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Jüdische Ausstellung in Warschau: Der Hüter des Gedenkens

Das Museum ist als Zeitreise konzipiert. Hier der Nachbau einer Warschauer Straße in den blühenden Zwischenkriegsjahren.

Das Museum ist als Zeitreise konzipiert. Hier der Nachbau einer Warschauer Straße in den blühenden Zwischenkriegsjahren.

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Museum der Geschichte der polnischen Jude

Marian Turski ist ein glücklicher Mann. Glücklicher jedenfalls, als Moses es war. Moses habe zwar die Juden aus Ägypten geführt, das Rote Meer geteilt, die zehn Gebote entgegengenommen und überhaupt viel Wichtigeres getan als er, sagt Marian Turski. Doch Moses wurde am Ende dafür nicht belohnt. Der Prophet starb, ohne jemals das Gelobte Land gesehen zu haben. Aber er, Marian Turski, Holocaust-Überlebender, Journalist, Sozialist und Träumer – er hat das Gelobte Land nicht nur gesehen, er hat sich dort ein Büro eingerichtet.

Turskis Gelobtes Land ist ein riesiges quadratisches Gebäude mit einer Fassade aus Kupfer und Glas, fünf Stockwerke hoch, 13.000 Quadratmeter groß. Es steht in der Mitte Warschaus, dort, wo einst die Nationalsozialisten das jüdische Ghetto errichteten. 2009 wurde der Grundstein gelegt, 2013 das Haus als „Museum der Geschichte der polnischen Juden“ eingeweiht. Doch die Dauerausstellung wird nach über einjähriger Verzögerung erst am 28. Oktober offiziell eröffnet. Es wird eine große Feier, Israels Staatspräsident will teilnehmen – und selbstverständlich Marian Turski.

Eine Würdigung des Lebens

Seit er in den Achtzigerjahren in Tel Aviv zum ersten Mal das Diaspora-Museum gesehen hat, träumte Turski von einem Haus, das in Warschau die Geschichte der polnischen Juden zeigen würde. Schließlich sollen neun Millionen der etwa fünfzehn Millionen Juden weltweit ihre Wurzeln in Polen haben. Wie das Tel Aviver Museum sollte es vor allem eine Würdigung des Lebens sein. Keine Holocaust-Gedenkstätte nach dem Vorbild von Yad Vashem, sondern ein Ort, der die Vielfalt der tausendjährigen Geschichte der Juden in Polen zeigt. Der erklärt, wie und warum ausgerechnet in diesem mitteleuropäischen Land die größte jüdische Gemeinde der Welt florierte und was durch ihre Vernichtung ausgelöscht wurde.

Marian Turskis Traum ist nun Wirklichkeit geworden – und zu seinen liebsten Tätigkeiten gehört es, durch das Haus zu führen, an dessen Gestaltung er als Chef des Museumsrats maßgeblich beteiligt war. Turski, der mit 88 Jahren nur leicht gebeugt geht und auf dessen Lippen oft ein gütiges Lächeln liegt, beginnt den Rundgang in der Eingangshalle mit den meterhohen Fensterscheiben. Hinter der Scheibe auf der linken Seite liegt das Mahnmal der Helden des Ghettos, das an die blutige Niederschlagung des Aufstands von 1943 erinnert und vor dem Willy Brandt 1970 kniete.

Hinter der Scheibe zur Rechten beginnt ein Park, in dem sich der Alltag der polnischen Hauptstadt wie auf einer Bühne zeigt: Männer in Anzügen eilen vorbei, Jugendliche hocken im Gras und unterhalten sich, andere spielen Volleyball. Manchem Besucher sei dieser Anblick im Sommer, wenn sich Damen etwas leichter bekleidet vor der Scheibe sonnten, zu weit gegangen, berichtet Turski . Er sieht das nicht so streng. Im Gegenteil. Für ihn baut das Museum gerade an diesem Ort eine Brücke: zwischen Tod und Leben, Vergangenheit und Zukunft.

