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Berliner Zeitung | Integrationsbeauftragter diskutierte darüber erstmals mit Migranten, Schwulen und Lesben am runden Tisch: Immer mehr Übergriffe gegen Homosexuelle
29. October 2008
http://www.berliner-zeitung.de/15527288
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Integrationsbeauftragter diskutierte darüber erstmals mit Migranten, Schwulen und Lesben am runden Tisch: Immer mehr Übergriffe gegen Homosexuelle

Für Homosexuelle wird Berlin offenbar immer gefährlicher. Mehr als 300 Übergriffe hat das Antigewaltprojekt Maneo im vergangenen Jahr registriert. Nach Vereinsangaben hat die Zahl dieses Jahr leicht zugenommen. Jüngster Fall: In der Nacht zu gestern wurde in Hellersdorf ein lesbisches Paar angegriffen.Am U-Bahnhof Kaulsdorf schlugen die Täter gegen 22.45 Uhr auf eine 21-Jährige und ihre 19-jährige Lebenspartnerin ein und besprühten sie mit roter Farbe. Als die Ältere nach einem Faustschlag zu Boden stürzte, traten und schlugen die Unbekannten weiter auf sie ein. Die Frau erlitt Prellungen und eine Verletzung am rechten Ohr. Der Staatsschutz übernahm die Ermittlungen, da die Polizei von einer "homophoben Motivation" für den Angriff ausgeht. In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Homosexuelle angegriffen. So wurden im August an einem Homosexuellen-Treffpunkt im Tiergarten drei Männer angegriffen. Ein 48-Jähriger lag danach mehrere Tage im Koma.Muslime verurteilen GewaltGenaue Zahlen zu Übergriffen gegen Homosexuelle hat die Polizei nach Angaben eines Sprechers nicht. Viele Fälle werden bei der Behörde nur unter der Rubrik Körperverletzung erfasst. Die Dunkelziffer der Übergriffe wird als hoch eingeschätzt, da nach Einschätzung von Maneo Schwule und Lesben Angriffe oft nicht melden.Nach einem schwulenfeindlichen Artikel in einem deutsch-arabischen Magazin haben sich gestern erstmals Muslime und Homosexuellenvereine am runden Tisch getroffen, eine Initiative des Integrationsbeauftragten Günter Piening. "Homophobie ist eine Verhaltensweise, die wir mitgebracht haben - davor dürfen wir nicht die Augen verschließen", sagte der türkischstämmige Safter Cinar für den Landesmigrationsrat. Cinar erinnerte aber auch an Vorurteile in der deutschen Gesellschaft. Diskussionen löste eine Erklärung von sieben muslimischen Vereinen aus. Darin heißt es, dass es "ausgehend von den Aussagen des Korans" unter den muslimischen Gelehrten den Konsens gebe, "homosexuelle Handlungen theologisch als Sünde" zu betrachten, so wie Alkoholgenuss. Alles, was als Sünde gelte, sei wiederum Privatsache. Dennoch verurteilen unter anderem die türkischen Religionsanstalten (DITIB), die muslimische Jugend und INSSAN "jegliche Form der Verfolgung oder gar Gewaltanwendung gegen Homosexuelle."Trotz der in dieser Form erstmals geäußerten Distanzierung vermisste der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (LSVD), Alexander Zinn, "Achtung und Respekt." Homosexualität als Sünde zu bezeichnen, sei als Abwertung zu verstehen. Auffällig sei vor allem die Abneigung türkisch- und arabischstämmiger Jugendlicher gegen Homosexuelle. Der LSVD wünschte sich gemeinsame Aktionen unter muslimischen Jugendlichen und die Beteiligung der Muslime an der Kampagne "Liebe verdient Respekt". "Der Anfang für weitere Gespräche ist hoffentlich gemacht", resümierte die Landesgleichstellungsbeauftragte Eren Ünsal.