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In ukrainischen Lagern lässt die EU Flüchtlinge von sich fernhalten. Grenzbewohner beklagen einen neuen bürokratischen Vorhang. Eine Reise auf die andere Seite der neuen Schengengrenze.: Hinter dem Zaun

Gerade haben die Inder die Pakistani im Kricket besiegt. Die Spieler tragen alte T-Shirts, abgenutzte Soldatenmäntel oder unförmige Daunenjacken anstelle der Sporttrikots. Mit einem Holzprügel schleudern sie den Ball über den Morast. Die Männer spielen in der Nähe des altösterreichischen Dorfes Schönborn. Die Ortschaft liegt in der Ukraine. Das Spiel fand hinter Stacheldraht statt. Dieses Spiel spielen sie hier täglich, und das seit Monaten. Dabei hatten sie ein neues Leben im europäischen Paradies gesucht. Nun sitzen sie im Deportationscamp Pavshino.Valeriy Terekov beobachtet das Spiel jeden Tag. Er trägt einen Tarnanzug, als würde hier im Lager Krieg herrschen. Wenn er spricht, blitzen seine Goldzähne. Auf seinem Kopf sitzt eine Mütze aus Kunstfell. Der bullige Mann, ein Boxertyp, bewacht für umgerechnet 150 Euro im Monat Einwanderer, die die EU von sich fernhalten will. Dabei hat er hier, in dieser ehemaligen Raketenbasis der Sowjets, nicht einmal Strom.Ein gutes halbes Jahr ist es her, seit Europas Regierungschefs bei Blasmusik die östlichen Grenzbalken durchsägten. Wo der Eiserne Vorhang den Ostblock begrenzte, gilt heute Tempo hundert. Das ist die schöne Seite dieses historischen Ereignisses, sie erzählt von der Demokratisierung des Ostens, von Freiheit, Mobilität und der Zähmung des Totalitarismus durch Wohlstand. Polen, Slowakei, Slowenien, Ungarn und die baltischen Staaten gehören heute alle zum Westen. Dafür beschützen sie nun Europas Grenze nach Osten. Die EU, vor allem auch Österreich, haben darauf gedrängt, dass dies "lückenlos" geschieht.Ein paar Kilometer auf der anderen Seite dieser neuen Grenze hat Lagerleiter Terekov die Schranke des Lagers geöffnet. "Sie haben zwei Stunden, sich hier umzusehen", sagt er. An der Schranke steht auch der ukrainische Militärsanitäter Viktor Verdivara. Ein zerknitterter Arztkittel spannt sich über seinen Tarnanzug. Er will sein kaltes Lagerlazarett zeigen. Er sagt: "Es können jederzeit Epidemien ausbrechen." Was er dagegen unternehmen kann? Verdivara schwenkt ein Fläschchen mit himmelblauer Desinfektionslösung und deutet auf einen angestaubten Mundschutz. Auch in der Sanitätsbaracke gibt es keinen Strom.Das Lager Pavshino liegt in Transkarpatien. Fünf Stunden sind es von Wien bis hierher. Einst trennte diese Gegend Habsburgs Reich vom Rest der Welt. Heute ist das slowakisch-ungarisch-ukrainische Ländereck das neue Einfallstor für Einwanderer, die von Nahost via Russland über die grüne Grenze nach Europa flüchten. 5000 werden jedes Jahr geschnappt. Viermal so viele als vor drei Jahren. Sie hausten bis vor kurzem noch in Holzschuppen und Zelten. Jetzt leben 400 von ihnen in dieser Kaserne. Lagerleiter Terekov steht in seinem Dienstcontainer, einer Spende der EU, und sagt: "Dabei haben wir hier nur für halb so viele Platz."Die Gefangenen draußen zupfen die Besucher am Ärmel, sie deuten auf schlecht verheilte Knochenbrüche, auf Narben. Wenn sie fluchen, zeigen sie ihre schlechten Zähne. Viele Kriegsflüchtlinge sind darunter, nicht nur solche, die wirtschaftlicher Not entkommen wollten. Ein Iraker hebt seinen Armstumpf, eine Autobombe war's, wie er mit amerikanischem Akzent erzählt. Er arbeitete für die US-Soldaten. Nach Schweden wollte er, wo seine Landsleute sofort Asyl bekämen.Die Internierten wirken in ihren Wollmänteln und Decken wie Kriegsgefangene, dabei herrschen hier keine Generäle, sondern nur von der EU überforderte ukrainische Bürokraten. Keiner von ihnen wird den