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Berliner Zeitung | Islamistischer Terror in Europa, Flüchtlinge und Rassismus: 2015 war das Jahr der Erkenntnis
30. December 2015
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Islamistischer Terror in Europa, Flüchtlinge und Rassismus: 2015 war das Jahr der Erkenntnis

Das Brandenburger Tor erstrahlte nach den Attentaten in Paris in den Farben der französischen Flagge.

Das Brandenburger Tor erstrahlte nach den Attentaten in Paris in den Farben der französischen Flagge.

Foto:

imago/Xinhua

Wir haben die Augen zugemacht, solange es irgend ging. Wir haben die Warnungen nicht hören wollen. Wir haben nicht hingeschaut, nicht nachgedacht. Der Krieg in Syrien ging ins vierte Jahr. Die Lage in den Flüchtlingscamps in Jordanien und in der Türkei wurde schlecht und schlechter. Der Terror des Islamischen Staats wurde grausamer und erfolgreicher. Wir haben nicht verstanden, haben nicht verstehen wollen, dass uns all das betrifft, etwas angeht. Wir denken in Grenzen – und all das spielte sich außerhalb unserer Grenzen ab, außerhalb Deutschlands, außerhalb Europas.

Als dann im Januar der Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo in Paris passierte, dämmerte es uns langsam: Wir sind gemeint. Es war ein Angriff ins Zentrum unserer sogenannten westlichen Werte. Ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Damals waren wir erschüttert, haben aber die Zeichen noch nicht richtig gedeutet. Dieser Anschlag auf Charlie Hebdo hätte uns schon damals zeigen können, weshalb die Flüchtlinge zu Hunderttausenden ihre Heimat verlassen: wegen der völligen Abwesenheit von Sicherheit, von Demokratie und Menschenwürde. Und wegen einer für uns nicht vorstellbaren Perspektivlosigkeit.

Wir hätten nicht überrascht sein müssen

Hätten wir das verstanden, wir wären nicht so überrascht gewesen, dass im Laufe des Jahres immer mehr Flüchtlinge kamen. Nein, wir hätten uns eigentlich wundern müssen, dass sie nicht längst da sind, dass sie jahrelang ausgeharrt haben in den Lagern, im zerstörten Aleppo, in den Vororten von Damaskus, wo jeden Tag die Bomben einschlagen. Hätten wir also aufgemerkt, hätten wir nachgedacht, wir wären ein wenig besser vorbereitet gewesen. Aber auf was? Auf einen Mangel an Betten, an Essen, an Kleidung, an Schulplätzen, an Wohnungen? Auch darauf. Viele akute Mängel und Unzulänglichkeiten wären vorhersehbar gewesen. Nun ja, praktische Probleme, Bürokratie. Mit gutem Willen, etwas Geduld und maßvollen Ansprüchen dürfte all dies lösbar sein.

Aber was uns mit Wucht getroffen hat, wovor wir immer noch fassungslos stehen, das sind wir selbst. Wir wussten nicht, wie viele unter uns fähig sind zum Hass gegen Fremde. Wir wussten nicht, wie aufgeregt wir auf den Mangel an Feldbetten oder auf Schlangen vor Erstaufnahmeeinrichtungen reagieren. Wir wussten nicht, wie intolerant und ängstlich wir Fremden gegenüber sind und wie wenig selbstbewusst wir unsere Kultur, unsere politischen Wertvorstellungen und unsere Lebensweise vertreten. Wir wussten nicht, wie viel Angst wir vor der Konkurrenz von Menschen haben, die nichts mehr besitzen als den Glauben daran, dass sie mit eigener Kraft ihre Lage verbessern können. Wir wussten aber auch nicht, wie viel Hilfsbereitschaft und Mitgefühl viele Menschen in diesem Land den Flüchtlingen entgegenbringen.

Und das ist unsere Chance. 2015 war das Jahr der Erkenntnis. Der Erkenntnis, dass die Welt nicht „da draußen“ ist, sondern hier. 2016 müssen wir daraus Konsequenzen ziehen. Indem wir ohne gefühlsduseliges Gutmenschentum oder ideologisches Grundsatzgefasel pragmatisch die Probleme im Land angehen. Indem wir beherzt und streitbar unsere Werte im Inneren und in Europa leben und verteidigen. Indem wir besonnen den schwierigen Weg der Einmischung in die Krisen der Welt beschreiten.

Wie? Alles zu schwierig, zu kompliziert, nicht zu schaffen? Doch. Nur nicht sofort. Und nicht alles. Und nicht immer.