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Hoyerswerda: In Todesangst vor Neonazis und kein Schutz der Polizei

Ein DDR-Plattenbau in Hoyerswerda, aufgenommen am 08.09.2011. Seit September kämpft die Stadt gegen das Stigma einer braunen Hochburg.

Ein DDR-Plattenbau in Hoyerswerda, aufgenommen am 08.09.2011. Seit September kämpft die Stadt gegen das Stigma einer braunen Hochburg.

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picture alliance / dpa

Hoyerswerda -

Sieht so einer aus, der sich mit Neonazis anlegt? Ronny ist mittelgroß, er trägt eine Brille vor den sanften Augen, hat schmale Schultern und eine leise, zaghafte Stimme. „Ein bisschen Mut braucht es schon“, sagt Ronny und lächelt tapfer. „Aber irgendwas muss man ja schließlich tun gegen die Rechten.“

Irgendwas. Ronny zum Beispiel hat Aufkleber der Nazis in seiner Heimatstadt Hoyerswerda entfernt. Sogenannte „tags“, ein englischer Begriff für kleine Etiketten oder Zettel, die mit Botschaften versehen an Straßenlaternen, Ampeln oder Bushaltestellen geklebt werden. Auf ihnen stehen Parolen wie „Ausländer raus“ oder die Namen rechter Kameradschaften, die mit diesen „tags“ ihr Revier in der Stadt markieren.

Gut ein Jahr lang ist Ronny jeden Tag durch das sächsische Hoyerswerda gestreift auf der Suche nach den Spuren der Nazis. Mit seinen zwei Hunden lief der heute 34-Jährige seine Runden ab. Fand er einen dieser rechten „tags“, kratzte er ihn ab oder überklebte ihn mit eigenen Zetteln. „Nazis raus“ stand da drauf oder „Kein Ort für Nazis“. Er war eine ständige Provokation für die Rechten, die sich doch so stark fühlen und so wohlorganisiert in dieser Stadt, die seit dem September 1991 gegen das Stigma einer braunen Hochburg kämpft. Damals hatten Neonazis erst vietnamesische Straßenhändler angegriffen, dann zwei Tage lang ein Wohnheim mit ehemaligen Vertragsarbeitern und eine Flüchtlingsunterkunft belagert. Die Ausschreitungen von Hoyerswerda waren der Auftakt zu einer Reihe von pogromähnlichen Übergriffen und Mordanschlägen auf Ausländer in Ostdeutschland, die in den Angriffen auf das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 gipfelten.

Hoyerswerda ist also ein Symbol. Für die einen. Und für die anderen.

Vor einigen Jahren kam Ronny mit Monique zusammen, die ihn auf seinen Streifzügen durch Hoyerswerda begleitete. Die beiden sind am selben Tag geboren, im selben Krankenhaus. Sie haben sich erst vor einiger Zeit kennengelernt und ineinander verliebt. „Schicksal“, sagt Monique, eine fröhliche junge Frau mit blonden Haaren und einem offenen Lächeln.

Ein neues Leben

Schicksal ist vielleicht ein wichtiges Wort in dieser Geschichte. Es ist jetzt 15 Monate her, dass das Leben von Ronny und Monique auf den Kopf gestellt wurde. Von einem Tag auf den anderen. An einem Oktoberabend im Jahre 2012 sind die beiden in ihrer Wohnung in Hoyerswerda über Stunden hinweg von Neonazis belagert und bedroht worden. Die Polizei rückte zwar an, vertrieb den Mob. Ein Staatsschützer empfahl dem Pärchen jedoch, zumindest eine Zeit lang aus Hoyerswerda wegzuziehen. Und ein Polizeisprecher sagte im Fernsehen, es sei einfacher, zwei Personen an einen sicheren Ort zu bringen, als ständig fünf Streifenwagen vor deren Haus zu stellen. Die Äußerung sorgte bundesweit für Schlagzeilen, sie wurde als Kapitulation des Rechtsstaats vor den Neonazis gewertet.

Ronny und Monique aber folgten damals dem Rat der Polizei. „Wir hatten furchtbare Angst, fühlten uns alleingelassen“, sagt Monique. „Also sind wir ins Exil, weil uns niemand schützen konnte.“

Ins Exil im eigenen Land.

Wo die beiden heute wohnen, sagen sie nicht. Auch ihr vollständiger Name soll nirgendwo zu lesen sein. Sie leben irgendwo auf einem Dorf, wo sie niemand kennt. Wo die Rechten sie noch nicht aufgespürt haben. Hier wollen sie zur Ruhe kommen, vergessen, wieder ein normales Leben führen. Vorher aber werden sie sich noch einmal dem Horror jener Oktobernacht stellen müssen , ihrer Angst damals, ihrer Panik. An diesem Dienstag beginnt vor dem Amtsgericht Hoyerswerda der Prozess gegen acht Neonazis, die an dem Überfall auf Ronny und Monique beteiligt waren. Die beiden nehmen als Nebenkläger am Verfahren teil.