Gefangenen Asyl gewähren, zumindest sagt das die Statistik. Dabei erzählen viele Männer hier von Folter in der Heimat. Dort waren einige von ihnen Doktoren und Ingenieure, hier fühlen sie sich "wie Hunde" behandelt.General Terekov kann die Männer nicht verstehen, seine Soldaten brüllen nur ukrainische oder russische Kommandos über den Kasernenhof. Es gibt hier keine Dolmetscher, es verirrt sich nur manchmal ein Anwalt hierher, finanziert von der Caritas oder der ukrainischen Hilfsorganisation Neeka. Die sorgen dafür, dass es wenigstens Nahrung, Wasser und warme Kleidung gibt. Denn in den Baracken halten Fetzen statt Türen die Kälte fern, es riecht nach Rauch, Schweiß und Urin. Im Duschraum kauert ein Inder und schrubbt mit aufgeweichten Fingern seine Unterhosen im dreckigen Wasser. Seit zwei Jahren schon lebe er hier, weil ihn die Grenzwachen immer wieder geschnappt hatten, erzählt er. Zurück kann er nicht, ihm fehle das Geld. Das wenige, das er hatte, sei von den Wachen gestohlen worden.Lagerleiter Terekov sagt zu solchen Vorwürfen: "Diese Leute lügen doch alle!" Doch die Missstände, von denen die Internierten erzählen, werden auch in Berichten des Europarats oder der amerikanischen Organisation Human Rights Watch erwähnt. Als "rechtliches Niemandsland" bezeichnet das UN-Flüchtlingshochkommissariat dieses Camp fernab der Öffentlichkeit. "Gefangene dürfen alle drei Monate drei Minuten telefonieren", informiert ein Schild im Lager.Es sind grundsätzliche Fragen, die sich hier am neuen Schengenzaun stellen.Europa braucht eine Grenze. Sie rückt immer weiter nach Osten, in Richtung Armut. Eine Grenze muss beschützt werden, sonst wäre sie keine. Die Frage ist, wie weit eine offene Gesellschaft dabei gehen darf. Soll die Union ihre Migrationsprobleme an völlig überforderte Nachbarn einfach auslagern, nur um das eigene Territorium zu schützen? Sind wir für die Not jener verantwortlich, die hier hängenbleiben?Das sind nicht nur rechtliche Fragen, sondern auch politische. Die Antwort darauf wird das Außenbild Europas mitprägen. Ist es nur noch eine Festung? Oder auch ein Kontinent der Freiheit?So wie es heute in den Flüchtlingsbaracken der Ukraine ausschaut, so sah es vor zehn Jahren noch in Ungarn, Polen oder der Slowakei aus. Diese Länder wollten in die EU, sie mussten ihre Lager und vor allem ihren Staatsapparat auf Druck Brüssels sanieren und bekamen dafür Geld. Nun rückt das Problem ein paar Autostunden weiter, hinaus aus der "Union des Rechts", wie sich die EU gerne nennt. Hier fühlt sich keiner mehr verantwortlich, die kritische europäische Öffentlichkeit blickt nur selten her.Die EU-Kommisson fordert derweil weitere Investitionen in die Sicherheit. Unbemannte Drohnen mit Kameras sollen hier bald kreisen, Überwachungssatelliten sollen ins All geschossen werden. Hundert Millionen Euro hatte allein die Slowakei in den Grenzschutz investiert. Und schon werden "Rückführungsabkommen" geschlossen. Die Ukraine, die als "sicheres Drittland" eingestuft wird, soll in zwei Jahren noch mehr "Illegale" schnell und "unbürokratisch" zurücknehmen - dafür bekommt das Land dreißig Millionen Euro. Wo das Geld hinfließt, wissen nicht einmal die höchsten Generäle der Grenzschutztruppen, wenn man sie danach fragt.Die neue Härte betrifft aber längst nicht nur die "Illegalen", sondern auch die Grenzbewohner und eine gebildete Schicht von Ukrainern, die es aufgrund bürokratischer Schikanen nicht mehr in den Westen schaffen. Während man vier Stunden auf die Ausreise in die EU wartet, kann man das beobachten: Europas Zöllner fordern etwa im ukrainischen Grenzort Chop ausnahmslos alle Ukrainer dazu auf, ihre Motorhauben zu öffnen, manche Autos werden zerlegt. Das taten früher nur die Zöllner der UdSSR. Alte