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Im September stellt die BVG den Berlinern das erste Serienfahrzeug der neuen Straßenbahn auf dem Alexanderplatz vor. 99 Züge werden geliefert: Schick auch ohne Surfbretthalter

Sie fährt! Auch wenn von den insgesamt 30 Kilometer langen Kabeln, die darin verbaut worden sind, einige noch aus der Decke baumeln: Ruckfrei und leise lässt die sonnengelb lackierte Bahn den grünen, für Bursa in der Türkei bestimmten Zug auf dem anderen Gleis hinter sich. Danach lässt Chefprüfer Udo Snaga sie wieder zurückfahren. So geht es Tag für Tag: hin und her, her und hin.Auf dem Testfeld des Bautzener Werks von Bombardier Transportation legt das erste von 99 Serienfahrzeugen der neuen Berliner Straßenbahn seine ersten Kilometer zurück. Alle Beteiligten sind zuversichtlich, dass die Bahn die für ihren Senf berühmte (und einst wegen eines Zuchthauses berüchtigte) Stadt in der Oberlausitz wie vorgesehen in fast sechs Wochen verlassen kann. Am 5.September soll Zug 8002 per Lkw in Berlin eintreffen. "Am 10. September wollen wir ihn auf dem Alexanderplatz der Öffentlichkeit vorstellen", sagte Klaus-Dietrich Matschke, Straßenbahnchef der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).Eigentlich sollte das erste Serienfahrzeug der Flexity Berlin fünf Monate früher kommen. Doch dann kam etwas dazwischen, was selbst gestandene Handwerker weinen ließ. Im August 2010 trat die Spree, die am Bautzener Werk entlang fließt, über ihre Ufer. Fassungslos sahen die Bombardier-Leute zu, wie sich Wasser und Schlamm in das Gelände ergossen. Ein Stahltor hielt der Wucht nicht stand und landete verbogen in einer Ecke, teure Laseranlagen und viele andere Maschinen wurden in Sekunden zerstört."In den Hallen stand das Wasser 1,60 Meter hoch", erinnert sich Germar Wacker, der die Straßenbahnsparte des kanadischen Konzerns leitet. Nicht nur Bahnen für andere Städte, auch die ersten Teile der Flexity-Serie mussten auf den Schrott. So kam Bombardier in Verzug - und die Berliner mussten länger auf die Serienlieferung warten. Vier Vorserienzüge der Flexity Berlin sind allerdings bereits seit Längerem bei der BVG unterwegs, der erste kam im Herbst 2008. Sie wurden ausgiebig im Fahrgastbetrieb auf Herz und Nieren getestet, die Ergebnisse flossen in die Konzeption der Serie ein."So wollen wir sicherstellen, dass wir keine unangenehmen Überraschungen erleben", sagte Straßenbahn-Chef Matschke. Im Vergleich zu den Prototypen weisen die Serienzüge 69 wesentliche Veränderungen auf - so wurden Haltegriffe größer und Radabdeckungen besser gestaltet. Andere Betriebe, die auf längere Praxistests verzichtet haben, mussten oft Lehrgeld zahlen. So wurde in München jüngst einjähriges Remisenfest gefeiert - ohne dass den Beteiligten wirklich nach Feiern zumute war. Seit Juli 2010 stehen dort neue Bahnen zwangsweise im Depot, weil sie wegen diverser technischer Probleme immer noch nicht zugelassen worden sind.Bei den vielen Testfahrten zeigte sich, dass die Flexity Berlin bei den Fahrgästen offenbar ziemlich beliebt ist. Bei Umfragen im Auftrag der BVG bekam sie die Durchschnittsnote 1,6. Zum Vergleich: Die Vorgänger-Generation erhielt nur eine 2,3. Besonders positiv wurden bei den Flexitys die großzügigen Mehrzweckbereiche bewertet, die viel Platz für Gepäck, Kinderwagen, Rollstühle und sogar Fahrräder bieten. Auch der größere Sitzabstand bekam Lob. Die äußeren Konturen und Formen, die sich angeblich am Bauhausstil orientieren, fanden auf einer anderen Ebene Anerkennung: 2010 bekam die vom Atelier IFS Design in Adlershof entworfene Flexity den "iF Product Design Award".Für 2011 ist die Lieferung von neun Zügen vereinbart. Ende 2015 soll Nummer 99 kommen, ebenfalls größtenteils in Handarbeit erstellt. Dann ist das knapp 300 Millionen Euro schwere Projekt, das die Ablösung der tschechischen Tatra-Züge erlaubt, abgearbeitet. Eine Option sieht 31 weitere Züge bis 2017 vor. "Wir werden sie auf jeden Fall abrufen", kündigte Matschke an. Ein Detail wird jedoch auch bei diesen Zügen fehlen, scherzte Germar Wacker. "Die Bahnen, die wir für die Gold Coast in Australien bauen, bekommen Surfbretthalter. Daran war die BVG leider nicht interessiert."------------------------------Klimatisiert und stufenfrei zugänglichPremiere auf der Linie M 4: Zug 8002, der erste Serienzug, nimmt im September seinen Dienst auf der am stärksten frequentierten Straßenbahnlinie Berlins auf. Er fährt auf der M 4, die den Hackeschen Markt mit Hohenschönhausen und Falkenberg verbindet. Der Zug bietet auf 40 Metern Platz für 248 Fahrgäste (84 können sitzen) und hat nur einen Führerstand. Auch für die übrigen Bahnen dieses Typs wird die M 4 das Haupteinsatzgebiet sein.Von ihnen hat die BVG 24 Stück bestellt.Als Nächstes die "Partylinie": 2012 sind die M 2 (Alexanderplatz- Heinersdorf) und M 10 (Warschauer Straße-Nordbahnhof) an der Reihe. Die nachts besonders stark genutzte M 10 gilt als "Partylinie". Auf beiden Strecken fahren Flexity-Züge, die 30,8 Meter lang sind und an jedem Ende einen Führerstand haben, sodass sie keine Wendeschleife benötigen. Davon sind 35 Stück bestellt. Drinnen ist Platz für 184 Fahrgäste. Bereits nach diesen Sommerferien setzt die BVG auf den Linien mehr Züge ein. Dann soll es auf der M 10 auch sonntags einen Fünf-Minuten-Takt geben.Debatte um Zuglänge: Zudem umfasst die Lieferung jetzt 20 kurze Bahnen mit je einem Führerstand und 20 lange Bahnen, die je zwei Führerstände haben. Die BVG wollte vier lange Züge weniger bestellen. Doch der Senat setzte eine Aufstockung durch, um auf Fahrgastzuwachs vorbereitet zu sein. Mehrkosten entstehen nicht.Mehr Komfort: Die Flexity-Züge sind klimatisiert und barrierefrei, also ohne Stufen zugänglich. Sie sind mit 2,40 Meter bis zu 20 Zentimeter breiter als heutige Bahnen. Die Lieferung erlaubt es der BVG, alle 237 Tatra-Bahnen aus tschechischer Produktion auszumustern. Die Vorgänger-Generation von Flexity wird von Ende 2012 an verstärkt im Köpenicker Netz eingesetzt - zunächst auf den Linien 60 und 62.------------------------------Foto: Während draußen die erste Bahn Testfahrten absolviert, werden in der Halle Teile des Serienfahrzeugs Nummer fünf auf einem Luftkissentransporter bewegt.