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Italien: Die importierte Billigmasche

Chinesische Gastarbeiter gedenken mit Kerzen der sieben Brandopfer.

Chinesische Gastarbeiter gedenken mit Kerzen der sieben Brandopfer.

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AFP

Prato -

China liegt direkt vor der mittelalterlichen Stadtmauer von Prato, nicht weit vom Dom mit den Fresken des florentinischen Renaissancemalers Filippo Lippi. Hier, in den Straßen rund um die Via Pistoiese, leuchten Schilder mit chinesischen Schriftzeichen, sind die Namen der Geschäfte zweisprachig. Der Schönheitssalon heißt „Centro Estetica Fang“, der Friseur „Parucchiere Yu Li“, die Restaurants „Wengzhou“ oder „Xin Dou“. In den Läden sind chinesische Heilkräuter und lackierte Pekingenten im Angebot. An der Bushaltestelle steht ein Schild: „Aus hygienischen Gründen bitte nicht auf die Straße spucken“. Und es ist weit und breit kein Italiener zu sehen. Die Passanten, die Verkäufer in den Geschäften, die Gäste der Restaurants, alle sind Chinesen.

Prato, zwanzig Kilometer nordwestlich von Florenz, ist seit dem Mittelalter ein Zentrum der Stoffherstellung in Italien. Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein Industriezweig mit kleinen Webereien, Färbereien und Nähereien, die der Stadt das Etikett „Manchester der Toskana“ einbrachten.

Jeder vierte Einwohner aus China

Heute hat Prato 190.000 Einwohner und nach offiziellen Zahlen sind 15.000 davon chinesische Staatsbürger. Tatsächlich leben aber zusätzlich 20.000 bis 40.000 Chinesen illegal in der Stadt. Das heißt, jeder vierte bis fünfte Einwohner stammt vermutlich aus China. Die ersten kamen vor etwa zwanzig Jahren, um Billigkleidung „Made in Italy“ zu nähen. Sie leben in der Toskana fast wie in ihrer Heimat. Und sie werden ebenso ausgebeutet wie Textilarbeiter in Asien – von Landsleuten. Etwa 3500 von Chinesen geführte Textilbetriebe sind heute in Prato aktiv.

An diesem Winternachmittag tritt einige Kilometer entfernt, im Industriebezirk Macrolotto, die Kommissarin Flora Leoni aus einer kleinen Fabrikhalle. Das Gebäude aus roten Ziegelsteinen ist abgesperrt, davor sind verkohlte Kleiderbügel und verbrannte Stoffballen aufgeschüttet. Dutzende rote Kerzen flackern, am Tor zeigen Fotos die Gesichter von sieben chinesischen Männern und Frauen. Die Textilarbeiter sind hier am ersten Dezembersonntag gestorben, weil ein Feuer ausbrach, während sie schliefen.

Kommissarin Leoni, Chefin einer 18-köpfigen Sondereinheit der Polizei, ist am Unglücksort, um erneut nach Spuren zu suchen. Noch ist unklar, was den Brand auslöste. „Es kann ein Gasbrenner gewesen sein, mit denen die Arbeiter kochen und heizen. Oder eine achtlos weggeworfene Zigarette“, sagt die Kommissarin, während sie die Atemmaske abstreift und sich aus dem weißen Schutzanzug schält, unter dem die Uniform und lange blonde Haare zum Vorschein kommen.

Ein Euro pro Stunde

Flora Leoni weiß, wie es in der ausgebrannten Halle von „Teresa Moda“ ausgesehen haben muss. Seit vier Jahren kontrolliert sie chinesische Textilbetriebe. Fast alle funktionieren nach demselben Prinzip, sagt sie. „In 95 von 100 Fällen wohnen die Leute an ihrem Arbeitsplatz.“ Verschläge aus Gipsplatten und Karton sind eingebaut, in denen die Arbeiter schlafen. Gekocht und gegessen wird meist direkt neben den Nähmaschinen. Sie arbeiten 14 bis 16 Stunden, auch nachts, für einen Euro die Stunde. „Hohe Arbeitsintensität, Produktionsmittel von schlechter Qualität, Leute ohne Ausbildung – das ist das chinesische Modell, das nach Prato importiert wurde“, sagt Kommissarin Leoni.

Macrolotto, das in den 80er-Jahren angelegte Industrieviertel von Prato, war für einheimische Stoffhersteller und Nähereien gedacht. Doch in den Tausenden Hallen sind nur noch wenige italienische Betriebe zu finden. Dem globalisierten Wettbewerb hielt die Hälfte der einst 8 000 Textilunternehmen in Prato nicht stand. Dass es eine Infrastruktur für die Branche gab, zog ab Mitte der 80er-Jahre die Chinesen an. Jetzt sind fast alle Schilder in Macrolotto zweisprachig. „My Lucky Pronto Moda“ oder „Molly’s Pronto Moda“ steht da, flankiert von chinesischen Schriftzeichen. Nur die Besitzer der Hallen sind Italiener, sie verdienen gut an der Vermietung.