Frauen müssen wie Verdächtige aus ihrem klapprigen Reisebus steigen und ihre Plastiksäcke leeren. Drei Männern wird befohlen, hunderte Pflastersteine von einem Lastwagen zu hieven, um sie gleich darauf wieder aufzuladen. Es könnte ja etwas darunter versteckt sein. Daneben ungarische Zöllner mit den Händen in den Hosentaschen.Dazu kommen finanzielle Belastungen: 35 Euro kostet ein normales Touristenvisum für jemanden, der bloß in die slowakische Nachbarschaft jenseits der Grenze fahren will - bei einem Monatsgehalt von 150 Euro und einer Durchschnittsrente von siebzig Euro ist das kaum erschwinglich.Die Sicherheitspolitiker der EU sind stolz auf diese neuen Sicherheitsvorkehrungen. Als der slowakische Innenminister Robert Kalinak im letzten Dezember von Österreich die Verantwortung für den Schengen-Grenzschutz übernahm, klickte er vor den Journalisten in seinem Büro die Bilder der Wärmebildkameras herbei. Schwarze Schatten waren da im Unterholz zu sehen, es waren Flüchtlinge. Kalinak sagte: "Wir klauben die Grenzgänger auf wie im Supermarkt."Was die Kameras nicht zeigen, ist das weitere Schicksal dieser Schatten, die zumeist in Pavshino landen. Die Ukraine sei mit dem Flüchtlingsstrom "strukturell überfordert", warnt Simone Wolken, Chefin des UN-Flüchtlingshochkommissariats. Sie sitzt in einem bescheidenen Büro in der Nähe des berühmten orthodoxen Lavra-Kloster in Kiew und versucht, diplomatisch zu bleiben. Sie will den Ukrainern keine Schuld zuweisen, aber das Land werde zum Sumpf, dem Flüchtlinge nicht mehr entkommen. Europa habe zu hohe Erwartungen an die demokratischen und institutionellen Reformen im Land gestellt. Es sei an der Zeit, das einzugestehen. Die Ukraine sei kein sicherer Drittstaat.Doch Europa übernimmt, abseits von kleinen Spenden an Hilfsvereine und Lager, keine wirkliche Verantwortung, sondern schiebt auch sie ab. Es ist vor allem die UNO, die hier kleine NGOs in maroden Plattenbauvorstädten unterstützt, damit wenigstens Kinder und Mütter in normalen, beheizten Heimen leben und etwas Ukrainisch lernen können.Um das Chaos zu verstehen, muss man Nikola Erukh besuchen. Er ist der Chef der obersten ukrainischen Asylbehörde in Kiew. Zumindest glaubt Erukh, dass er das ist. Er hat nicht einmal eine Visitenkarte, weil er nicht weiß, welchem Ministerium er heute gerade zugeordnet ist. "Es ist der vierte Machtwechsel in fünf Jahren", klagt Erukh und streicht sich über den weißen Bart, "ständig werden die Behörden reorganisiert, was für ein Chaos."Wenn er aus dem Fenster blickt, sieht er die abgedunkelten Autos der Neureichen über das Pflaster rollen. Wenn er in sein winziges Büro blickt, sieht er nichts. Durch stockfinstere Korridore stolpern hier die Beamten, es ist so düster, dass sie in ihren Büros nicht einmal eine Akte lesen können. "Die Regierung hat die Stromrechnung nicht bezahlt", klagt Erukh. Wie soll er dann Asylanträge bearbeiten? Was soll Europa tun, Herr Erukh? Er lächelt und streckt beide Hände aus. Er braucht Geld, aber er weiß, dass es wieder versickern wird.Dieser Mann also kümmert sich um die Papiere der Internierten, die im fernen Pavshino seit Monaten in den Baracken sitzen. In den vergangenen Jahren hat sein Amt nur ein paar Dutzend Anträge positiv beschieden. 