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Berliner Zeitung | Kolumne: Auschwitz so nah, so fern
25. January 2015
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Kolumne: Auschwitz so nah, so fern

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dpa

"Idiot“, flucht Zygmunt am Telefon, mein kluger Freund. Er sitzt zu Hause in Warschau, auf dem Sprung nach Moskau, um in irgendeiner Fernsehschau aufzutreten. Zygmunt soll dort erklären, warum sein Außenminister Grzegorz Schetyna gerade auf Polskie Radio verkündet hat, Auschwitz sei von Ukrainern befreit worden. Die Brüche in Osteuropa sind tief dieser Tage. Da werden auch Geschichte und Erinnerung zur Waffe.

Und ich sitze in Krakau, auf dem Sprung nach Auschwitz. Mein „erstes Mal“. Ich habe viele Ausstellungen, Bilder und Filme gesehen und manches Buch über den Holocaust gelesen. Aber vor Auschwitz habe ich Schiss.

Der Kreml tobt wegen des polnischen Außenministers. Es waren Soldaten der 1. Ukrainischen Front Armee, die am 27. Januar 1945 die Tore der Lager in Auschwitz öffneten, etwa 7 500 Überlebende befreiten. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Fronten der Roten Armee meist nach ihrem Einsatzort benannt. Die 1. Ukrainische Front hieß ursprünglich Woronescher Front. In Woronesch hatte sie zuerst gegen die einfallenden Deutschen gekämpft. Später rückten die Soldaten – Russen, Ukrainer, Tschetschenen, Georgier, Tataren – über die Ukraine nach Westen vor, bis Prag und Berlin. „Das steht in jedem Lexikon“, seufzt Zygmunt, „und dieser Dummkopf hat einen Master in Geschichte!“, schimpft Zygmunt.

Der Himmel ist bleigrau am nächsten Morgen. Die Busfahrt von Krakau nach Auschwitz dauert fast anderthalb Stunden. Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden hier zwischen 1940 und 1945 mit industrieller Effizienz und deutscher Gründlichkeit ermordet. Von Kommandanten und Ärzten und vielen Männern und Frauen, die taten wie befohlen.

Als ich Zygmunt vor Jahren in Warschau besuchte, schleppte er mich ins ehemalige Ghetto, in sämtliche Museen und auf einen jüdischen Friedhof. Er grinste dabei. Der polnische Jude gab seinem deutschen Freund das volle Programm. Wir standen auch an jenem Ehrenmal der Helden des Ghettos, vor dem Willy Brandt 1971 gekniet hatte. Eine Geste übrigens, die damals 48 Prozent der Westdeutschen „übertrieben“ fanden. Deutschland hat zu einem ehrlichen Umgang mit seiner Geschichte gefunden. Was gerne vergessen wird: wie lange das gedauert hat.

Jetzt überrascht mich, wie wenig Auschwitz mich berührt. Bin ich zu abgebrüht? Ja, es ist sehr schrecklich. Erst das „Hauptlager“ mit all seinen Exponaten: die Fotos der Ermordeten. Die Berge von Schuhen, Brillen, Koffern. In einem Raum, hinter Glas, türmen sich Haare, Tonnen von Haaren, langsam zerfallend. Dann die langen, schnurgraden Baracken-Reihen im nahen Lager Auschwitz-Birkenau; klamm, eng, düster. Ich stehe mittendrin. Und fühle mich doch ziemlich weit weg.

Es sind nicht die Bilder des Mordens, die mich schließlich erreichen. Sondern diese deutsche Ordnung. Die vielen Nummern, Listen und Karteikarten. Der aufgeräumte Schreibtisch des Blockführers im Lagergefängnis. Die akkuraten Meldungen und Befehle. Das Zackzack der deutschen Worte: Fahrgenehmigung, Funkstelle, Obersturmführer, Zentralbauleitung.

Zygmunt meldet aus Moskau, selbst Putins schärfste Kritiker seien total empört. Er meint, wir sollten bald mal wieder einen trinken gehen.


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