image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Im Mai 1945 begründete der wirtschaftsliberale Ökonom Wilhelm Röpke, warum Deutschland um seiner und Europas Zukunft Willen geteilt und die russisch besetzte Zone bis zum Ende des Kommunismus sich selbst überlassen werden müsse. Eine Dokumentation: Das geschichtliche Glück der deutschen Teilung

Wilhelm Röpke, geboren 1899, verdiente sich am Ende des Ersten Weltkriegs das Eiserne Kreuz, studierte dann bei Walter Euken Nationalökonomie und wurde 1933 als einer der ersten Marburger Professoren mit Lehrverbot belegt. Doch war er weder Sozialist noch Jude, sondern Ordoliberaler und niedersächsischer Germane durch und durch. Die nazifizierten Professoren und Studenten verjagten ihn als überzeugten, publizistisch gewandten und streng marktwirtschaftlich orientierten Feind des Staatssozialismus totalitärer Prägung. Nach dreijähriger Station an der Universität Istanbul nahm er eine Professur in Genf an. Anfang 1945 verfasste er das Buch "Die deutsche Frage" und schloss es im Mai ab. Im Schlusskapitel legte er dar, warum Deutschland zu seinem eigenen Glück und zugunsten einer friedlichen Zukunft Europas geteilt werden müsse, und zwar bis zu dem - von ihm früher oder später erwarteten - Ende des sowjetischen Kommunismus.Röpke schlug diesen Weg aus patriotischer Gesinnung als den einzig möglichen vor - und behielt recht. Schon vor dem Kriegsende hatte er die westlichen Alliierten beraten; später beriet er Ludwig Erhard und hatte von Genf aus maßgeblichen Anteil am wirtschaftlichen und geistigen Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland. Das glückliche Ende der von ihm vorgeschlagenen "brutalen" deutschen Teilung erlebte Wilhelm Röpke nicht mehr. Er starb 1966. Im Folgenden dokumentieren wir Röpkes Gründe zur Spaltung Deutschlands aus dem Schlusskapitel seines Buches "Die deutsche Frage" (Erlenbach-Zürich 1945). Götz AlyEs ist nicht mehr allzu schwer, zu sagen, worin das Spiel der Russen besteht. Sie betrachten den von ihnen besetzten Teil Deutschlands als ihr ausschließliches Reservat. Aber, wie schon die fieberhafte Tätigkeit ihres deutschen Komitees erkennen lässt, reichen ihre letzten Ziele viel weiter. Während sie jeden Einfluss der westlichen Alliierten östlich der Elbe auszuschalten suchen, verfolgen sie sichtlich eine Politik der Infiltration im westlichen Deutschland, um auch dieses schließlich durch ihre Agenten, und zwar im doppelten Namen der sozialen Revolution und der Erhaltung der deutschen Reichs-einheit und ihrer preußischen Traditionen.Dabei werden sie es sich gestatten, getreu der Politik der Kommunisten in vielen anderen Ländern, die soziale Revolution in denjenigen Etappen und mit derjenigen opportunistischen Taktik durchzuführen, die ihnen zweckmäßig erscheinen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden sie alles tun, um die Sympathie der deutschen Massen zu gewinnen. Während sie den Deutschenhass der westlichen Alliierten und die Propaganda, mit der diese ihn selbst noch schüren, mit Befriedigung notieren werden, erlauben sie selbst sich trotz allem Furchtbaren, was sie von deutscher Hand erfahren haben, nicht eine Politik der Leidenschaft, die immer unheilvoll ist.Niemand weiß heute schon zuverlässig, was sich hinter dem Eisernen Vorhang abspielt, mit dem die Russen ihr Gebiet an der Elbe absperren. Sie lassen die Welt nur das wissen, was sie nach ihrer Absicht erfahren soll, die Welt und vor allem die westlichen Deutschen. Mit diesem Vorbehalt muss man die Nachrichten aufnehmen, nach denen die Russen in Berlin und in anderen Städten eine vernünftige