Sie sitzen in einem Hotelrestaurant, in Dresden. Selbst hier, im Schutz der fremden Stadt, wirken die beiden jungen Leute angespannt. Wenn sie erzählen von jener Nacht im Oktober 2012, stockt ihnen immer wieder die Stimme, sie müssen schlucken, manchmal fließen auch Tränen. „Ich hoffe bloß, dass ich stark genug bin am Dienstag im Gericht“, sagt Ronny. „Die sollen nicht denken, sie haben mich kleingekriegt.“

Es ist der 17. Oktober 2012, ein Mittwoch, abends gegen neun Uhr. Monique ist in der Wohnung ihres Freundes in der Robert-Schumann-Straße in Hoyerswerda. Da klingelt es plötzlich Sturm an der Tür. „Das waren keine Freunde, das habe ich gleich gewusst“, sagt Ronny. „So klingelt niemand, der einem Gutes will.“

Ronny geht zum Fenster, schaut hinaus. Seine Wohnung liegt im dritten Stock. Vor dem Haus stehen gut ein Dutzend junge Leute, schwarz gekleidet, einige haben dunkle Brillen auf. Wieder klingelt es Sturm. Monique geht in ein Zimmer, dessen Fenster auf der Hofseite liegen. „Auch dort standen sie, nicht so viele wie vorne, aber auch die starrten zu uns hoch“, sagt sie.

Nach einigen Minuten hören die beiden Schritte auf der Treppe. Dann wird an der Wohnungstür geklingelt, eine Faust hämmert gegen das Holz. „Sie haben geschrien: ‚Komm raus, du Ratte!‘ und ‚Wir machen dich tot, du hast uns lang genug provoziert‘“, sagt Ronny. Einer brüllt, Monique werde gleich ihm gehören. Es gibt Gelächter. Rausblicken ins Treppenhaus können die Eingesperrten nicht. Die Angreifer haben die Glühlampe aus der Etagenbeleuchtung herausgedreht und einen Aufkleber auf den Türspion geklebt. ANH steht darauf, das Kürzel für „Autonome Nationalisten Hoyerswerda“. Die ANH ist eine Kameradschaft gewalttätiger Neonazis, die größte und brutalste Nazihorde in der Region.

Plötzlich verlischt das Licht in Ronnys Wohnung. Offenbar haben die Angreifer den Sicherungskasten im Treppenhaus aufgebrochen und die Stromzufuhr auf der Etage abgedreht. Jetzt hören Ronny und seine Freundin auch, wie jemand sich am Türschloss zu schaffen macht. Es kratzt und stochert darin, als versuche jemand, mit einem Dietrich die Tür zu öffnen.

„Wir waren in Todesangst“, sagt Ronny. „Was werden die mit uns machen, wenn sie jetzt reinkommen. Wie weit gehen die…“ Er bricht ab, schluckt. Monique nimmt seine Hand und erzählt weiter. „Ich bin herumgerannt in der Wohnung, hab’ immer wieder aus dem Fenster geschaut. Aber die standen vorn und hinten, sie hatten uns umstellt. Für mich stand fest, wenn die reinkommen, springe ich aus dem Fenster. Dann muss ich wenigstens nicht leiden, habe ich gedacht.“

Plötzlich ein Funken Hoffnung. Die Eingeschlossenen hören, wie die Nachbarin in den Hausflur tritt und fragt, was hier los sei. Sie habe keinen Strom in der Wohnung. Die Belagerer auf der Treppe sagen, sie seien von der Polizei, sie brauche sich keine Sorgen machen, und den Strom werde man ihr auch wieder andrehen. Die Frau ist beruhigt und schließt wieder ihre Tür.

„Ich habe dann die Polizei angerufen, aber die stellten nur Fragen: Wie viele sind das vor dem Haus und im Haus, was haben die an, wie sehen die aus“, sagt Monique. „Ich habe das Telefon an Ronny weitergegeben, ich konnte nicht mehr. Sprich mit denen, habe ich gesagt, die glauben mir nicht, die kommen nicht.“

Nach 10 Minuten kommt ein Streifenwagen

Schließlich kommt doch ein Streifenwagen, zehn Minuten nach dem Anruf. Die beiden sehen es vom Fenster aus. „Ich hatte ja gedacht, die rücken mit einem Einsatzwagen an, aber da kommen nur zwei Beamte“, sagt Ronny. Als die Polizisten klingeln, traut er sich kaum, die Tür zu öffnen. Er spricht mit ihnen, schildert die Situation, dann gehen die beiden Beamten wieder nach draußen, wo der rechte Mob wartet. „Als sie die Wohnung verließen, haben sie zu mir gesagt, ich solle die Tür hinter ihnen abschließen“, sagt er. „Ich habe denen in die Augen geschaut und gesehen, was die selbst für Angst hatten. Das hat mich noch panischer gemacht.“

Inzwischen ist ein zweiter Streifenwagen vor dem Haus eingetroffen. Vier Polizisten sind jetzt da, vier gegen 15 Neonazis. Ronny und Monique schauen aus dem Fenster, beobachten das Geschehen auf der Straße. „Die Beamten haben sich unterhalten mit den Nazis, das sah ganz freundlich aus, man lachte auch zusammen“, sagt Monique. „Das mag ja zur Strategie der Deeskalation gehören, aber für uns, die wir da oben in Todesangst eingesperrt saßen, war das alles andere als beruhigend.“

Später rollt doch noch ein Einsatzwagen der Polizei an. Jetzt sind insgesamt 18 Beamte vor Ort. Die Neonazis rücken ab, unbehelligt. Ihre Namen werden nicht festgestellt, die Rucksäcke nicht auf Waffen kontrolliert. Erst einige Zeit später, an einer vier Kilometer entfernten Tankstelle, nehmen Beamte die Personalien von elf Personen auf. Eine Beweissicherung ohne juristischen Wert: Vor Gericht werden die Angeklagten bestreiten können, an diesem Abend vor Ronnys Haus gewesen zu sein.

