image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Katalonien: Katalanen wollen Unabhängigkeit

Symbol der Bewegung: Demonstranten schwenken die katalanische Unabhängigkeitsflagge.

Symbol der Bewegung: Demonstranten schwenken die katalanische Unabhängigkeitsflagge.

VIC -

Um zu zeigen, dass fast alle hier denken wie er, muss Josep Maria Vila d’Abadal nur auf den Balkon des Rathauses treten. Er öffnet die Tür und geht ins Freie, sofort bilden sich Schweißperlen auf seiner Stirn, die Mittagshitze im katalanischen Hinterland ist unerbittlich. An jedem Haus auf dem Marktplatz hängen mehrere Fahnen, vier rote Streifen auf gelbem Grund, in den ein blaues Dreieck mit weißem Stern ragt. Die Estelada, die Unabhängigkeitsflagge Kataloniens. Bürgermeister d’Abadal stößt eine zufriedenen Seufzer aus, „ein toller Anblick“, sagt er.

Auch am Rathausbalkon hängt eine Unabhängigkeitsflagge – eine Provokation, dort müsste eigentlich die Flagge Spaniens angebracht sein. Josep Maria Vila d’Abadal hat kein Problem damit, gegen spanisches Recht zu verstoßen. Er kämpft schließlich dafür, dass die Spanier bald nichts mehr zu sagen haben in Katalonien.

Wer Vic besucht, reist ins Herz der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Nirgendwo ist der Wunsch nach einer Abspaltung von Spanien größer als in der 40 000-Einwohner-Stadt im Norden Kataloniens. Bei einem formlosen Referendum stimmten 98 Prozent der Wahlberechtigten von Vic für einen solchen Schritt. Die Abstimmung, die in allen katalanischen Städten durchgeführt wurde, hat rechtlich keine Legitimation, dennoch ist der Bürgermeister stolz auf das Ergebnis. Aber auch darauf, dass sich weitere 671 von 946 Gemeinden für die Unabhängigkeit ausgesprochen haben. Sie haben sich zur „Associació de Municipis per la Independència“ zusammengeschlossen, zu einer Unabhängigkeitsorganisation. Josep Maria Vila d’Abadal ist ihr Präsident.

Entspannt sitzt der 59-Jährige in seinem Amtszimmer, er hat das Jackett abgelegt. Über seinen Kampf spricht er mit kühler Selbstsicherheit, als ob der schon fast gewonnen wäre. „Katalonien wird unabhängig sein“, sagt er. Dass die Gegend im Nordosten Spaniens als eine von 17 autonomen Regionen des Landes nicht mal eben austreten kann, interessiert ihn nicht sonderlich. Eben so wenig wie die Ankündigung spanischer Politiker, dass man eine Unabhängigkeit niemals zulassen werde und den Separatisten notfalls mit dem Militär Einheit gebieten wolle. „Wir werden unabhängig sein“, wiederholt Josep Maria Vila d'Abadal. „Sonst sterben wir. Als Nation.“

Mit ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung sind die Katalanen nicht allein. In einigen Teilen Europas gewinnen Separatistenbewegungen an Zuspruch. In Belgien etwa würden sich die Flamen lieber heute als morgen von den Wallonen abspalten, Norditalien hat schon lange genug von Süditalien, im September 2014 entscheidet das schottische Volk darüber, ob es weiter zum britischen Königreich gehören will oder nicht. Die Gründe sind unterschiedlich: Mal wollen wohlhabende Regionen nicht mehr für ihre ärmeren Landsleute geradestehen, mal gewinnt die Sehnsucht nach einer eigenen Identität an Bedeutung. Weil auf Katalonien mit seinen 7,5 Millionen Bewohnern beides zutrifft, wird der Kampf um die Unabhängigkeit dort besonders emotional geführt.

Menschenkette unter Wasser

Rund 400.000 Menschen sollen an diesem Mittwoch, dem Nationalfeiertag Kataloniens, eine 400 Kilometer lange Kette entlang der katalanischen Mittelmeerküste bilden. Es soll der Höhepunkt der Aktionen der vergangenen Monate werden, 105 Menschenketten von im Ausland lebenden Katalanen, in vielen Ländern und sogar unter Wasser. Hat 2010 nur jeder Vierte für einen eigenen Staat votiert, tut es nach einer Umfrage des katalanischen Instituts für Meinungsforschung mittlerweile schon eine Mehrheit von 56 Prozent.

Verantwortlich dafür, so sagt es Bürgermeister d’Abadal, seien die Spanier selbst. Weil sie nicht den Dialog mit Katalonien suchten. Wie vor drei Jahren, als ein Urteil des spanischen Verfassungsgerichts die jetzige Unabhängigkeitsbewegung in Gang setzte. In dem 2006 verabschiedeten Autonomiestatut Kataloniens wurden 14 Artikel für ungültig erklärt, unter anderem auch jener Passus, der den Katalanen eine Herzensangelegenheit ist: die Feststellung, dass sie eine Nation sind.

Vom 10. bis zum 18. Jahrhundert war Katalonien ein freier, selbstbestimmter Staat, mit eigener Sprache und Kultur. Im Spanischen Erbfolgekrieg, der von 1701 bis 1714 dauerte, eroberten die Armeen der Bourbonen die Region, die auf der einen Seite von den Pyrenäen, auf der anderen vom Mittelmeer begrenzt wird. Sämtliche politischen und kulturellen Institutionen wurden aufgelöst, die Sprache verboten. Nur im Untergrund lebten die katalanische Kultur und die Sprache weiter. Mit dem Ende der Franco-Diktatur 1975 konnte sich Katalonien zwar einige Rechte zurück erkämpfen, die Unabhängigkeit allerdings nicht.

„Wir fühlten uns nie wirklich wie Spanier und tun es auch heute nicht“, sagt Clàudia Garcia und ihr mädchenhaftes Gesicht wird ernst. Die 24-Jährige sitzt in ihrem Jugendzimmer im Haus ihrer Eltern in Granollers, 30 Autominuten entfernt von Barcelona. Das Zimmer ist klein, es ist gerade Platz für ein Bett, einen Kleiderschrank, Fotos der Familie an der Wand und drei katalanische Flaggen.

Clàudia Garcia war schon bei einigen Demonstrationen, auch am 11. September 2012, als knapp eine Million Menschen auf Barcelonas Straßen gegen die spanische Politik aufbegehrten. Sie ist eine der vielen jungen Katalanen zwischen 20 und 40 Jahren, die das Fundament dieser Bewegung bilden. Sie sagt, ihr Erweckungserlebnis habe sie mit 18 Jahren gehabt, als sie an einer Universität in Barcelona Übersetzung zu studieren begann.

„Wir sind anders“

In ihrem Kurs gab es zwei Gruppen, die einen übersetzten überwiegend ins Katalanische, die anderen ins Spanische. Je nachdem, auf welche Sprache sich die Studenten mehr konzentrieren wollten. Schnell grenzte man sich auch außerhalb des Hörsaals ab. Die Katalanen waren stolz auf ihre Muttersprache, die Spanier wollten damit nichts zu tun haben. „Von da an wurde mir immer klarer, dass wir anders sind als die Spanier“, sagt Clàudia Garcia.

Sie nimmt eine der Unabhängigkeitsflaggen von der Wand. Die will sie mitnehmen zum „Concert per la Llibertat“, zum Freiheitskonzert, zu dem sie gleich fahren wird. Wenig später steht sie mit 200 anderen am Busbahnhof, vier Busse fahren von Granollers zum Fußballstadion in Barcelona. Auf der Fahrt zeigt man sich gegenseitig die Unabhängigkeitsflaggen an den Häusern draußen, ein Mann zählt zuerst noch laut mit und hört dann auf, es sind zu viele.

Im Stadion des FC Barcelona bleiben kaum noch Plätze frei, 90.000 Menschen sind aus ganz Katalonien gekommen. „Visca Catalunya“ rufen sie, es lebe Katalonien, sie halten rote, gelbe und blaue Pappen hoch, die von weit weg betrachtet zwei Worte und eine Zahl ergeben: Catalonia – Freedom – 2014. Im kommenden Jahr soll es ein offizielles Referendum zu den Abspaltungsplänen geben.

Das Konzertprogramm besteht aus Volksliedern und emotionalen Appellen von über 400 Schauspielern, Politikern und Musikern. Sie beschwören den Traum der Katalanen, und dass sie ihn nicht träumen, sondern leben sollen. Clàudia Garcia sitzt knapp unter dem Dach des Stadions, doch selbst dort oben vibrieren die Sitze von den trampelnden und wild klatschenden Zuschauern.

Besonders laut wird es, als ein Sänger auf der Bühne über die katalanische Sprache spricht. Das sei ein wichtiges Thema, ruft Garcia durch den Lärm, und sie erzählt von ihrer kleinen Schwester Maria, die in zwei Jahren in die Schule kommt. Im Moment wird der Unterricht in katalanischen Schulen auf Katalanisch abgehalten und gleichzeitig Spanisch als zweite Muttersprache gelernt. Geht es aber nach dem spanischen Bildungsminister José Ignacio Wert, dann würde Maria demnächst überwiegend in Spanisch unterrichtet werden. Was die Spanier als Einigung des Landes begrüßen, ist für die Katalanen ein schwerer Eingriff in das autonome Bildungssystem. Und ein weiterer Riss, der den Graben immer größer werden lässt.

Als die Nacht kommt, wird es ruhiger im Stadion. Die Lieder sind nun verträumter, die Menschen, die vorhin noch vor der Bühne getanzt haben, lehnen sich aneinander. Fünf Stunden dauert das Konzert, zweieinhalb waren geplant. Um zwei Uhr morgens steigen Clàudia Garcia und ihre Freunde wieder in den Bus, es ist still, alle dösen vor sich hin. Nur ein Mann summt ein Volkslied, das auch beim Konzert gespielt wurde.

Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit hat allerdings nicht nur mit dem katalanischen Identitätsgefühl zu tun. Die Ökonomie ist genauso wichtig. Dass die Separatistenbewegung so viel Zuspruch findet, liegt auch an der wirtschaftlichen Krise in Spanien. Katalonien ist ein wichtiger Motor der spanischen Wirtschaft, die hier lebenden 16 Prozent der spanischen Bevölkerung erarbeiteten zuletzt ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Doch gleichzeitig beträgt die Arbeitslosigkeit in Katalonien 24 Prozent, mit 51 Milliarden Euro ist die Region verschuldet. Es muss immer mehr gespart werden, an der Kultur, an der Bildung. Grund sind die hohen Steuern, die jährlich im Rahmen des Länderfinanzausgleichs an die Zentralregierung in Madrid abgeführt werden müssen. Acht bis zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind das durchschnittlich. Im Jahr 2010 etwa flossen 16 Milliarden Euro an die Zentralregierung, die das Geld an ärmere Regionen verteilte. Zum Vergleich: Bayern, Höchstzahler beim deutschen Länderfinanzausgleich, musste im Jahr 2012 vier Milliarden Euro entrichten.

Kritik üben die Katalanen vor allem an der spanischen Regierungspartei Partido Popular, kurz PP, und deren Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Der katalanische Regionalpräsident Artur Mas unternahm in der Vergangenheit viele Versuche, finanzielle Erleichterungen durchzusetzen. Ohne Erfolg.

Außerhalb Kataloniens ist man die Unabhängigkeitsbestrebungen leid, für viele Spanier ist die Bewegung purer Nationalismus. Worte wie Egoismus und Weinerlichkeit fallen oft, „messianisches Erlösungsgeschrei“, gebe die Bewegung von sich, findet der spanische Politologe Fernando Vallespín. Der TV-Sender Telemadrid zeigte vor einiger Zeit einen Bericht, in dem Artur Mas mit Hitler und Stalin verglichen wurde. Und der Chefredakteur der großen Tageszeitung El Mundo twitterte nach einem Spiel des FC Barcelona, dass die vielen Unabhängigkeitsflaggen im Stadion ihn an Nazi-Deutschland erinnert hätten.

Die Verständnislosigkeit mischt sich bei den Spaniern mit Angst. Im Fall einer Abspaltung Kataloniens verlöre das Land nämlich seine wichtigste Industrieregion und sänke nach Berechnungen von Experten im Pro-Kopf-Einkommen auf das Niveau von Griechenland oder Portugal. „Ohne Katalonien kann Spanien nicht beim Euro bleiben“, sagte Justizminister Alberto Ruiz Gallardón schon Ende 2012 ganz offen vor katalanischen Unternehmern. „Spanien wäre bedeutungslos.“

Deshalb ist es nur verständlich, was Spaniens Regierung in der Folge verkündete: Es gebe nicht nur rechtliche und institutionelle Instrumente, um das geplante Referendum zur Unabhängigkeit zu verhindern, sondern auch eine Regierung, die bereit sei, diese einzusetzen. Das Referendumsprojekt sei illegal und nicht mit der spanischen Verfassung vereinbar.

Dass die Katalanen Spanien finanziell in den Abgrund stürzen könnten, stört sie nicht. Dass sie damit den Anschein erwecken, egoistisch zu handeln, auch nicht. Unverdrossen treiben sie das Referendumsprojekt voran, das für den Spätsommer nächsten Jahres geplant ist. Wie sie es ohne Spaniens Zustimmung durchführen wollen, ist unklar. Vage heißt es nur, dass die entsprechenden Artikel der spanischen Verfassung durchaus zu Gunsten der Katalanen geändert werden könnten. Wenn es gar nicht anders geht, würde Katalonien aber auch ohne spanische Unterstützung versuchen, die Unabhängigkeit zu erreichen. „Zur Not mit katalanischem oder europäischem Recht“, sagt Artur Mas.

Während die Katalanen schon davon schwärmen, wie viel besser es ihnen ohne die Spanier gehen wird und sie sich vorstellen, wie sie als unabhängiger Staat der Europäische Union beitreten, mahnen EU-Justiziare zur Vorsicht. Im EU-Vertrag stehe, dass die Union die territoriale Integrität seiner Mitglieder respektieren müsse und nicht einseitige Unabhängigkeitserklärungen von Teilen eines Mitgliedsstaates anerkennen könne. Der Weg zur Unabhängigkeit ist weit, schwierig, unkalkulierbar. Nur wahrhaben will man das nicht so recht in Katalonien.

Auch Vics Bürgermeister Josep Maria Vila d’Abadal nicht. „Sollen wir zuschauen, wie Spanien versucht, uns zu eliminieren?“, fragt er. Er blickt noch einmal über den Platz, auf die bunten Fahnen an den Hauswänden. Es scheint, dass aus katalanischer Sicht der Graben zwischen Spaniern und Katalanen unüberwindbar geworden ist. Dass es nichts gibt, das stärker ist als der Wunsch, sich zu lösen. Wirklich gar nichts? D’Abadal denkt nach. Schließlich sagt er: „Wissen Sie, meine Frau ist Spanierin.“