2006 war es kein einziger. Vergangenes Jahr wurde neun Monate lang überhaupt keine Entscheidung gefällt.So beginnt ein kafkaeskes Treiben: Es werden noch mehr über die grüne Grenze fliehen, um diesem System zu entkommen. Und noch mehr werden geschnappt werden. Sechs Monate dürfen Asylwerber in Pavshino eingesperrt werden. Kaum sind sie frei, werden sie auch schon wieder geschnappt. Mehr als zwei Jahre verbringen manche deshalb in den Lagern, ohne Prozess, ohne Verfahren, ohne richterliche Kontrolle. Oft vertrauen sich die "Illegalen" nach der Freilassung gleich wieder Bauern aus den Grenzdörfern an, die Schleichwege durch Sümpfe oder Flüsse kennen und sich mit Fluchthilfe ein Zubrot verdienen wollen. Mitunter enden diese Abenteuer tödlich. Im Winter fanden Grenzschützer eine Tschetschenin im Wald, drei erfrorene Kinder hielt sie in ihren Armen.Solche Meldungen dringen nur selten bis zu Westeuropas Presse vor, dabei gehören die Toten hier in der ukrainisch-slowakischen Grenzregion fast schon zum Alltag. "Die Dörfler", so erzählen es zumindest die in der Grenzstadt Uzghorod tätigen Lokaljournalistinnen, "sprechen von 'Schneeglöckchen', wenn sie im Frühling die Leichen finden." Es herrsche Angst vor den Fremden, ergänzt Natalia Prokopchuk, Sprecherin des UNHCR. "Die Bauern", sagt sie, "fürchten sich vor fremden Krankheiten."Plattenbausiedlungen, unfertige Gebäude, Schlaglöcher, verfallene Villen und Rentner, die in Mülltonnen graben - das ist die ukrainisch-slowakische Grenzstadt Uzghorod. Hier, in einem kleinen Amtsgebäude, residiert Victoria Kovach. Sie stellt sich als "Chief Specialist" der Fremdenpolizei vor. Ein dicker blauer Vorhang filtert die Sonne in ihrem Büro, alles schimmert blau, sogar das Bild des vergifteten und beinahe ermordeten Präsidenten Viktor Juschtschenko. Nur Frau Kovach trägt Schwarz. Vor ihrer Tür sitzen Afrikaner. Auch sie hat keine Dolmetscher, um diese Männer zu verstehen. Auf den ersten Blick würde man sie für eine strenge Bürokratin halten. Was Schengen verändert hat? Frau Kovach spricht leise, sie will ihre eigene Geschichte erzählen: Sie wollte nach Budapest fahren, um der Beerdigung eines ungarischen Verwandten beizuwohnen. Vor hundert Tagen wäre das kein Problem gewesen. Jetzt aber herrsche Schengen und das Regime europäischer Bürokraten. Die ungarischen Dokumente des Toten hätte Frau Kovach am ungarischen Konsulat vorlegen müssen, dazu Gehaltsbestätigungen, Vermögensaufstellungen und Leumundszeugnisse. Sie hätte unterschreiben sollen, in der EU niemals Asyl zu beantragen. Vorzulegen war auch eine "Verpflichtungserklärung", in der die ungarischen Verwandten versicherten, für alle Kosten aufzukommen, die Frau Kovach in der EU verursache. Natürlich konnte sie die Papiere in der kurzen Zeit nicht abliefern. Sie musste der Beerdigung fernbleiben. Nicht nur familiär, auch beruflich sei sie von der Welt abgeschnitten. Der dänische Flüchtlingsrat habe sie neulich zu einem Seminar eingeladen, selbst dafür habe sie kein Visum bekommen.Es wird eine weitere Seite dieser neuen Grenze sichtbar: Nicht nur Flüchtlinge, auch die Ukrainer selbst fühlen sich von der EU gedemütigt. Natalia Prokopchuk, die Sprecherin des UNHCR, könnte viele Geschichten darüber erzählen. Sie sorgt hier in der Grenzregion dafür, dass illegale Einwanderer menschenwürdig leben, und sie kennt Diplomaten, Journalisten, Gelehrte, die sich ausgeschlossen fühlen. Gerne würde auch Prokopchuk privat in den Westen reisen, das Einkommen dazu hätte sie. Aber ein schneller Urlaubstrip nach Wien? "Nahezu unmöglich", sagt Prokopchuk, zumal als alleinstehende Frau. Auf den westlichen Konsulaten wird routinemäßig angenommen, sie sei vielleicht insgeheim eine Prostituierte.Eselskarren, betrunkene Roma, hupende Ladas, aufgeschreckte Hühner, ab und zu eine Luxuskarosse mit verdunkelten Scheiben. Das kleine Dorf Schönborn liegt nur wenige Kilometer vom Internierungscamp Pavshino und der Grenzstadt Uzghorod entfernt. Einst war hier Habsburgs Österreich, die Städte sehen heute noch aus wie eine sowjetische Variante von St. Pölten oder Hollabrunn. Auch viele Dorfnamen erinnern an alte Zeiten. Die Ortschaften heißen Mädchendorf, Plankendorf, Blaubart, Birkendorf. Schönborns