24.01.2012

Analphabetismus: Kein Platz für Schwächen in der Arbeitswelt

Von Marc Herwig
Analphabetismus: Die Hürde, in einen Kurs zu gehen, ist mit zunehmenden Jahren extrem hoch. Schließlich verbinden die meisten mit dem Lesen und Schreiben nur negative Erinnerungen.
Analphabetismus: Die Hürde, in einen Kurs zu gehen, ist mit zunehmenden Jahren extrem hoch. Schließlich verbinden die meisten mit dem Lesen und Schreiben nur negative Erinnerungen.
Foto: dpa-tmn

Nach einer Studie der Universität Hamburg  können 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland so schlecht lesen und schreiben, dass sie als funktionale Analphabeten gelten. Das sind 14 Prozent der Bevölkerung. Viele sind arbeitslos, kaum integriert und schotten sich ab.

Nach einer Studie der Universität Hamburg können 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland so schlecht lesen und schreiben, dass sie als funktionale Analphabeten gelten. Das sind 14 Prozent der Bevölkerung. Viele sind arbeitslos, kaum integriert und schotten sich ab. „Früher konnte man auch mit geringer Lese- und Schreibkompetenz durchaus seinen Platz in der Arbeitswelt finden. Aber das wurde dann immer schwieriger“, sagt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung in Münster.

Noch größer ist die Gruppe derjenigen, die zwar lesen und schreiben können - aber allenfalls auf Grundschulniveau. „Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen. Sie drücken sich aber so weit wie möglich darum, irgendetwas schreiben zu müssen“, sagt Ute Koopmann, Vorsitzende des Arbeitskreises Grundbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband. So würden sie etwa eine Beförderung ablehnen und sich mit einem einfachen Beruf zufriedengeben.

Leseschwäche ist kein Einzelschicksal

Uwe Boldt hat es geschafft: Früher konnte er nicht lesen und schreiben. Nun hat er es im Alter noch gelernt - wegen seines Jobs.
Uwe Boldt hat es geschafft: Früher konnte er nicht lesen und schreiben. Nun hat er es im Alter noch gelernt - wegen seines Jobs.
Foto: dpa-tmn

Lesen und schreiben hat Uwe Boldt in der Schule nie richtig gelernt. 40 Jahre lang hat der Hamburger sein Leben trotzdem irgendwie gemeistert. Doch dann wurde sein Job im Hamburger Hafen komplizierter: Boldt musste die Schiffe nicht mehr nur beladen, sondern sollte bei Gefahrguttransporten auch den Papierkram machen. „Da war mir klar: So geht es nicht mehr weiter“, erzählt der 52-Jährige heute. Aber die Hemmschwelle, sich als Erwachsener für einen Lese- und Schreibkurs anzumelden, ist unglaublich hoch. Dabei ist die Erfolgsbilanz der Kurse gar nicht schlecht.

Hilfe im Netz

Weitere Informationen gibt es im Internet beim Portal der Volkshochschule oder beim Bundesverband Alphabetisierung .

Obwohl Uwe Boldt mit den Wörtern an der Tafel oder in den Schulbüchern kaum etwas anfangen konnte, blieb er nicht ein einziges Mal sitzen. „In Klassenarbeiten hatte ich immer eine Sechs, aber mündlich habe ich einiges wieder rausgerissen.“ Und die Lehrer hätten ihn wohl auch deshalb immer versetzt, weil keiner die Zeit und die Motivation hatte, um das Problem wirklich anzupacken. „Viele Lehrer sind da einfach hilflos“, sagt auch Hubertus.

Boldt hatte trotzdem noch Glück. Er fand einen Job im Hamburger Hafen, bei dem er Schiffe be- und entladen musste. Viele Jahre lang kam er klar. Doch dann kam die Zeit, als es eben nicht mehr reichte, Container auf Schiffe zu verladen und er Papiere ausfüllen sollte.

Analphabetismus: Lesen lernen als Erwachsener

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Schreiben lernt er kleckerweise

Uwe Boldt geht jetzt zweimal pro Woche in einen Volkshochschulkurs. „Es wird langsam was. Das Schreiben geht eher noch kleckerweise. Aber lesen klappt schon so gut, dass man durchs Leben kommen kann. Es geht halt nicht schnell.“ Trotzdem nehmen nur die allerwenigsten nach der Schule noch einmal einen zweiten Anlauf mit dem Lesen und Schreiben. Weniger als 20.000 Teilnehmer sind im Moment deutschlandweit in einem der Kurse registriert. „Die Betroffenen haben häufig so viele Probleme mit Geld, Gesundheit oder Familie, da ist das Lesen und Schreiben das Geringste“, sagt Koopmann.

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