und großherzige Politik gegenüber den Deutschen betreiben. Jedenfalls wünschen sie, dass die westlichen Deutschen sie in diesem Lichte sehen, und jedenfalls ist das diejenige Politik, die die Klugheit gebietet. Je mehr die westlichen Alliierten das Gegenteil tun würden, umso sicherer würden die Russen das Ziel ihrer Infil-trationspolitik erreichen. Umso mehr, als sie nicht zu Unrecht geltend machen können, dass sie das furchtbare Geschäft der Zerstörung der deutschen Städte in der Hauptsache ihren Alliierten überlassen haben und schon dadurch einen Vorsprung vor den letzten besitzen.Wenn die Russen das Prinzip der unterschiedlichen Behandlung anwenden, so werden sie mehr und mehr dahin neigen, weniger zwischen Nationalsozialisten und Nichtnationalsozialisten als zwischen "Faschisten" und "Antifaschisten" zu unterscheiden. Wir, die wir den totalen Antifaschismus gegen den hinkenden Antifaschismus (der im Grunde nur eine neue Art des "Faschismus" an die Stelle des alten setzt) verteidigen, wissen, woran wir sind, selbst wenn die Kommunisten es im Augenblick für geraten halten, eine vorsichtige Politik des Opportunismus zu treiben.Wie dem auch sei: Die Tatsache bleibt bestehen, dass die Russen seit langem eine Deutschlandpolitik besitzen, und dass sie sich durch das Komitee "Freies Deutschland" das Instrument geschaffen haben, das ihrer Politik dient. Diese Gruppe kann sich voll entfalten, ohne durch eine entsprechende Bewegung behindert zu sein, die mit den westlichen Alliierten zusammenarbeitet. Es ist kein Wunder, dass es bisher an einer solchen Organisation fehlt, denn sie setzt ja voraus, dass auch die westlichen Alliierten den Deutschen ein Ziel und eine Hoffnung geben.Doch nun schulden wir noch eine letzte Präzisierung. Sie bezieht sich auf die brutale Tatsache, dass jetzt mitten durch Deutschland eine Linie verläuft, die zwei Welten voneinander scheidet: die Linie, die das von den Russen besetzte Ostdeutschland von dem durch die westlichen Alliierten besetzten Westdeutschland trennt. Sie ist zu einem Limes des Abendlandes geworden, der die vollkommene Scheidung der moralischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grundsätze bedeutet.Auf der Konferenz von Jalta (im Februar 1945) hat man eine Kompromisslösung ins Auge gefasst, nach der zwischen der rein militärischen Besetzung durch die Einzelmächte und der Zentralverwaltung durch eine interalliierte Kommission unterschieden wird. Man muss ohne Umschweife sagen, dass dieser komplizierte Plan kaum durchführbar erscheint. Die grundlegenden Auffassungen der beiden Gruppen von Alliierten - der westlichen und der östlichen - sind viel zu sehr verschieden, um ein solches Kondominium zu ermöglichen, das immer äußerst schwierig ist und in der Geschichte nur abschreckende Vorbilder hat. Dazu kommt, dass die interalliierte Kommission ihren Sitz im russischen Gebiet haben und dass eine ihrer wichtigsten Behörden - die Reparationskommission - sich sogar in Moskau befinden soll. Dieser Plan erscheint nur in dem unwahrscheinlichen Falle ausführbar, dass sich die westliche Gruppe vollkommen unter die Führung der Russen begibt oder umgekehrt.In der Praxis wird es sich herausstellen, dass man zwischen der regionalen militärischen Besetzung und der zentralen Gesamtverwaltung keine scharfen Grenzen ziehen kann. Der alliierte General, der Hannover "besetzt", wird zugleich für die geordnete Verwaltung und ein Minimum an wirtschaftlicher Wohlfahrt in seinem Bezirk verantwortlich sein, und so wird sich von selbst eine gewisse Solidarität der Interessen zwischen ihm und den ihm unterstellten Deutschen