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Kolumne: Das plötzliche Interesse für Antisemitismus

Auf dem Rücken der Ukrainer wird Antisemitismus für hohle Propaganda missbraucht.

Auf dem Rücken der Ukrainer wird Antisemitismus für hohle Propaganda missbraucht.

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REUTERS

Die Gassen, Häuser, Plätze in Lemberg erinnerten an Krakau, Prag oder Budapest. Vielleicht sogar an Wien. Die Westukraine wirkt vertraut, wie eingebrannt in das europäische Gedächtnis. Ein junger Mann stürmte die Straße entlang und richtete dabei seine seltsame Uniform. Sie hatte Trotteln an der Schulter und goldverzierte Knöpfe. Von gegenüber kamen weitere Soldaten, blau und rot gekleidet mit Schwertern. Die Jungs mit der Wehrmachtsuniform erwarteten sie schon an der Ecke zum Großen Platz. So wurde bis vor wenigen Jahren der Nationalfeiertag begangen.

In dieser Ecke Europas brauchte man in den letzten 150 Jahren nicht einmal umzuziehen, um Staatsbürgerschaften zu wechseln. Ob Österreich Ungarn, Rumänien, Polen, Russland, Sowjetunion oder Ukraine, alle herrschten hier einmal. Am Ende des Umzugs fuhr laut hupend ein Autokorso über den Platz mit den wehenden Fahnen der Europäischen Union, so als würde damit ein Versprechen eingelöst, das in der Ukraine Millionen Tote gekostet hatte.

Sich für Antisemitismus zu interessieren ist in Europa, nicht nur in Deutschland, zu einer Art lästiger Außenseiterdisziplin verkommen. Geschieht etwas Antisemitisches, ein Angriff, eine Beschimpfung, eine Schmiererei, dann sind es stets die Anderen also entweder Nazis oder Islamisten. Andernfalls ist es kein Antisemitismus, sondern lediglich ein israel- oder kapitalismuskritischer Aufschrei gefolgt von Augenrollen, wenn sich (leider nur) jüdische Organisationen beklagen.

Das hat sich erstaunlicherweise geändert. Seit der Krise um die Ukraine diskutiert man darüber, wie antisemitisch die Ukrainer seien, wie viele Nazis in deren Regierung sitzen und wie verlogen der Westen sei, ausgerechnet mit „denen“ zu paktieren. Wie Putin nennen sie sie Faschisten und Antisemiten. Woher kommt in Deutschland dieses plötzliche Interesse am Schicksal der Ukraine, jenem Stück Erde, das auch „Bloodlands“ genannt wird, weil dort bisher alle Herrscher massenhaft gemordet haben?

Wieso ist Antisemitismus mit einem mal so wichtig geworden? Dort in der Ukraine, wo einst das jüdische Herz Europas schlug und von den Deutschen und ihren einheimischen Helfern erschlagen wurde? Weshalb spielt das plötzlich eine Rolle, nachdem es jahrzehntelang keinen Gedanken wert war? Ein schlechtes Gewissen? Gar Trauer?

Das schwierige Erbe der Ukraine für ein Spiel zu missbrauchen, in dem mit Putins Russland kokettiert und das Wort Antisemitismus für hohle Propaganda benutzt wird, zeigt ein Ausmaß an Kälte und Desinteresse, das mit Sorge gesehen werden muss. Wie viel Selbsthass ist nötig, dass die Errungenschaften der westlichen Demokratie zugunsten einer Putin’schen Herrschaft Russlands ernsthaft infrage gestellt werden? Wie können sich Europäer, vor allem Linke, wegen ihres Amerikaressentiments Putins Möchtegernsowjetunion schönreden?

Diese Ignoranz betrifft nicht nur die Geschichte der Menschen jener Region, die in so vielen der europäischen Uniformen steckten und für so viele Herrscher kämpfen mussten. Sie betrifft aus diesem Grunde Europas ureigene Geschichte, zu der der Antisemitismus dazugehört. Gerade in Russland und Deutschland. Ihn jetzt plötzlich als Propagandawaffe zu gebrauchen, gehört sich für beide nicht.