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Berliner Zeitung | Kolumne: Das Böse hinter der Tür
25. June 2013
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Kolumne: Das Böse hinter der Tür

1950 bedeutete "Patchwork-Familie" noch etwas ganz anderes.

1950 bedeutete "Patchwork-Familie" noch etwas ganz anderes.

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Offene Türen sind nicht jedermanns Sache. Was lauert dahinter? Was passiert, wenn du durchgehst? Es gibt Menschen, die in Panik geraten, sobald sie ihre vier Wände verlassen müssen. Und andere, bei denen schon die Erschütterung der Mauern in ihren Köpfen Angstgefühle auslöst. Die ersten haben eine Phobie. Die zweiten auch – nur sagt das niemand.

Eigentlich sind die Zeiten vorbei, in denen die christlichen Kirchen Schrecken verbreiten konnten. Mittlerweile sind ihnen ja so überzeugende Instrumente wie Scheiterhaufen und Streckbett abhandengekommen. Trotzdem hat es die Evangelische Kirche geschafft, beachtliches Entsetzen auszulösen. Mit einem Papier, einer sogenannte Orientierungshilfe. Thema: Familie. Und so harmlos das klingt, hat die EKD damit wohl ein paar Türen aufgestoßen, hinter denen das Böse wartet. Wie sonst wohl sind die phobischen Reaktionen der Kritiker zu erklären?

Die EKD will tatsächlich ein paar verbrauchte Leitbilder abschaffen. Zum Beispiel den Glauben, dass nur die klassische Ehe – Vater, Mutter, Kind – gottgefällig sei. „Familie existiert heute in sehr verschiedenen Formen“, heißt es in dem Papier. Deshalb sei „ein normatives Verständnis der Ehe als göttliche Stiftung und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer vermeintlichen Schöpfungsordnung“ weder biblisch gewollt noch theologisch korrekt.

Kleine Kirchenrevolution

Herzlichen Glückwunsch! Damit ist die Evangelische Kirche im Hier und Jetzt eingetrudelt. Patchwork-Gemeinschaften, Alleinerziehende, homosexuelle Partnerschaften sind ihr nun herzlich willkommen. Nicht die Form des Zusammenlebens stifte eine Familie, erklären die Kirchenräte, sondern die gegenseitige Verantwortung füreinander. Dazu gehöre die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, aber auch die Einsicht, dass Beziehungen scheitern können – und geschieden werden.

Verbrennt das Papier und die Verfasser gleich mit! Na ja, ganz so krass äußern sich die Gegner dieser kleinen Kirchenrevolution vielleicht nicht. Doch die Angstwut von Bürgerlichkeitsaposteln und christlichen Fundis beider Konfessionen ist unüberhörbar. Was passiert, wenn Mauern fallen und Türen geöffnet werden? Dann kommen „Ratlosigkeit und Ärgernis“ über uns, prophezeit der katholische Bischof Overbeck. Evangelikale Frömmler wollen „praktizierte Homosexualität“ bitteschön weiter als „Sünde“ verdammen dürfen. Und obwohl bereits Martin Luther die Ehe als „weltlich Ding“ ansah, empört sich die FAZ, dass die EKD nun das gleiche tue.

Völlig aus der Bahn geworfen scheint allerdings ein Kolumnist bei Spiegel-online. Kirchlicher Gebote beraubt, fehlt ihm jegliche Orientierung. Allein die Vorstellung, irgendwann in der Hölle braten zu dürfen, muss dem Spiegel-Mann inneren Halt gegeben haben. Denn nun verwünscht er die Evangelische Kirche, weil sie den Teufelsort nicht mehr als Drohkulisse verwenden mag. Und er bedauert es tief, dass sein eigener Sohn bei der Konfirmation nicht mehr mit dem Jüngsten Gericht geängstigt wurde.

Wir hätten da für alle Verunsicherten eine Empfehlung. Es gibt Länder, in denen noch immer verlässlich religiöse Gesetze gelten. Dort ist auch die Hölle nicht abgeschafft. Die freuen sich wahrscheinlich wie Bolle über Migranten.