„Po-lin“ ist Hebräisch und bedeutet „Bleib hier“

Marian Turski hieß noch Mosze Turbowicz, als er mit 18 Jahren aus dem Ghetto Litzmannstadt in Lodz nach Auschwitz deportiert wurde. Zwei Jahre zuvor hatte er sich einer linken Gewerkschaft angeschlossen und im Untergrund gegen die deutschen Besatzer gekämpft. Er versteckte sich und entkam so bis zum 29. August 1944 der Deportation.

Nach seiner Ankunft in Auschwitz wurde er als arbeitsfähig eingestuft, was ihn vor den Gaskammern rettete. Turski wusste damals nicht, dass sein Vater und sein Bruder kurz zuvor in eben jenen Gaskammern ermordet worden waren. Erst später erfuhr er, dass nur seine Mutter die Selektion überlebt hatte. Von seinen 42 engsten Angehörigen starben alle bis auf drei.

Marian Turski geht voraus ins Untergeschoss, wo die Ausstellung beginnt. Ein virtueller Wald wird an die Wand projiziert, man stellt sich vor, wie es raschelt und rauscht. „Po-lin“ – das waren die Worte, die die ersten jüdischen Siedler angeblich vom Himmel hörten, als sie in Polen Schutz vor der Vertreibung aus Westeuropa suchten. „Po-lin“ ist Hebräisch und bedeutet so viel wie: „Bleib hier“ – nach der Legende war die jüdische Besiedlung also eine Art göttliche Aufforderung.

An die Wände sind in großen Buchstaben Sätze gemalt, sie stammen aus einem über tausend Jahre alten Tagebuch: Ibrahim ibn Yacub hat es geführt, ein Jude aus Cordoba, den der Kalif im 10. Jahrhundert auf eine diplomatische Mission entsandte und der auf seiner Reise durch Europa seine Eindrücke notierte. Dieses Prinzip setzt sich in jeder der acht Galerien fort, die jeweils eine Epoche beleuchten: Der Betrachter soll die jeweilige Zeit aus den Augen eines Ich-Erzählers erleben und sich so als Teil der Geschichte fühlen.

Dass die Ausstellung an amerikanische Museen erinnert, liegt unter anderem an Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Kuratorin und Professorin der New York University. Mit Karten, Bildern, vergrößerten Original-Dokumenten und Projektionen versuchte sie, in jeder Galerie die Atmosphäre der Zeit zu erwecken. Die relativ geringe Anzahl an Artefakten wird vor allem durch viele multimediale Installationen wett gemacht.

Endlich gibt es diese Räume wirklich

Wie ein funkelnder Schmuckkasten wirkt zum Beispiel die Galerie des sogenannten Goldenen Zeitalters, der Blütezeit der Juden im 16. Jahrhundert. Damals war Polen das mächtigste Land Zentraleuropas und König Kazimierz ein weltoffener Herrscher, der Religionsfreiheit gewährte. Neben der damaligen Hauptstadt Krakau ließ er eine Stadt für jüdische Handwerker, Händler und Geschäftsleute bauen, die er Kazimierz nannte. Das polnische Reich wurde damals „Paradisus Iudaeorum“ genannt, jüdisches Paradies.

Ein Modell der beiden Städte steht im Zentrum der Galerie, die fast nur durch die bunten Lichter der multimedialen Landkarten beleuchtet wird und groß wie ein Ballsaal ist. Damals wurden auch die ersten jüdischen Bücher auf polnischem Boden gedruckt und Münzen geprägt. In der Ausstellung gibt es Druckmaschinen und Münzpräger, die man bedienen darf. Überhaupt gilt es viele Knöpfe zu drücken und virtuelle Seiten zu blättern. Marian Turski liebt diesen Aspekt der Ausstellung. Er tippt mit seinem Finger ungeduldig auf die Bildschirme, lässt seine Hand über die glatten Flächen gleiten, studiert Dokumente und Landkarten. Unzählige Male ist er durch die Räume gegangen und doch wirkt er so, als könne er immer noch nicht glauben, dass es sie wirklich gibt.