Straßenschilder sind zweisprachig, und auf der Kirche steht: "Ehre sei Gott." Einst gehörten diese Ländereien dem Großvater des Wiener Erzbischofs. Und Otto Habsburg, erzählen die Bauern stolz, habe auch einmal vorbeigeschaut.Den Bauern hier sind die Nöte der Flüchtlinge im Wald von Pavshino nicht bekannt. Dass ein paar Kilometer entfern, hinter Stacheldraht, Indien Pakistan im Kricket besiegt hat - diese Facette der Globalisierung würden die Leute hier nicht erahnen. Anna Lockes zum Beispiel, 62 Jahre alt, steht in einer speckigen Kittelschürze vor ihrem Hof und hat nur "schwarze Gestalten" gesehen, die immer wieder "aus den Sträuchern kriechen". Frau Lockes schimpft sie "Pferdedarm und Schweinerachen".Anna Lockes sagt, sie könne nur noch weinen, wenn sie den Niedergang des Dorfes sieht. Sie spricht Deutsch wie vor 300 Jahren, Schwäbisch, so wie ihre Vorfahren, die unter Maria Theresia hier angesiedelt wurden. "Den Eltern der Tod, uns die Not, den Kindern das Brot" war deren Wahlspruch. Doch er erfüllte sich für Anna Lockes nicht. Die große Politik zog über das Dorf hinweg, Österreicher, Ungarn, Tschechen, Nazideutsche, Sowjets herrschten hier. Frei und satt war Anna Lockes selten. Sie wurde von den Russen als "Hitleri" und "Fritzi" verspottet. Viele ihrer deutschen Nachbarn landeten in den Gulags Sibiriens, als Rache für die Massaker der Nazis. Die Juden der nahen Stadt Mukachevo wurden von Eichmann nach Auschwitz deportiert."Michail Gorbatschow öffnete die Grenzen für uns!", sagt Lockes. Es gab Hoffnung im Dorf. Jetzt ist es damit vorbei. Wenn die Bauern krank werden, schickt sie der Arzt zu Vater Burkhards Heilungsgottesdienst, weil nur Gott ohne Honorar arbeitet. Hundert Leute beten dann eingemummt in dicke Mäntel den Rosenkranz und hoffen auf ein Wunder: "Das Geld ist hier das Gesetz! Selig die Armen", tröstet sie der bayerische Priester. Viel mehr kann er auch nicht tun.Vater Burkhard ist gewiss kein Rebell, aber wenn er über Schengen spricht, dann sagt er: "Mir kocht das Blut!" und fordert "Revolution". Er sitzt in seinem Pfarrhaus, hinter ihm tickt eine Kuckucksuhr, daneben hängt eine Karte der österreichisch-ungarischen Monarchie.Bevor die neue Grenze kam, hätten die Leute im Nachbarland am Schwarzmarkt eingekauft, ein kleiner Wohlstand habe sich angekündigt. Die Dörfler hätten den Tank billig in der Ukraine befüllt und jenseits der Grenze wieder ausgepumpt. Für die Differenz gab es Gemüse. Heute wird an der Grenze sogar die Tankfüllung von kleinen Ladas notiert. Ehrliche Leute würden "wie Schwarzarbeiter behandelt". "Eine Oma", sagt Burkhard, "stand weinend an der Grenze, weil die Zöllner zwei Flaschen selbstgebrannten Wodka konfiszierten. Das soll Europa sein?" Jeder hier, sagt er, lebte doch vom Schwarzhandel. Nun vegetieren die Leute im Dreck, ihre Gasrechnungen können sie nicht bezahlen, eiskalter Kapitalismus habe sich breitgemacht.Verunsicherte Bauern, vergessene Flüchtlinge, gedemütigte Intellektuelle. Fast könnte man vergessen, dass es nicht Europa war, sondern die Sowjetunion, die das Land hier in die Armut stürzte. Die EU gab den Menschen Hoffnung. Die EU war stets ein Vorbild. Die Ukrainer träumen heute noch von dieser Union. Die Frage ist, wie lange noch.------------------------------Foto: Zeitvertreib. Inder und Pakistani spielen Kricket gegeneinander. Die Ausrüstung ist improvisiert.------------------------------Foto: Barackenleben. 400 Flüchtlinge leben in der Kaserne. Dabei ist nur für halb so viele Platz.------------------------------Foto: Interniert. Ukrainische Posten bewachen die Lagerinsassen. Die EU zahlt dafür.------------------------------Foto: Selbsthilfe. Die Gefangenen schneiden sich gegenseitig die Haare. Strom gibt es im Lager nicht.