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Interview mit Militärexperten: „Putin wird allein entscheiden“

Russlands Präsident Wladimir Putin: "Seine Welt ist das 19. Jahrhundert."

Russlands Präsident Wladimir Putin: "Seine Welt ist das 19. Jahrhundert."

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dpa

Berlin/Moskau -

Russlands Verteidigungsminister Schojgu hat am Donnerstag Manöver an der Grenze zur Ukraine angekündigt. Dies sei Russlands „erzwungene Reaktion“ auf den Einsatz ukrainischer Truppen im Donezker Gebiet. Die russischen Truppen an der Grenze seien nicht für eine Besetzung geeignet, aber dennoch könne ein Angriff jederzeit erfolgen, meint der russische Journalist und militärpolitische Experte Alexander Golz.

Herr Golz, bedeutet das eine neue militärische Eskalation?

Eigentlich ist das nichts Neues. Es ist von denselben Truppen die Rede, die schon Ende Februar, Anfang März an die Grenze verlegt wurden. Was die bisher getan haben, wird jetzt einfach anders genannt. Bisher war von „intensivem Training einzelner Einheiten“ die Rede, jetzt von „Übungen der Bataillons-Kampfverbände“.

Es gibt da keinen Unterschied?

Schojgu hat von „operativer Entfaltung“ gesprochen. Das heißt, dass die Verbände noch näher an die Grenze verlegt wurden.

Wie viele Truppen stehen denn insgesamt an der Grenze?

Das weiß niemand so genau. Der Oberkommandierende der Nato-Streitkräfte hat sie auf 40.000 bis 50.000 geschätzt.

Für wie wahrscheinlich halten Sie einen Einmarsch in die Ukraine?

Vor Kurzem haben wir von Putins Sprecher erfahren, dass Russlands Präsident ganz allein die Entscheidung getroffen hat, die Krim anzugliedern. Genauso wird Putin auch allein über einen Einmarsch entscheiden. Wir Analytiker – mich eingeschlossen – haben uns in letzter Zeit geirrt, wenn wir Putins Logik vorhersagen wollten. Das liegt nicht daran, dass wir schlecht sind, oder jedenfalls nicht nur. Eine Analyse kann nur Rationales erfassen. Für Irrationales sind andere zuständig.

Versuchen wir es doch trotzdem mit rationalen Argumenten. Was könnte das Ziel eines Einmarschs sein?

Was jetzt an der Grenze steht, das ist der Prototyp der schnellen Einsatzkräfte, die Russland aufbaut. Es sind Luftlandetruppen sowie drei, vier Eliteeinheiten des Heeres. Die sind schon von ihrer geringen Anzahl her nicht für die Besetzung eines Territoriums geeignet. Die schnellen Einsatzkräfte sind ursprünglich dafür gedacht, ein Einsickern der Taliban nach Zentralasien zu verhindern. Die Truppenstärke reicht nicht mal, um eine einzige ukrainische Region zu besetzen. Es müsste ja eine neue Grenze gezogen werden, da braucht man mindestens 100.000 Mann. Wenn wir das alles rational analysieren, ist ein Befehl zum Angriff kaum denkbar. Dennoch kann er jederzeit erfolgen!

Wäre nicht ein kurzer Einsatz denkbar, ohne den Versuch einer Besetzung?

Und was soll der bezwecken? Nehmen wir an, die russischen Truppen würden in schnellen Kämpfen jene 11.000 ukrainischen Soldaten besiegen, die Schojgu gezählt hat. Das wäre nicht mal schwierig. Aber die Kiewer Führung hat ja offenkundig beschlossen, die eigenen Bürger zu bewaffnen. Was in meinen Augen ein tragischer Fehler ist, wenn nicht ein Verbrechen. Für uns heißt das: In einem Nachbarstaat, der von uns durch eine weitgehend auf dem Papier bestehende Grenze getrennt ist, beginnt ein Bürgerkrieg. Und Russland würde sich Anschlägen bewaffneter Gruppen aussetzen, die auf unser Gebiet eindringen können.

Was halten Sie von der „Antiterroroperation“, die die Kiewer Führung derzeit mit ihren Truppen durchführt?

Gar nichts. Es ist noch nie gelungen, mit Waffen gut gegen eine Zivilbevölkerung vorzugehen. Daran sind die besten Armeen der Welt gescheitert, sogar die amerikanische. Und die ukrainische Armee ist in jämmerlichem Zustand. Das ist eben das Dilemma: Alle fordern in Kiew einen Einsatz von Gewalt, so wie 1994 in Moskau gegen die Tschetschenen. Aber die Weisheit der Politiker muss darin bestehen, die Armee trotz aller Demütigungen nicht einzusetzen.

Kiew behauptet, in Slawjansk seien russische Spezialeinheiten am Werk, darunter ein Oberst des militärischen Geheimdienstes GRU. Halten Sie das für möglich?

Ja, selbstverständlich. Allerdings konnte man auf der Krim den uniformierten „grünen Männchen“ gleich ansehen, dass sie professionelle Militärs waren. Die Bilder, die ich aus Slawjansk sehe, sind anders. Das sieht eher nach Krethi und Plethi aus.

Sie haben über Putins Irrationalität geredet. Aber er hat doch sicher seine eigene Logik?

Sicher. Er hat sie sogar 15 Jahre lang ehrlich dargelegt, wir haben bloß nicht hingehört. Er hat die ganze Zeit offen gesagt, dass ein geopolitisches Ringen zwischen Russland und dem Westen stattfindet, und dass er selbst in der Welt der Realpolitik des 19. Jahrhunderts lebt. Wir haben das bloß nicht geglaubt und dachten, er tut nur so einfältig. Aber wenn es nun wirklich so ist? Seine Welt ist das 19. Jahrhundert – oder Jalta 1945, wenn Sie wollen. Er findet es richtig, wenn die großen Jungs sich treffen und die Welt untereinander aufteilen. Hauptsache, alle sind der Meinung, das Russland zu diesem Klub gehört.

Das Gespräch führte Christian Esch.



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