, was mit Familie zu tun hat, und für Beschimpfungen. Ich beherrsche sprachlich das Gebiet Wäsche und kenne mich mit Werkzeug aus. Ich kann auch Dinge benennen, die es in einem Berliner Haushalt nicht gibt, den Ackergaul zum Beispiel. Für einen Großteil der Themen aber, über die ich mich auf Deutsch unterhalte, habe ich auf Türkisch keine Wörter.

Intellektuell bewege ich mich im Türkischen auf einem völlig anderen Niveau als im Deutschen. Wechsle ich bei einem Thema von einer Sprache in die andere, könnte man meinen, es sprächen zwei verschiedene Personen. Die Aussage bleibt die gleiche, aber auf Türkisch klinge ich so, als wäre ich gerade von meinem Ackergaul gestiegen.

Hat jemand mitgezählt? Wie viele parallele Welten waren das jetzt?

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Dilek Güngör.

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Frank Nordhausen ist für die Berliner Zeitung in der Türkei.

Frank Nordhausen ist Korrespondent in Istanbul und versucht jeden Tag mehr zu verstehen, wie die Riesenmetropole tickt. Er erzählt von Menschen zwischen den Welten, von Nähe und von Ferne, von Okzident und Orient. Vom Leben unter Türken, das sich hier ganz anders anfühlt als in Neukölln. mehr...

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