Alessandro, der seinen Nachnamen nicht nennen will, ist einer der wenigen Einheimischen, die hier arbeiten. In seinem Lager liegen Hunderte Stoffrollen, von schwarz-grauem Nadelstreifen bis pinkfarbenem Jersey. „Früher haben wir hier selbst hochwertige Wolle produziert“, sagt er. „Heute kaufen wir die Stoffe in China ein und verkaufen sie weiter an italienische und chinesische Nähereien in Prato.“

Giuseppe erklärt, was Pronto Moda bedeutet, anderswo Fast Fashion, schnelle Mode genannt. „Die Chinesen können über Nacht große Mengen Kleidungsstücke liefern. Sie bieten eigene Modelle an, oder sie arbeiten auf Bestellung, auch für große Ketten wie Zara.“ Die Qualität der Stoffe aus China ist schlecht, aber die Kleidung aus Prato ist spottbillig und sie trägt das Etikett „Made in Italy“. Sie landet in Geschäften in ganz Europa. Bei „QQ Pronto Moda“, einem der vielen Großhandel in Macrolotto, hängen Hunderte paillettenbesetzte Kleider. Der chinesische Inhaber spricht kaum Italienisch. Den Preis der Kleider kann er nennen: Fünf Euro das Stück.

Der Stoffhändler Giuseppe hat zu seinen chinesischen Nachbarn in Macrolotto wenig Kontakt. „Das ist eine Welt für sich“, sagt er. Mit Journalisten will seit dem Brandunglück erst recht keiner reden. Selbst die beiden chinesischen Unternehmer, die als einzige im Industrieverband von Prato sind, lehnen ein Interview ab. Die Chinesen, die man auf der Straße anspricht, reagieren verängstigt. Nur im Kulturzentrum, das von Chinesen finanziert wird und wo kein Italiener zu sehen ist, lässt sich im Sekretariat ein junger Mann auf ein Gespräch ein. Seit acht Jahren sei er in Italien, sagt er, aber er fühle sich nicht wohl. „Es ist nicht nur die Sprache, es ist das ganze Denken.“

Es gibt Hoffnungsschimmer, dass sich die beiden Welten annähern könnten. Fast ein Drittel der Kinder in Pratos Schulen gehört zur zweiten Generation der in Italien geborenen Chinesen. Sie sprechen Italienisch. Und nach dem Brandunglück fand eine gemeinsame Trauerfeier von Italienern und Chinesen statt. Doch das Problem ist die Illegalität: Wer kein Aufenthaltsrecht hat, ist schwer zu integrieren.

Überall Kameras

Im Macrolotto hängen über jedem Tor Kameras. „Wenn wir anrücken, verschwinden die illegalen Arbeiter“, sagt Kommissarin Leoni. Oft gebe es eingebaute Verstecke, die ihre Leute ausfindig machen müssen. In den vergangenen vier Jahren wurden 1200 Betriebe kontrolliert und 1100 geschlossen.

Die Halle wird versiegelt, Unterlagen werden beschlagnahmt, die Arbeiter im Polizeipräsidium identifiziert und aufgefordert, innerhalb von fünf Tagen auszureisen – was natürlich keiner tut, wie Flora Leoni einräumt. „Auch die Maschinen holen sie einfach wieder aus den Hallen und fangen woanders neu an.“ Hinter all dem stehe eine Organisation in China, die mit Italienern zusammenarbeite. „Die Chinesen reisen mit Touristenvisa ein, dann nimmt man ihnen die Pässe ab.“ Das Heer von versklavten Arbeitskräften sei flexibel einsetzbar.

Vor ein paar Tagen sind elf Chinesen und Italiener verhaftet worden, die Aufenthaltsgenehmigungen verkauften, zu Preisen zwischen 400 und 1000 Euro. Ein Mitarbeiter der Meldestelle war darunter. Kein Einzelfall, glaubt der für Sicherheit zuständige Stadtrat Aldo Milone. Er ist überzeugt, dass die chinesische Mafia im Spiel ist. Sie beute die Landsleute, die aus armen ländlichen Gegenden kommen, gnadenlos aus. In Prato sei ein rechtsfreier Raum entstanden. Er selbst habe erstmals 1997 darauf aufmerksam gemacht. „Aber erst vor vier Jahren wurden die Kontrollen verfünffacht. Wir machen jetzt eine Razzia pro Tag – immer noch viel zu wenig. Doch die Stadt hat keine Leute.“

Drogenhandel eingeschleppt

Dass es in Prato reiche Chinesen gibt, ist nicht zu übersehen. In der Chinatown fahren junge Chinesen im Porsche Carrera oder in Mercedes-Limousinen durch die Straßen. In der Parfümerie bieten chinesische Verkäuferinnen teure französische Markenkosmetik an. Doch ein Großteil des Geldes fließt nach China. „4,8 Milliarden Euro sind in den letzten vier Jahren aus Prato überwiesen worden“, sagt Bürgermeister Roberto Cenni im mittelalterlichen Rathaus. Er war selbst Textilunternehmer, bevor er 2009 als Parteiloser, gestützt von einem Mitte-Rechts-Bündnis, sein Büro mit Gewölbedecke bezog. Stadt und Staat seien durch Steuerhinterziehung schätzungsweise 2,5 Milliarden Euro entgangen.

Cenni macht keinen Hehl daraus, wie sehr ihn die Chinesen stören. „Sie spucken auf die Straßen, sie werfen ihren Müll überall hin. Sie haben den Handel mit synthetischen Drogen nach Prato gebracht.“ Dass man durch das Brandunglück nun international aufmerksam geworden sei, stimme ihn optimistisch. „Der Staat muss die Legalität endlich wieder herstellen.“ Schwierigkeiten, die entstehen, wenn die vielen chinesischen Betriebe wieder verschwinden würden, versucht der Bürgermeister kleinzureden. „Dann haben wir eben ein paar wirtschaftliche Schwierigkeiten – aber wenigstens ist die Harmonie wieder hergestellt.“



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