Als die rechte Horde verschwunden ist, kommen die Beamten noch einmal hoch in Ronnys Wohnung. „Sie sagten uns, es sei das Beste, wir packen ein paar Sachen ein und gehen vorübergehend in ein Hotel oder zu Verwandten“, sagt Monique. „Es sei besser, wir wären eine Weile nicht da, damit wieder Ruhe einkehre.“

Am nächsten Tag kommt ein Staatsschutzbeamter und fährt sie zu Freunden, die in einer Wohngemeinschaft auf dem Land leben. Dort kommen sie unter für die ersten drei Monate. Dann ziehen sie weiter, an den Ort, an dem sie jetzt leben.

Von dort werden Ronny und Monique am Dienstag nach Hoyerswerda fahren, zum Amtsgericht, wo nur ein Verhandlungstag angesetzt ist, obwohl 13 Zeugen geladen sind. Darunter auch Nachbarn aus Ronnys Haus, die das Geschehen aus ihren Wohnungen beobachtet hatten.

Acht Neonazis sind angeklagt wegen Beleidigung in Tateinheit mit Bedrohung. Ein Skandal sei das, schimpft der Chemnitzer Rechtsanwalt Klaus Bartl, der die beiden Opfer im Prozess vertritt. „Ich verstehe nicht, dass die Staatsanwaltschaft hier keinen Land- und Hausfriedensbruch erkennen will“, sagt er. Da seien nachweislich Personen in das Haus eingedrungen, hätten den Strom abgestellt, versucht, in die Wohnung einzubrechen. „Alles war darauf gerichtet, die Opfer mit Gewalt zu bedrohen, um sie von künftigen Handlungen abzuhalten“, sagt der Anwalt. Das erfülle klar den Paragrafen 125 für Landfriedensbruch, der gern und oft von der sächsischen Staatsanwaltschaft gegen Antifa-Demonstranten angewendet werde.

Angst und Misstrauen

Eine Rolle werden in dem Prozess auch die Folgen spielen müssen, die der Überfall für die beiden Opfer hatte. Monique, die nach der Schule eine Tischlerlehre absolviert hatte und später eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, war 2012 arbeitslos geworden. Sie sollte damals eine Umschulung zur Finanzbuchhalterin beginnen, aber da kam der Überfall dazwischen. Einen Job hat sie an ihrem neuen Wohnort noch nicht gefunden.

Und da sind auch noch die Angst und das Misstrauen, die allgegenwärtig sind und das Leben vergiften. „Wir sind durch das Geschehen auf uns zurückgeworfen, die Rückzugsräume, die jeder von uns hatte, gibt es nicht mehr“, sagt sie. Sie bemühen sich jetzt darum, wieder ein soziales Umfeld aufzubauen. „Aber bei jedem Menschen, den du triffst, bist du erst mal misstrauisch: Was ist das für einer, kommt der auch aus der rechten Ecke oder kennt der Nazis oder ist der vielleicht sogar auf uns angesetzt?“

Für Ronny, der Land- und Forstarbeiter gelernt hatte, im Herbst 2012 aber schon längere Zeit arbeitslos war, hatte der Überfall noch dramatischere Folgen. Schon zuvor hatte der junge Mann unter Depressionen gelitten; nach der Attacke verstärkten sich seine Angstzustände, er kollabierte, musste einige Zeit ins Krankenhaus. „Mein Gesundheitszustand hat sich inzwischen stabilisiert“, sagt er. „Aber jeden Morgen, wenn ich aufwache, ist die Erinnerung wieder da, das werde ich nicht los.“ Wenn es an der Tür klingelt, ein Geräusch irgendwo in der Wohnung zu hören ist, zucke er zusammen, sei die Angst wieder da. Er befinde sich in ständiger psychologischer Betreuung, sagt er. Sein nächstes Ziel sei es nun, wieder arbeitsfähig zu werden.

Dass er und Monique vor Gericht auftreten und in ihren Aussagen die Schrecken jener Oktobernacht noch einmal durchleben werden, verstehen beide auch als Therapie. „Es wird hart, und ich hoffe, ich stehe das durch“, sagt Ronny. Aber sie wollen damit auch zeigen, dass sie nicht aufgegeben haben, weder sich noch ihren Kampf gegen die Neonazis. „Die haben uns aus der Stadt vertrieben“, sagt Ronny, „aber sie haben uns nicht gebrochen.“