Mit seinen Besuchern ist Turski zuweilen streng. Egal, ob er einen früheren polnischen Ministerpräsidenten, einen Botschafter oder eine Wirtschaftsdelegation führt – freundlich, aber bestimmt ermahnt er sie, in seiner Nähe zu bleiben. Er scheint Angst zu haben, dass seine Besucher etwas verpassen, einen Zusammenhang nicht verstehen oder eine wichtige jüdische Errungenschaft schlicht übersehen, wenn er sie nicht persönlich darauf hinweist.

Großzügig erstrecken sich die Ausstellungsflächen

Am liebsten sammelt Turski, der in Warschau auch als Vize-Vorstand des Jüdischen Historischen Instituts fungiert, seine Gäste ganz nah um sich. Mit seiner leisen, melodischen Stimme erklärt er dann das, was seiner Meinung nach am allerwichtigsten ist. Zum Beispiel die Synagoge im Schtetl, wie die jüdische Siedlungen in Polen genannt wurden.

Fast originalgetreu sind Kirche, Tränke, Wirtshaus eines Schtetl rekonstruiert. Beamer projizieren animierte Figuren in Kostümen aus der Epoche an die Wände, die sich bewegen, als würden sie ihr Tagesgeschäft verrichten. Höhepunkt der Galerie und des gesamten Museums ist die farbenprächtige hölzerne Synagoge, die einst in Gwozdziec in der heutigen Ukraine stand und von 400 Freiwilligen für Warschau rekonstruiert wurde. Die Nachbildung ist zwei Stockwerke hoch.

Dimensionen spielen eine wichtige Rolle im Museum. Immer, wenn die polnischen Juden eine Blütezeit erlebten, also die Toleranz des multikulturellen Polens genossen, erstrecken sich die Flächen großzügig. Immer, wenn sie diskriminiert und verfolgt wurden, schließen sich die Räume. Es wird eng und düster. So wie in der kurzen Feuergalerie, einem schmalen roten Gang, der für die Verfolgung der Juden durch die Kosaken steht.

Dem Holocaust ist die vorletzte Galerie gewidmet. Es wird sehr dunkel, der Überfall von Hitlerdeutschland auf Polen am 1. September 1939, Drangsalierungen und Demütigungen der Juden, das Warschauer Ghetto wird errichtet. Symbolisiert wird es durch einen düsteren, engen Gang, der vor allem durch lichtunterlegte Fotos und Zitate von Adam Czerniakow, Chef des Judenrats im Warschauer Ghetto und Emanuel Ringelblum, Organisator des geheimen Ghetto-Archivs, erleuchtet wird.

Eine Holztreppe führt zu einer Brücke, die damals das kleine mit dem großen Ghetto verband und von der aus ein Blick ins „arische“ Warschau möglich war. Beim Abstieg wiederholt eine Stimme monoton die Namen der Ghetto-Straßen, die Haus für Haus geräumt wurden und die zu jenem Platz führten, von dem aus Zigtausende in die Konzentrationslager, meist nach Treblinka, transportiert wurden.

Marian Turski verbrachte sechs Monate in Auschwitz. Zehn Tage vor der Befreiung durch die Rote Armee wurden er und seine Mitgefangenen gezwungen, nach Loslau zu laufen, 49 Kilometer, bei 20 Grad unter Null. Wer zusammenbrach, wurde erschossen. Turski hat gelernt, im Laufen zu schlafen. Von 600 Gefangenen kamen 450 in Loslau an. Sie wurden in Viehwagen verfrachtet und in dreieinhalb Tagen nach Buchenwald transportiert, ohne Essen und Trinken. Der Schnee, der in die offenen Waggons fiel, war die einzige Flüssigkeit, die Turski auf den Lippen spürte.

