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Interview UN-Experte Kanayo Nwanze: „Wir müssen uns besser auf die Krise nach Ebola vorbereiten“

Kanayo Nwanze, Präsident des UN-Fonds für ländliche Entwicklung.

Kanayo Nwanze, Präsident des UN-Fonds für ländliche Entwicklung.

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AFP/TIZIANA FABI

Ebola ist die derzeit größte Gefahr in Westafrika, doch die nächste Krise kündigt sich an. Kanayo Nwanze, Präsident des UN-Fonds für ländliche Entwicklung, warnt vor einer Hungersnot und beschreibt, was passieren muss, damit Afrika der nächsten Katastrophe entkommt.

Herr Nwanze, wieso droht neben Ebola nun auch noch eine Hungersnot in Westafrika?

In den ländlichen Regionen, in denen Ebola grassiert, leben viele kleine Landwirte. Viele bestellen aus Angst vor der Seuche ihre Felder nicht mehr. In Sierra Leone haben 40 Prozent der Farmer ihre Arbeit niedergelegt, die Lebensmittelproduktion kommt zum Erliegen. Befallene Dörfer standen über Wochen unter Quarantäne, auch gesunde Leute durften sich nicht vom Fleck bewegen. Besonders jetzt zur Regenzeit müssen die Felder aber regelmäßig bestellt und abgeerntet werden. Viele Äcker sind in dieser Zeit verwahrlost, die Ernte für dieses Jahr ist hinüber.

Inwiefern wird der lokale Handel durch die Epidemie beeinflusst?

Die Bauern aus den betroffenen Gebieten finden keine Abnehmer mehr für ihre Produkte. Eine Bergregion in Guinea ist beispielsweise bekannt für ihren Kartoffel- und Zwiebelanbau. Im vergangenen Jahr exportierte Guinea mehr als 250 Tonnen davon nach Senegal, dieses Jahr sind es noch keine 22 Tonnen. Niemand will in einem Land einkaufen, in dem eine Seuche grassiert. Senegal hat sich andere, teurere Handelspartner gesucht. Die lokalen Handelsbeziehungen der betroffenen Länder leiden also sehr unter der Stigmatisierung durch Ebola. Schiffe, dürfen nicht mehr in den Häfen von Liberia und Sierra Leone anlegen, an den Grenzen wurden Straßensperren errichtet. Diese betroffenen Länder werden regelrecht isoliert – wirtschaftlich und sozial.

Wie soll es für die betroffenen Länder weitergehen?

Natürlich muss in erster Linie die Krankheit bekämpft werden, sodass weniger Menschen sich anstecken und sterben. Aber gleichzeitig müssen sowohl die internationale Gemeinschaft als auch die Regierungen beachten, welchen Einfluss Ebola auf die Lebensmittelproduktion hat. Sonst passiert das gleiche wie mit der Ebola-Krise: Solange Ebola nur in den entlegenen, ländlichen Regionen grassierte, hat sich niemand für die Krankheit interessiert. Erst als sie auch die großen Städte erreichte, wurde die Welt aufmerksam und geriet in Panik. Die Hungersnot ist die nun folgende Krise, mit ihr darf uns nicht dasselbe passieren. Wir müssen uns besser vorbereiten.

Wie kann so eine Vorbereitung aussehen?

Die betroffenen Länder brauchen eine Strategie, wie sie sich von der Ebola-Epidemie erholen können. Dazu gehört eine gesicherte Lebensmittelversorgung, aber auch die Rehabilitation der Landwirte und der wirtschaftlichen Institutionen. Die Menschen müssen die Möglichkeiten bekommen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Außerdem werden zusätzliche Lehrer, Krankenpfleger und Landwirte benötigt werden. Die Hilfswerke müssen ihr Konzept überdenken, sie müssen dem Land und der Regierung dabei helfen sich zu erneuern. Diese Hilfe kann auch darin bestehen, einen vorübergehenden Mangel an Nahrungsmitteln zu decken.

Welche Rolle kann Deutschland im Kampf gegen Ebola und die drohende Hungersnot spielen?

Deutschland ist im kommenden Jahr Gastgeber des G7-Gipfels, eine einzigartige Plattform für die internationale Gemeinschaft. Dort können Akzente gesetzt und ein Bewusstsein für den Zusammenhang von Krankheiten und Hungersnöten geschaffen werden. Im Idealfall haben auch andere Länder neben Deutschland einen Weitblick für dieses Problem und entwickeln ein Frühwarnsystem, das eingreift, solange wir noch eingreifen können.

Das klingt ziemlich idealistisch

Natürlich, aber meine Erfahrung gibt mir Grund dazu. Bei meiner Arbeit in ländlichen Regionen sehe ich, dass sich die Lage der Menschen schlagartig verbessert, sobald sie Zugang zu Markt und Infrastruktur haben. Wenn wir die Bedingungen dafür schaffen, bewegen sie sich von selbst aus der Armut heraus.

Das Gespräch führte Merle Sievers.