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Islam: Der rechte Glaube und der Rechtsstaat

Tradition und Moderne: Zwei verhüllt afghanische Frauen fotografieren mit ihren Smartphones.

Tradition und Moderne: Zwei verhüllt afghanische Frauen fotografieren mit ihren Smartphones.

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REUTERS

Der Islam ist dem Anspruch nach eine öffentliche Religion mit weitreichendem Regelungsanspruch, die sich nicht leicht in ein gesellschaftliches Subsystem und die Privatheit abdrängen lässt. Die meisten Muslime sind überzeugt, dass der Islam neben dem rechten Glauben, den das Glaubensbekenntnis bezeugt („Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Prophet“), das rechte Handeln erfordert, und dass sie gehalten sind, ihren Glauben im täglichen Leben unter Beweis zu stellen.

Der Islam als Religion bindet die Gläubigen demnach nicht allein an Gott: Er beinhaltet eine bestimmte Lebensführung. Die religiösen Pflichten sind darauf angelegt, Zugehörigkeit öffentlich sichtbar und hörbar zu machen. Der Gebetsruf des Muezzins verkündet öffentlich die Wahrheit des Islams. Das Freitagsgebet und die Pilgerfahrt nach Mekka bekunden öffentlich die Zugehörigkeit der Gläubigen zur Weltgemeinschaft der Muslime. Hörbarkeit und Sichtbarkeit gehen dort in Hegemonie über, wo anderen Religionsgemeinschaften vergleichbare Praktiken – Prozessionen, Glockengeläut, öffentliche Kultausübung – untersagt werden, und das gilt für viele islamisch geprägte Länder, darunter selbst solche, die sich säkular geben.

So gering nun die Akzeptanz öffentlicher Bekundungen religiöser oder sozialer Abweichung von Kritik und Zweifel bis zu Karikatur und Spott und von der freien Wahl des sexuellen Partners bis zur Freizügigkeit des Lebenswandels auch sein mag – deren gewaltsame Unterdrückung wird ebenfalls ungern gesehen.

Man ist versucht, von einer viktorianischen Attitüde zu sprechen, besonders gut zu sehen in einem Land wie Saudi-Arabien, wo die allgegenwärtigen Mauern um private Häuser und Anwesen eine deutliche Sprache sprechen. Solange nach außen, gegenüber den Autoritäten und den Nachbarn, der Schein gewahrt bleibt, gilt: My home is my castle.

In der Vergangenheit waren Regierungen bereit, verbotene und unzulässige Praktiken wie den Konsum von Alkohol und Drogen, Homoerotik und Prostitution so lange zu dulden, ja gegebenenfalls sogar zu besteuern, wie sie sich hinter geschlossenen Türen abspielten, das heißt im privaten Raum, oder in den Häusern und Vierteln von Nichtmuslimen. An dieser Grundeinstellung hat sich wenig geändert. Nur gewisse islamistische Kreise wollen die Grenzen nicht anerkennen und das Leben der Muslime überall und jederzeit regulieren, gleichgültig ob öffentlich oder privat.

Gerade damit erregen sie – Saudi-Arabien oder auch Ägypten unter islamistischer Regierung belegen es gut – den Unwillen selbst frommer Muslime, die Alkohol, Homoerotik und Prostitution zwar ablehnen, die aber nicht in allen großen und kleinen Dingen des Lebens von islamischen Sittenwächtern zur Ordnung gerufen werden wollen. Hier könnte man wohl von Ambivalenz sprechen. Auf jeden Fall verkehrt es das Muster ins Gegenteil, dem gemäß Säkularisierung die Religion in den privaten Raum abdrängt: Hier dominieren religiös begründete Regeln den öffentlichen Raum, sei es, dass sie von Staats wegen durchgesetzt werden, sei es, dass breite Bevölkerungskreise auf ihre Einhaltung pochen, sei es, dass beides zusammenfällt. Kritik, Zweifel, Abweichung und Widerstand ziehen sich in den privaten Raum zurück.

Islamische Wellnessindustrie

Aber auch dieses Muster ist in Bewegung geraten: Die Ausweitung des Cyberspace und der sozialen Medien verwischt zusehends die Grenzen zwischen öffentlich und privat. Wie zwiespältig diese Entwicklung ist, zeigen die Enthüllungen über die großflächige Überwachung der Nutzer durch private Unternehmen und staatliche Sicherheitsdienste. In den Gesellschaften des Mittleren Ostens steht vorläufig noch ein anderer Aspekt im Vordergrund: die Chance nämlich, dass der Cyberspace im Wortsinn neue Räume öffnet, in denen Ideen und Ausdrucksformen entfaltet werden können, die im öffentlichen Diskurs nicht geduldet werden, ja, vielleicht nicht einmal im privaten Raum der eigenen vier Wände.

Wiederum geben Saudi-Arabien und die mit Blick auf Meinungsfreiheit und Geschlechtertrennung restriktiveren Golfstaaten das beste Beispiel ab, wo sich in den virtuellen Medien in vergleichsweise kurzer Zeit eine ungemein lebendige künstlerische und literarische Szene etabliert hat, die wenige Tabus beachtet. Wie dies auf die bestehende Trennung von privat und öffentlich einwirkt, der vor allem Frauen unterliegen, ist offen. Ein freier religiöser Markt, wie er in Amerika, Westeuropa oder Teilen Ostasiens besteht, hat sich bislang nicht herausgebildet.

