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Kolumne: Chronisch übererregt

US-Präsident Obama

US-Präsident Obama

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dpa/Shawn Thew

Ja, auch wir sind dieser Tage ein bisschen aufgeregt. Wegen der Islamisten und Putin, wegen der Lokführer und Borussia Dortmund. Aber eigentlich geht der Puls hier in Merkelland doch recht ruhig. Gaanz laangsaam. Das ist gut so. Vor allem, wenn man auf den Wahnsinn jenseits des Atlantiks blickt, auf diese große Musterdemokratie von 1787. Damals ahnten wir kaum, was das wohl ist: Demokratie.

Und jetzt? Üben wir immer noch. Aber die da drüben drehen durch. Unser Vorbild. Die Nation, die uns wirtschaftlich und kulturell so geprägt und obendrein vom Faschismus befreit hat. Wenn Gesellschaften eine kollektive Psyche haben, steht diese verdammt nah am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Machen wir einen Schritt zurück. Politisches Engagement ist gut. Dazu gehört: Feurig Position zu beziehen. Sich gelegentlich aufzuregen über den dummen Mainstream. Den bornierten deutschen Spar- und Schuldendiskurs etwa, verheerend für Europa. Oder diese nur noch alberne CSU, die uns notorisch Unfug (Betreuungsgeld, Ausländer-Maut, Wer-betrügt-der-fliegt etc.) aufnötigt, der nach ziemlich einhelliger Ansicht sinnlos bis schädlich ist. Aber, polternd zelebriert, offenbar hilfreich, ihre Macht in den düstersten Winkeln Bayerns zu festigen.

Die US-Gesellschaft dagegen ist nicht nur, wie seit Jahren beklagt, politisch tief gespalten. Sie ist chronisch übererregt und furchtbar zornig. Sie leidet nach all den Kriegen und der Flammenwerfer-Rhetorik an einem posttraumatischen Stress-Syndrom. Ihr Optimismus und Idealismus lässt sich auch mit Tonnen Antidepressiva kaum mehr aufrechterhalten. Sie droht am eigenen Traum zu ersticken – weil die sozialen Kontraste immer krasser werden. Manchmal scheint es, als bekriege sich der Kapitalismus hier selbst.

Dabei sind Lärm und Verwirrung durchaus gewollt. Sie werden etwa durch die Medienmacht des Rupert Murdoch befeuert, die – kriegslüstern, marktradikal und antisozial – von Australien über Großbritannien bis in die USA seit Jahrzehnten verheerende Wirkung entfaltet. Sie definiert, was heute als angelsächsisch gilt. Murdochs „Fox News“ liefern jeden Tag frische Wut.

Lärm und Verwirrung schaffen zudem Milliarden Dollar an Wahlkampfspenden. Das Oberste Gericht will es so. Seit Watergate macht es, gegen alle Reformversuche, stets den Weg frei für das große Geld in der Politik, das den Verdruss am eigenen Staat so gründlich schürt. Der Rest ist Missmut, Hysterie, Angst. Vor Terror und Ebola, vor den Illegalen, den Chinesen und dem Dritten Weltkrieg. Der Präsident müsse endlich handeln, brüllte dieser Tage ein Senator aus South Carolina – „bevor wir hier alle umgebracht werden“.

Da scheint es fast schon egal, ob die Republikaner am Dienstag beide Häuser des Kongresses erobern. Zu tief sitzt die Enttäuschung. Die Ohnmacht. Weil auch Obama, die letzte total überfrachtete Traumfigur, nichts ändern konnte am Ton – und an den Machtstrukturen.

Im Vergleich erscheint mir Deutschland ganz leise, zahm, so herrlich langweilig. Ja, auch hier agieren großes Geld und mächtige Interessen. Doch die Debatte wirkt angenehm zivil. Und Frau Merkel, wiewohl inhaltlich völlig daneben, stilistisch wie ein Segen. Lieber blutarm als Blutrausch.