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Kolumne: Banker, Börsen und Billionen

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imago stock&people

Kleine Frage: Wann lösen wir eigentlich unsere Weltprobleme? Die Atmosphäre auf den Klimagipfeln etwa wird immer rauer. Gerade jetzt in Warschau, wo Japans Shinzo Abe und Australiens Tony Abbott allen Klimaschützern den Stinkefinger zeigen lassen. Auch die verstolperte Energiewende gruselt einen. Die Überwachung und der damit einhergehende Demokratieverlust im ewigen „Krieg gegen den Terror“ wirken so atemraubend, dass man sich ein privates Sauerstofffläschchen zulegen möchte. Und der Hunger? Ham wa nich. Werden ja immer fetter. Wir lassen hungern. Ja, ich weiß: Alles nicht schön. Wo draußen eh schon November ist. Andererseits bewirkt Weggucken und -ducken auf Dauer auch wenig. Ein bisschen Eskapismus in Ehren. Aber keiner kann immer nur Landlust lesen.

Also: Gucken wir kurz hin. Zum Beispiel auf die Banken. Als vor fünf Jahren das Bankhaus der Gebrüder Lehman kollabierte, schien die Panik mit Händen greifbar. Das Weltcasino wackelte. Gefeuerte Wallstreet-Banker flüchteten per Taxi, einen Karton Habseligkeiten unterm Arm. Die Nachrichtenmoderatoren kieksten schrill. Und ich dachte: Jetzt wird, muss etwas geschehen. Weil dieser Trillionen-Wahnsinn irre ist.

Billionen-Bailouts kamen, riesige staatliche Rettungspakete. Marktradikale schluckten ein paar Krümel Kreide. „Too big to fail“? – Nie wieder!, schworen Minister, Kontrolleure, selbst Professoren, die den Staat eben noch zum Nachtwächter degradiert hatten. Man versprach mehr Aufsicht, mehr Regeln, mehr Sicherheit.

Und heute? Manche gerettete Bank ist bigger denn je. Indizes zucken steil nach oben. Aktien klettern, Gewinne wachsen, Boni prasseln. (Wallstreet-Banker kassierten 2012 im Schnitt wieder einen Aufschlag von 122 000 Dollar aufs Gehalt.) Finanzprodukte wie die tückischen Collateralized Debt Obligations kehren zurück. Die Macht der Ratingagenturen scheint ungebrochen. Der Markt der Derivate, ein Treibsatz des Crash, ist größer als vor fünf Jahren, fast 700 Billionen Dollar – rund das Zehnfache des Welt-Bruttosozialprodukts. Große Zentralbanken haben seit Krisenbeginn viele Billionen Dollar in die Umlauflaufbahn geschossen. Stoff für die Finanzjunkies. Das Rad, das sie drehen, scheint größer denn je.

Doch nur ein Bruchteil der virtuellen Geldflut tröpfelt in die Realwirtschaft. Die Arbeitslosigkeit etwa in Südeuropa bleibt enorm. Die Ungleichheit wächst. In den USA ist die Kluft zwischen den Superreichen und dem Rest derzeit so groß wie zuletzt 1928. Die Lobbyisten haben ganze Arbeit geleistet.

Noch immer blühen die Steueroasen, noch immer gibt es keine Finanztransaktionssteuer, die das Reich des Mammons an seinen Verwüstungen beteiligt. Mehr Kontrolle? Nun ja. Ein paar Regeln sind verschärft worden. „Basel III“ etwa schreibt den Banken eine Eigenkapitalquote von drei Prozent vor. Niedlich. Zumal die Banker riskante Deals gerne in die weiterhin schwach regulierte Welt der Schattenbanken verschieben. So viele Chips auf dem Roulettetisch.

Das Unbehagen wächst. Das Spiel geht weiter. Bis die nächste Blase platzt. Wie meldete Forbes schon im Januar? „The World's Bubble Economy Getting Bubblier.“ Die Politik – ohnmächtig auch hier? Das ist keine Option. Selbst Berlins Koalitionäre sollten das begreifen.


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