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Kolumne: Coma merkelensis

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

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dpa

Es war eine Überraschung, ein kleiner Schock, als ich erfuhr, dass wir beide, Angela Dorothea Merkel und ich, etwas gemeinsam haben: Wir wurden einst im selben Krankenhaus, nämlich im Elim zu Hamburg-Eimsbüttel geboren. Zeitlich versetzt zwar, aber immerhin. Wobei es bei mir noch dunkel war und bei ihr hell. Und Baby Merkel in der sechsten Lebenswoche ostwärts migrierte. Sie hat dort, ist auf www.angela-merkel.de zu lesen, „eine schöne Kindheit verbracht“. Aha.

Irgendwie hat unser gemeinsamer Geburtsort die Merkel für mich nur noch mysteriöser gemacht. Das ist sie geblieben: Ein Mysterium.

Die Merkel. Am Donnerstag wird sie 60. Seit 14 Jahren regiert sie die CDU, seit 2005 auch Deutschland, also Sie und Dich und mich. Mal mit den Gelben, mal mit den Blassroten. Auch die Grünen schienen schon reif. Eine Quereinsteigerin. Eine scheue Wissenschaftlerin, in der zerfallenden DDR eher zufällig als Vizesprecherin der allerletzten Regierung rekrutiert. Vorsicht vor den Vizes!

Versierte CDU-Deuter hat sie blamiert, alte Haudegen ins Leere laufen lassen. Manchen Vordenker an seine Grenzen geführt. Was, zugegeben, oft kein furchtbar weiter Weg ist. Hofschranzen riefen nach mehr „Glanz“, nach Posen, Pomp und Trara, begehrten große Wegweisungen von der „Physikerin der Macht“. Frontberichterstatter bettelten bei der „Beruhigungskanzlerin“ um mehr Action. Im Namen der lebendigen Demokratie. Sie – schonungslos unaufgeregt, radikal unspektakulär, militant unprätentiös (ein Lob!) – wird darüber gelacht haben. Zu Recht.

Stocknüchtern, gestenarm, bürokratisch-stumpf

Nach Kohl hat sie alle Platzhirsche der Partei zur Strecke gebracht. Die schlagen sich als Baulöwe, Anwalt, Lobbyist, Start-up-Berater durch, verzehren traurig ihren Ehrensold. Sie zählt in stillen Stunden die Geweihe. Auch konservative Herrscher wie Bush, Berlusconi, Sarkozy – abgeräumt, zum Teil strafverfolgt. Die Merkel wird demnächst wohl die Welt regieren. Quatsch. Aber: Wo sie steht, ruht die deutsche Mitte. In Frieden. Dort will der Deutsche sein. Im seichten, sanften Ungefähren. Mit ihrem zart lispelnden, uckermärkischen Sermon hat sie das Land sediert – stocknüchtern, gestenarm, bürokratisch-stumpf, fast lautlos. Sie würde sagen: „Mit aller Kraft, die wir haben.“

Eine Merkel-Rede ist die Höchststrafe. Binnen drei Minuten fällt der Puls rapide, nach sieben dringt Blei in die Blutbahnen, das Hirn leitet die Schnellabschaltung ein. Bei Minute elf zeigen sich überall Lähmungserscheinungen, kurz darauf setzt tiefe Ohnmacht ein. Die Fachliteratur spricht vom Coma merkelensis.

Sie ist noch visionsloser als Helmut Schmidt. Ideen? Was ist das denn? Mit ihrer vagen, sperrhölzernen Sprache unterfliegt sie jeden Radar, unterläuft alle Kritik. Hat sogar gelernt, ein bisschen zu menscheln, mal ein Rouladenrezept zu verraten, ein kleines Witzchen zu reißen. Hach. Fast schon telegen.

Dabei gäbe es jede Menge zu kritisieren. Wie viele Themen hat sie angepackt und zu Tode verwaltet? Die Klimakanzlerin! In Europa verteidigt sie den deutschen Wohlstand mit Fundstücken von der neoliberalen Resterampe. Man könnte vieles einwenden, wenn sie einen nur nicht so furchtbar müde machen, soo wehrlos quatschen würde, so… Hilfe!… Seufz… Gähn… Schnarch…


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