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Jesuiten Flüchtlingsdienst Deutschland: „Reiche Länder müssen mehr Flüchtlinge aufnehmen“

Frido Pflüger.

Frido Pflüger.

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Angelika Mendes/JRS

Pater Pflüger, Papst Franziskus – der Jesuit ist wie Sie – betet am Montag in Lampedusa für Flüchtlinge. Wie finden Sie diese Reise?

Das ist ein starkes Zeichen: Die Kirche setzt sich für die ein, die ganz am Rande der Gesellschaft stehen. Ich finde es gut, dass Franziskus auf seiner allerersten Reise nicht irgendeinen Staatsmann besucht. Sondern er geht dorthin, wo Menschen aufgrund unhaltbarer Zustände ertrunken sind.

Waren Sie schon auf Lampedusa?

Nein. Aber ich kenne die Umstände, aus denen die dort ankommenden Flüchtlinge fliehen. Ich habe viele Jahre in afrikanischen Flüchtlingscamps gearbeitet – in Uganda, im Sudan und in Äthiopien.


Was haben Sie dort gemacht?

Der Jesuitenflüchtlingsdienst unterrichtet beispielsweise Kinder und Jugendliche, macht psychosoziale Angebote und bietet Erwachsenenbildung.Das Lagerleben ist ja furchtbar langweilig, die Flüchtlinge dürfen das Camp nicht verlassen, sie haben nichts zu tun. Und das über Jahre und Jahrzehnte. Das ist furchtbar. Viele versuchen, dem zu entkommen, und manche machen sich auf den gefährlichen Weg nach Europa.

Betreuen Sie im Moment Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kamen und sich bis nach Deutschland durchschlagen konnten?

Ja. In Berlin-Köpenick sitzen knapp 15 Menschen in Abschiebehaft, in Eisenhüttenstadt etwa 25, in München noch mehr. Bei etwa 80 Prozent handelt es sich um Fälle, die –entsprechend der europäischen Asylgesetzgebung – in das Land abgeschoben werden sollen, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten haben. Einige von ihnen kamen über das Mittelmeer.

Das heißt, diese Menschen werden nach Italien abgeschoben, weil sie in Lampedusa an Land gingen?

Genau. Aber inzwischen verbieten das manche Gerichte, weil in vielen Flüchtlingsgefängnissen an den EU-Außengrenzen schlimme Zustände herrschen. Nach Griechenland darf beispielsweise niemand mehr abgeschoben werden. In Fällen, in denen Flüchtlinge nach Italien zurückgebracht werden sollen, verhalten sich die deutschen Gerichte uneinheitlich. Das ist schrecklich. Hinzu kommt, dass – anders als Angeklagte in Strafprozessen – die Flüchtlinge in den Asylverfahren nicht automatisch einen Rechtsbeistand haben.

Können Sie ihnen helfen?

Ja, unsere Mitarbeiter gehen regelmäßig, ein bis zwei Mal inder Woche, in die Abschiebegefängnisse und sprechen mit den Inhaftierten. So erfahren wir, wie es Ihnen geht, ob ihr Verfahren rechtens abläuft oder ob Rechtsbeihilfe nötig ist. Relativ regelmäßig engagieren wir Anwälte, die wir aus unseren spendengestützten Rechtshilfefonds finanzieren. Wir sind da sehr erfolgreich.

Was heißt das?

Wir gewinnen mehr als 50 Prozent der Verfahren, auch in höheren Instanzen.

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Was bedeutet das für die Flüchtlinge?
Sie kommen aus dem Abschiebegefängnis frei, aber sie haben noch keinen gesicherten Aufenthaltsstatus. Ihre Situation verbessert sich also ein wenig. Aber die mitunter Jahre währende Unsicherheit, ob sie bleiben dürfen, und das Arbeitsverbot machen die Leute krank.


Was müsste in Ihren Augen verändert werden, damit die Flüchtlingspolitik humaner wird?

Erstens muss Verteilung gleichmäßiger erfolgen, reiche Länder müssen mehr Flüchtlinge aufnehmen und müssen sicherstellen, dass sie in Würde leben können. Die Nordländer dürfen das Problem nicht auf die Südländer abwälzen. Außerdem muss sich in den Köpfen der Menschen etwas ändern: Viel zu oft wird angenommen, dass die Flüchtlinge ihre Notlage nur vorschieben. Aber niemand verlässt seine Familie, seine Heimat, seine Wurzeln nur für ein paar Euro.

Auf dem Oranienplatz in Kreuzberg gibt es seit einigen Monaten ein Protestcamp von Flüchtlingen. Unterstützen Sie diese Aktion?

Wir haben uns daran nicht beteiligt, weil es genug andere Unterstützer gab. Hinter den inhaltlichen Forderungen stehen wir – also Abschaffung der Residenzpflicht und der Lebensmittelgutscheine, Verbesserung der medizinischen Versorgung, Verkürzung der Zeit bis zur Arbeitserlaubnis. Nur die Forderung nach einem Bleiberecht für Alle – die ist uns zu pauschal.

Was kann der Papstbesuch auf Lampedusa bestenfalls bewirken?

Ich hoffe, dass er uns Christenmenschen aufrüttelt, besonders die Berufspolitiker. Es ist erschütternd zu sehen, dass Flüchtlinge oft in christlich-konservativen Kreisen Ablehnung erfahren. Durch das eindeutige Zeichen des Papstes wird klar: eine solche Haltung ist nicht christlich; christlich ist vielmehr, hinzugehen und sie willkommen zu heißen.

Das Gespräch führte Susanne Rost.