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Kolumne: Chauvinismus in der Google-Welt

Google, Wikipedia & Co. sind bei der Recherche mit Vorsicht zu genießen.

Google, Wikipedia & Co. sind bei der Recherche mit Vorsicht zu genießen.

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AP

Nicht wenige meiner Historikerkollegen äußern sich herablassend über das Internetlexikon Wikipedia und das Herumgoogeln. Aber alle nutzen es. Ich auch. Derzeit ziemlich häufig, weil ich mich mit den Bürgerkriegen beschäftige, die 1918 bis 1921 in der Ukraine tobten. Ich schaue Daten nach, vorherrschende Schreibweisen, notiere Literatur- und Quellenhinweise. Zumal auf den englischsprachigen Seiten dominieren häufig Autoren, die chauvinistischen Mythen anhängen. Macht nichts. Das erlaubt Einblicke in die Abgründe osteuropäischer Geschichtspolitik. Hier einige Beispiele aus der Ukraine.

Man gebe zum Beispiel Symon Petl(j)ura (1879–1926) ein, der als Präsident und Oberbefehlshaber der unabhängigen Ukrainischen Volksrepublik im Jahr 1919 an die tausend Judenpogrome mit etwa 50.000 Toten zu verantworten hatte. Der englische Wiki-Text führt in die Welt der Weißwäscherei. Die Literatur zu den Massenmorden (Heifetz, Gergel, Budnitskii, Miliakova) wird komplett unterschlagen, und am Ende steht der Bluthund Petljura als „Hero of Ukraine“ und projüdisches Unschuldslamm da.

Aufschlussreich ist ein Foto am Rande: Es zeigt den „Hoffnungsträger“ Viktor Juschtschenko, im Winter 2004/5 Symbolfigur der Revolution in Orange: Kaum zum Präsidenten der Ukraine vereidigt, pilgerte er nebst Gattin zum Pariser Grab Petljuras. Vielfach in Bronze gegossen und als Namensgeber vieler Straßen gilt Petljura heute als Gründungsvater der Ukraine. Historisch gehört er zu den typischen Vertretern des nationalen Sozialismus.

Wie Petljura wurde auch der Russen- und Judenhasser, Pogromanstifter und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera (1909–1959) in die großartige Nationalgeschichte seines ukrainischen Vaterlandes reintegriert. 2009 gab es eine Sonderbriefmarke zum 100. Geburtstag, kurz vor seiner Abwahl verlieh ihm der angeblich prowestliche Präsident Juschtschenko 2010 den Ehrentitel „Held der Ukraine“. Seine Rivalin, die Gasprinzessin Julia Timoschenko (gleichfalls „proeuropäisch“), unterstützte ihn bei dieser Aktion ausdrücklich. Allerdings wurde der Ehrentitel dem Vordenker und Praktiker des Völkerhasses Bandera 2011 per Gerichtsurteil wieder aberkannt. Gott sei Dank, möchte man sagen. Tatsächlich musste der Dank, es hilft nichts, an „prorussische Kräfte“ gehen.

Früchte von Demokratie und Freiheit

Wie nicht anders zu erwarten, holten die Aktivisten des sogenannten Euromaidan 2013/14 Bandera wieder aus der nationalistischen Kiste. Seitdem wird diesem Politverbrecher wieder aller Respekt zuteil. Der Fußballverein Karpaty Lwiw (Lemberg) erwählte ihn zum patriotischen Vereinspatron. Eben dort, in Lemberg, ermordeten ukrainische Hilfstruppen Banderas, die Ende Juni 1941 gemeinsam mit der Wehrmacht eingerückt waren, gleich nach ihrer Ankunft Hunderte Juden. Zumal in der West-Ukraine, gönnt man sich Bandera-Straßen und -Statuen. Südlich von Kiew schaut heute, wuchtig in Stein gehauen, „Ataman“ (= Freikorpsführer, Warlord) Zeleny (1886–1919) grimmig Richtung Russland – Anführer des Pogroms von Pogrebishche am 22. August 1919, bei dem 375 Juden ermordet wurden.

All das sind Früchte von Demokratie und Freiheit. Wer sich einbildet, der souveräne Volkswille führe geradewegs zu aufgeklärter Einsicht, hat aus der Geschichte nichts gelernt.