Parallel zur Ausweitung des virtuellen Raumes kommt ein weiteres Phänomen ins Spiel: Die Islamisierung nicht nur von Wissenschaft, Kultur und Recht, begleitet von einer häufig demonstrativen, wenn nicht ostentativen Einhaltung islamischer Pflichten und Gebote, sondern die Ausbreitung eines „islamischen“ Marktes, „islamischer“ Medien, einer „islamischen“ Wellness- und Lebenshilfeindustrie, einer „islamischen“ Jugendkultur. Das alles ist nicht ohne Entsprechung in anderen Regionen und Kulturen. Auch die Parallelen zwischen den von Max Weber beschriebenen protestantischen Kapitalisten und den muslimischen Unternehmern in Anatolien, Malaysia und Indonesien sind verschiedentlich registriert worden. Aber der islamische Wirtschafts- und Unterhaltungssektor ist doch umfassender und vielfältiger als Pendants im christlichen, jüdischen oder buddhistischen Milieu. Seine Stärke belegt die Verbindung von technischer Moderne und öffentlicher Religiosität und zugleich den Zusammenhang von Religion, Konvention und Mode (und das heißt auch von Kommerz).

Angesichts unübersehbarer Prozesse der Säkularisierung von Staat, Recht, Ökonomie und Bildung muss erstaunen, dass das Prinzip der Säkularität in den arabischen Gesellschaften des Mittleren Ostens weiterhin so umstritten ist, und dass auch säkulare Kräfte sich vielfach scheuen, offen von Säkularismus als Mittel gesellschaftlicher Befriedung zu sprechen.

Die Frage lautet nicht, ob Musliminnen und Muslime in einer säkularen Ordnung leben können: Die Frage ist hinlänglich beantwortet, und zwar positiv, indem Millionen von ihnen in säkularen Gesellschaften leben, die sie nicht im Sinne der Scharia umzugestalten wünschen, und zwar nicht nur auf nicht-islamischem Boden, in Europa, Amerika, Australien und der Russischen Föderation, sondern auch in Indien oder Indonesien, die früher unter islamischer Herrschaft standen, und in denen Muslime entweder eine große Minderheit oder die Bevölkerungsmehrheit stellen. Die Frage lautet, ob Muslime in der arabischen Welt das säkulare Prinzip, das zwischen religiösen und nicht-religiösen Sphären unterscheidet, als legitimes Mittel zur Organisation ihrer eigenen Staaten und Gesellschaften sehen.

Während des arabischen Frühlings waren entsprechende Stimmen zu hören, für die Islamische Republik Iran gilt dies schon seit längerer Zeit. Sie konnten sich bislang gegen ihre Widersacher nicht durchsetzen, die zum einen religiös, zum anderen politisch argumentieren.

Autoritärer Säkularismus

Das im weitesten Sinn religiöse Argument ist aus unterschiedlichsten Zusammenhängen bekannt und daher unspezifisch: Es assoziiert Säkularität beziehungsweise den Säkularismus mit Atheismus, und wer gottlos ist, hat keine Werte und keinen Respekt vor Sitte und Anstand. Das politische Argument ist spezifisch und ohne Entsprechung in den westlichen Gesellschaften: Es assoziiert Säkularisierung mit dem kolonialen Projekt der Moderne, versteht den Säkularismus als Ideologie autoritärer Regierungen, gegen die eigene Gesellschaft gewaltsam durchgesetzt, und denunziert Säkularisten als Agenten entweder des Westens oder der eigenen autoritären Regime. Nahrung erhält das Argument aus der Tatsache, dass säkulare Prinzipien in den meisten Fällen tatsächlich auf autoritärem Weg durchgesetzt wurden, nicht auf demokratischem; die Türkei unter Atatürk, Tunesien unter Bourguiba, der Irak unter Saddam Hussein und Syrien unter Hafiz al-Assad belegen es in unterschiedlichen Abstufungen.

Das politische Argument, das Säkularität beziehungsweise den Säkularismus als Mittel der Kolonisierung und der kulturellen Entfremdung darstellt, nicht der intellektuellen Befreiung und gesellschaftlichen Befriedung, besitzt ebenso viel Gewicht wie die Furcht vor einem Bedeutungsverlust der Religion. Beide unterstreichen sie die Bedeutung von Identität und Identitätspolitik, die im arabischen Mittleren Osten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine so überragende und, wie ich behaupten würde, größere Rolle gespielt haben als in anderen Teilen der Welt. Nichts davon ergibt sich quasi natürlich aus den Texten von Koran und Sunna, die das säkulare Prinzip durchaus zulassen, sondern allenfalls aus einer spezifischen Lesart dieser Texte, die im arabischen Mittleren Osten heute noch dominiert.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Vortrag, den die Autorin zum Auftakt des 32. Deutschen Orientalistentags an der Universität Münster gehalten hat. Gudrun Krämer leitet an der Freien Universität Berlin das Institut für Islamwissenschaft. Sie ist auch Direktorin der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies.