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Katar: Dürfen Frauen Fußball spielen?

Spagat zwischen Tradition und Moderne: Monika Staab bringt Mädchen in Katar das Fußballspielen bei, doch viele Eltern wollen das nicht.

Spagat zwischen Tradition und Moderne: Monika Staab bringt Mädchen in Katar das Fußballspielen bei, doch viele Eltern wollen das nicht.

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Martin von den Driesch

Doha -

Sie steckt zwei Finger in den Mund und pfeift: „Yalla, Mädels. Schnappt euch einen Ball und dribbelt euch warm!“ Monika Staabs Stimme hallt über das Feld. Die sechs Mädchen, die an diesem Abend zum Training gekommen sind, hören auf zu schwatzen, lachen ihr zu und rennen auf den Platz. Dana Dossari ist die größte von ihnen. Das Fußballtraining sei eine neue Welt für sie, erklärt sie. Hier darf sie laut sein, rennen, und keiner sagt ihr, dass sie sich sittsam benehmen soll, weil sie sonst keinen Mann bekommt.

Die 13-Jährige zieht sich die Strickmütze über die Ohren und sprintet los. Von hinten nähert sie sich ihrer Teamkollegin Ghaghan. Mit einem schnellen Kick nimmt sie ihr den Ball ab, es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd. Am Ende liegen beide lachend am Boden. Staab lacht mit. „Ist das nicht toll?“, fragt sie und ergänzt mit fast schon feierlicher Stimme: „Fußball ist gut für Frauen, denn es gibt ihnen Mut, ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten. Frauen sind aber auch gut für den Fußball, denn sie sind bessere Teamplayer und geben dem Spiel eine neue Dynamik.“

Wer im Moment in dem kleinen superreichen Emirat als Ausländer arbeitet, und noch dazu im Fußball, ist unter Rechtfertigungszwang. Katar steht im Kreuzfeuer der Kritik, jede Woche macht ein anderer Missstand Schlagzeilen. Mehr als 200 Gastarbeiter sollen auf den Baustellen Katars allein im vergangenen Jahr ihr Leben gelassen haben.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von Ausbeutung und menschenunwürdiger Unterbringung vieler der rund 1,4 Millionen Arbeiter aus Asien und Afrika, die an der Infrastruktur und den Stadien für die Fußball-WM 2022 bauen. Immer wieder macht das Thema Korruption die Runde: Kürzlich erst berichtete der britische Telegraph, gut 1,5 Millionen Euro aus Doha seien auf Konten auf den Cayman-Inseln transferiert worden. Adressaten waren das ehemalige Fifa-Exekutiv-Komitee-Mitglied Jack Warner und seine Söhne. Die Gelder flossen direkt, nachdem Katar den Zuschlag für die WM bekommen hatte.

Trainerin ohne Mannschaft

Monika Staab kann und will zu alldem nichts sagen. Sie ist nicht wegen der Weltmeisterschaft gekommen, sondern, weil sie etwas für den Frauenfußball tun will. Im Moment stehen die Zeichen gut: Gerade wegen der WM und ganz besonders, weil Katar so in der Kritik steht, gibt es zumindest aufseiten der Regierung viel guten Willen, positive Signale zu setzen. Im Frauenfußball und überhaupt.

Vor gut einem Jahr trat Staab ihre Stelle als Trainerin der katarischen Frauenfußballnationalmannschaft an. „Ich begann im Februar, und man sagte mir, dass als Erstes der U14-West-Asien-Cup anstünde. Anfang April. Ich wollte gleich mit dem Training loslegen und fragte nach der Mannschaft. Aber die gab es nicht“, erzählt sie. Pragmatisch ging sie an die Arbeit, besuchte Schulen, musterte Spielerinnen und stellte fest, dass der Umzug nach Katar sie um gute 50 Jahre zurückkatapultiert hatte. „Es ist vieles so wie damals, als wir mit dem Fußball in Deutschland begannen. Damals hieß es, Fußball sei schlecht für die Gesundheit der Frauen. Hier heißt es: Frauen dürfen nicht spielen, denn welcher Mann heiratet schon eine Fußballerin?“

Sie fand zwar genügend Schülerinnen, die Lust und Talent hatten, Katar im ersten Auswärtsspiel zu vertreten, doch oft genug scheiterte es dann an der Familie. „Die Familien haben hier einen sehr großen Einfluss“, sagt Staab. Schließlich bekam sie ihre Mannschaft doch noch komplett, sie fuhren zum Cup und belegten den vorletzten Platz. „Das lag vor allem daran, dass ich lauter Elfjährige auf dem Platz hatte, die gegen 14-Jährige antreten mussten.“ Mit Einsetzen der Pubertät werden die Eltern von katarischen Mädchen meist noch strenger. „Dabei haben die Spielerinnen eine ganz coole Fußballmode entwickelt“, sagt die Trainerin und deutet auf Dana und Ghaghan. Sie tragen Leggins unter der Shorts und ein langärmeliges T-Shirt unter dem Trikot. Die Haare verschwinden unter der Wollmütze. „Die Mädchen finden die Mützen lässiger als Kopftücher, aber ich bestehe darauf, dass sie bei Spielen Tücher tragen. Diese Mützen fallen beim Sprint manchmal ab, und es wäre eine Katastrophe, wenn so etwas bei einem Spiel vor Zuschauern geschehen würde.“

„Volle Unterstützung der Regierung“

Die heute 55-Jährige hat ihre Karriere als Fußballerin 1970 begonnen. In jenem Jahr, in dem der Deutsche Fußball-Bund das Verbot dafür aufgehoben hatte, dass Mitgliedsvereine Frauenmannschaften gründeten. Erst nachdem sie 1989 die Europameisterschaft gewannen, ließ der DFB die Gründung einer Bundesliga für Frauen zu. Salonfähig wurde der Frauenfußball aber erst, als Deutschland 2003 Weltmeister wurde. Staab spielte bis 1992 für verschiedene Vereine, dann wurde sie Trainerin des 1. FFC Frankfurt. 2006 wechselte sie nach Bahrain, wurde Fifa-Beraterin für Frauenfußball-Entwicklungsländer und landete schließlich in Katar.

„Der große Unterschied zwischen unseren Anfängen in Deutschland und der Situation hier ist, dass wir hier volle Unterstützung der Regierung haben“, sagt sie. Das hat natürlich auch mit der WM und der Kritik daran zu tun. Wer von der Fifa als Vollmitglied anerkannt werden will, muss eine Frauenfußballsparte vorweisen können. Katars Nachbarland Saudi-Arabien kann das nicht, Frauensport gilt vielen als unislamisch. In Katar ist man stolz darauf, moderner zu sein, was den Umgang der Geschlechter und die Rolle der Frauen angeht.

„Ich fühle mich beleidigt, wenn ich in westlichen Zeitungen lese, wie rückschrittlich wir sind und wie sehr wir Frauen hier unterdrückt werden“, sagt Mead Imadi. Die 23-Jährige sitzt am Steuer ihres Porsche-Geländewagens und fährt über die Küstenstraße Richtung Flughafen. Sie will übers Wochenende nach Dubai, Freundinnen treffen. Früher hat sie auch einmal Fußball gespielt, sie wurde dann Sportreporterin beim Satellitensender Al-Dschasira. Seit einem Jahr gehört sie zum PR-Team von Qatar 2022, dem Organisationskomitee der Fußball- WM. „Wir jungen Kataris haben die Nase voll davon, als Hinterwäldler betrachtet zu werden. Wir haben auch gute Bildung und reisen durch die Welt“, sagt sie. Von der Kritik an ihrem Land und an der Fußball-WM hat sie genug, doch sie ist Profi und reagiert diplomatisch: „Wir Kataris haben keine Probleme, wir haben für alles Lösungen.“

Regierung investiert Milliarden in Bildung

Die WM 2022 ist für Katar mehr als eine große Sportveranstaltung. „Wir sehen darin den Katalysator für unsere Entwicklung“, sagt Nassr al-Khater vom Exekutivkomitee. Für die WM würden Stadien, ja, ganze Stadtteile gebaut und die dazugehörige Infrastruktur. Es gehe aber auch um gesellschaftliche Entwicklung. So investiert die Regierung Milliarden in Bildung. Studenten werden auf Kosten der Regierung ins Ausland geschickt und mehrere internationale Universitäten eröffneten Zweigstellen in Doha.

„Die Entwicklung, die wir in den letzten zehn Jahren erlebt haben, ist erst der Anfang“, sagt Rashid al-Kuwari. Der 25-Jährige, gekleidet im traditionellen weißen Gewand der Männer am Golf, sitzt in einem eleganten Café in Dohas feinster Shopping Mall. Vor sich auf dem Tisch: Cappuccino, iPad und Smartphone. „Eigentlich unterscheiden wir uns nicht von Gleichaltrigen in anderen Teilen der Welt, aber dann wieder doch“, sagt er. Genau das ist das Thema des Karikaturisten für eine der großen Tageszeitungen: In al-Kuwaris Bildern geht es um den Spagat der Jugendlichen, die mit einem Bein in der Beduinenkultur ihrer Großeltern, mit dem anderen in der globalisierten Welt stehen.

„Wir freuen uns auf die vielen Fans aus dem Ausland, die zu uns kommen werden“, sagt er. Doch er macht sich auch Sorgen. Was wird, wenn betrunkene Fans durch Doha torkeln? „Da könnte die Stimmung leicht kippen, weil sich die Einheimischen angewidert abwenden und die Ultra-Radikalen, die schon jetzt vor der WM warnen, recht bekommen. Man müsse, findet er, behutsam vorgehen und klare Regeln aufstellen. Auf dem iPad zeigt er einige seiner Karikaturen. Viele handeln vom WM-Frust der Kataris. Wegen der vielen Baustellen staut sich der Verkehr kilometerlang, und wegen der vielen ausländischen Arbeitskräfte fühlen sich viele Kataris fremd im eigenen Land.

Es ist ein Machtkampf entbrannt: Regierung gegen Gesellschaft. Tradition gegen Moderne. Die Regierung will ihr Land reformieren und steht zudem international unter Druck. Dabei geht es zunehmend ans Eingemachte. Die Frage, wo und wie viel Alkohol die Fußballfans während der WM konsumieren dürfen, ist nur ein Nebenschauplatz. Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaftsverbände beschreiben die schlechte Bezahlung, die miese Unterbringung und die hohe Todesrate der Gastarbeiter als Symptome einer gravierenderen Krankheit.

Gutes Einkommen ohne Arbeit

Den eigentlichen Grund für diese Missstände sehen sie in dem Abhängigkeitsverhältnis, das jeder Ausländer eingehen muss, wenn er in Katar arbeiten will. Ohne Zustimmung des sogenannten Sponsors kann ein Ausländer keinen Job beginnen, nicht die Beschäftigung wechseln und auch für das Verlassen des Landes braucht er eine Unterschrift. Ausländische Geschäftsleute müssen 51 Prozent ihrer Firma einem katarischen Partner überschreiben, der dann an den Einnahmen mitverdient. Dieses System sichert den Kataris ein gutes Einkommen, ohne dass sie selbst wirklich arbeiten müssen. Der Deal: Die Untertanen mischen sich nicht in die Regierungsarbeit ein und bekommen dafür einen großzügigen Teil des Reichtums. Mehrfach hieß es zuletzt beim Exekutivkomitee von Qatar 2022, eine Reform dieses Systems sei in Arbeit. Aber wird sich die Regierung tatsächlich trauen?

Die Mädchen auf dem Rasen haben inzwischen mit einem Spiel begonnen. Drei gegen drei. Bei der Überzeugungsarbeit, die Monika Staab leisten muss, um ihre Mannschaften vollzukriegen, geht es nicht nur um die Mädchen und ihre strengen Eltern. Es geht um eine Regierung, die beschlossen hat, eine WM zu veranstalten – auch wenn sie dafür ihr ganzes Land auf den Kopf stellen muss. Sie wird dabei zwar von einem großen Teil der Bevölkerung unterstützt. Diese allerdings braucht Zeit, um sich an die Veränderungen zu gewöhnen. Arbeiterrechte, Alkohol und dann auch noch kickende Mädchen. Da kommt einiges auf sie zu.