Bis zum 8. April wurde er in Buchenwald gefangen gehalten. Zwei Tage vor der Befreiung ging es in einem zweiten Todesmarsch nach Theresienstadt, im Zickzack, um den anrückenden Soldaten der Alliierten auszuweichen. Als Theresienstadt am 8. Mai 1945 befreit wurde, hatte Marian Turski keine Kraft mehr, um sich zu freuen. Er wog nur noch 32 Kilo, erbrach alles, was er zu sich nahm, und war von Typhusfieber geschwächt. Fast sechs Monate verbrachte er in einem Lazarett. „Wie ich, wie wir überlebten, ich weiß es nicht“, sagt er schulterzuckend.

Ein Meer von Ziegelsteinen

Städte in Schutt und Asche, ein Meer von Ziegelsteinen, überall Zerstörung – so sah das Polen aus, in das Turski zurückkehrte. Mit deckenhohen Fotos wird es in der letzten Station dokumentiert. Turski wird immer wieder gefragt, warum er nicht ausgewandert ist, warum er das Land, in dem 90 Prozent der 3,3 Millionen dort lebenden Juden ermordet wurden, nicht verlassen hat. Er blickt einen dann fast unaushaltbar lange an, zieht die Schultern hoch und hält die Hände vor den Oberkörper. „Weil ich an eine bessere Zukunft glaubte“, sagt er schließlich und man glaubt, ein leicht spöttisches Lächeln auf seinen Lippen zu erkennen.

Er wollte mithelfen, eine neue Gesellschaft aufzubauen, ein sozialistisches, proletarisches Polen. Er zog nach Warschau und machte zunächst Karriere in der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, später wechselte er in die Presseabteilung. 1958 wurde er Ressortleiter beim Nachrichtenmagazin Polityka. Irgendwann starb sein Idealismus. Wegen der politischen Entwicklung, Ereignissen wie der Niederschlagung des Prager Frühlings. Aber auch wegen der antisemitischen Ausschreitungen, die es immer wieder gab. In der Redaktion seiner Zeitung riet man ihm, seinen Namen zu ändern, zu seiner eigenen Sicherheit. Aus Mosze Turbowicz wurde Marian Turski.

Das Land verlassen wollte er noch immer nicht. „Viele Menschen hier haben sich mit mir solidarisch gezeigt, also zeige ich mich mit ihnen solidarisch“, sagt Turski. Selbst als er mehrmals Jobangebote von Universitäten in den USA bekam, Sehnsuchtsland vieler polnischer Juden, verließ er Warschau nicht. Heute zählt er zu den schätzungsweise 5000 bis 10.000 Juden, die wieder in der polnischen Hauptstadt leben. „Es ist wichtig, dass Menschen wie ich dageblieben sind,“, sagt er. „Als Hüter des Gedenkens.“

Marian Turski ist wieder in dem mächtigen Foyer angekommen. Er sagt, er mag die Halle, weil sie den Bilbao-Effekt habe, also wie das architektonisch aufsehenerregende Guggenheim-Museum im spanischen Bilbao schon durch ihre Raumwirkung neugierig mache. Weil ihr Entwurf jenen Bilbao-Effekt versprach, haben die finnischen Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma die Ausschreibung gewonnen – obwohl sich an dem Wettbewerb auch so renommierte Architekten wie Daniel Libeskind beteiligt haben. Für Museum und Ausstellung wurden 82,5 Millionen Euro ausgegeben, polnische Steuergelder und Spenden, unter anderem fünf Millionen Euro der Bundesregierung.

Auch die Wände der Eingangshalle sind ungewöhnlich, nicht glatt, sondern voller Vorsprünge und Wölbungen. Jeder könne dies natürlich deuten, wie er wolle, sagt Marian Turski. Doch für ihn symbolisieren die wogenden Wände der Halle nichts anderes als das Rote Meer, das Moses teilte, um die Juden ins Gelobte Land zu führen.

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