entwickeln. Es wird ganz natürlich sein, dass der alliierte General dazu neigen wird, diese solidarischen Interessen regionaler Art gegenüber Anweisungen von einer Zentralbehörde zu verteidigen, die, weit entfernt, diejenige seines eigenen Landes zu sein, sogar stark unter dem Einfluss einer dem Abendland fremden und rätselvollen Macht steht, wenn es sich nicht sogar um Forderungen handelt, die unmittelbar von der Reparationskommission in Moskau kommen.Die Voraussage erscheint nicht gewagt, dass diese Lage, wie sie westlich der Elbe herrschen wird, die regionale Autonomie, die wir wünschen, stark fördern wird. Gleichzeitig wird sie eine gewisse Gemeinschaft des politischen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens in diesem Teile Deutschlands schaffen, der von jeher seine Blicke mehr nach dem Westen als nach dem Osten gerichtet hat. Diese Gemeinschaft würde derjenigen entsprechen, die die westlichen Alliierten trotz ihrer vermeidbaren und unvermeidbaren Rivalitäten untereinander verbindet.Angesichts der harten Realität des (russischen) Limes kommen wir zu dem Schluss, dass man unter den obwaltenden Umständen die förderative Neuordnung Deutschlands vorderhand auf das deutsche Hauptland westlich der Elbe beschränken muss, indem man eine westdeutsche Konföderation schafft, an deren Spitze die westlichen Alliierten stehen. Dieser Plan würde sich in den Vorschlag der "Atlantic Community" einfügen, den der Amerikaner Walter Lippmann vor kurzem in seinem Buche "U. S. War Aims", die Kriegsziele der USA, gemacht hat. Es ist in der Tat zu hoffen, dass dieses föderative Westdeutschland, das nunmehr bis zur Klärung des russischen Problems von Preußen getrennt wäre und den wichtigsten und größten Teil Deutschlands ausmacht, bald in die "Atlantische Gemeinschaft" aufgenommen würde, falls sich dieser auf der Gemeinsamkeit der Überlieferung, der geographischen Lage und der politisch-wirtschaftlichen Interessen beruhende Staatenverband trotz der starken kommunistischen Strömungen in Westeuropa verwirklichen ließe.All das sind Vorschläge, die den Eindruck eines harten Realismus geben. Aber es ist ein Realismus, der im Dienste der höchsten Ideale der abendländischen Kultur steht und, wie wir fürchten, vielleicht den einzigen Weg bezeichnet, auf dem sie noch bewahrt werden können.Versteift man sich aber darauf, zwischen dem russischen Ostdeutschland und dem abendländischen Westdeutschland politische, geistige und wirtschaftliche Bindungen aufrechtzuerhalten, solange wir es noch mit einem totalitären Russland zu tun haben, und denkt man noch immer vom "Reiche" als einer Einheit, für die man Verfassungspläne schmieden kann, so beweist man damit entweder, dass man die Realität nicht verstanden hat, oder, dass man bewusst die Politik der Russen fördern will, ihren Einfluss Schritt für Schritt auf ganz Deutschland auszudehnen.Je mehr man auf der "Einheit" Deutschlands besteht, um so freigebiger liefert man der russischen Infiltrationspolitik Ansatzpunkte und um so mehr schafft man Reibungsflächen zwischen den beiden Welten, deren Verschränkung auf deutschem Boden eine der größten Gefahren für den Frieden bedeuten würde. Weit entfernt, jenen "Dritten Weltkrieg" zu begünstigen, mit dem man die westliche Welt heute einschüchtert, würde eine solche reinliche Scheidung der beiden Welten diese Gefahr entscheidend vermindern.------------------------------Foto: Wilhelm Röpke, ca. 1960Foto: Schnittstelle zwischen Ost- und West-Berlin. Der Potsdamer Platz 1952, im Hintergrund die Ruine des Hotels Fürstenhof.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?