blz_logo12,9

Kolumne: Die Avantgarde der halben Sache

Unser Kolumnist Tom Schimmeck.

Unser Kolumnist Tom Schimmeck.

Foto:

privat

Eigentlich warten sie noch, auf ihre Bestimmung, ihr ganz großes Ding. Mindestens mittelgroß. Was könnte das sein? Sie kennen ja jeden und wissen viel. Sind gut ausgebildet, kompetent, präsent. Sie sind intelligent, wollen sich aber nicht festlegen. Sie können reden, sagen aber nichts. Nein? Nein!

Weil alles so komplex ist, so zwei-, drei-, vieldeutig. So global und galaktisch verwoben. Weil man auch immer alle Seiten sehen muss und die eigene Zukunft bedenken und die Erwartungen erfüllen und die Erbschaft verwalten. Und jetzt auch noch Kinder hat. Und der Chef ist ja auch ganz nett. Ach, egal.

Sie sind die Unberührten, bei denen Leistung zum Lifestyle wurde. Und die guten Produkte. So schick und doch schon blutleer. Sie sind die, deren Eltern es zu etwas gebracht haben. Sie sind die Berliner Republik und die geplatzte Börsenblase. Aber es geht ja schon wieder aufwärts. Hierzulande. Achterbahn. Geisterbahn. Sie sind so cool. Dann blicken auf ihren Bauchnabel und rufen überrascht: Der Mittelpunkt der Welt!

Sie sind die kreative Intelligenz, die Neue Mitte, die 78er, die Generation Golf – die Generation Vielleicht. Sie wollten halbhoch hinaus und stecken jetzt mittendrin. Waren kurz bei den Grünen und dann bei einem Konzern. Waren schon mal bei Springer und sind jetzt bei der Zeit. Immer irgendwo dazwischen. Sie sind Kinder von Helmut Kohl. Sind rotgrün, blaugelb, schwarzgrün. Mal dies, mal das. Irgendwann, irgendwas. Kommt drauf an. Worauf?

Sie sind auf dem Laufenden. Und bestens vernetzt. Gut aufgestellt. Allzeit bereit. Sie sind flexibel, sehr vernünftig, völlig pragmatisch. Wissen, was angesagt ist. In und out, top oder flopp. Was man anziehen, essen, lesen, fahren, was man gerade denken muss. Sie gehen mit der Zeit und auf Nummer sicher. Genau. Sie sind schlank und blass und bei Bedarf modern. Sie wollen lieber nüchtern bleiben. Sie fremdeln mit großen Ideen, tiefen Zweifeln, starken Farben, echten Gefühlen. Engagement ist ihnen suspekt. Sie stehen rum, ein halb leeres Glas in der Hand, und wärmen sich an freudlosen Witzen. Harald Schmidt fanden sie lustig. Gerechtigkeit? Eine bessere Welt? Sie verachten die politisch Korrekten, diese „Gutmenschen“. Gute Menschen? So ein Quatsch.

Sie wollen die Marke sein, die jeder kaufen möchte. Sie kennen kein Wir. Nur das alternde Ich. Jeder ist seines Glückes Schmied. Wobei Glück schon viel zu groß klingt. Und Schmied viel zu verschwitzt.

Ein bisschen bio ist schon okay. Vielleicht auch, den Müll zu trennen. Aber bitte keine großen Linien, Ideen, Weltbilder gar. Weil alles fließt. Der Schwerkraft folgt. Schon interessant, klar, und manchmal ziemlich geil. Naja, geht so.

Sie sind die Avantgarde der halben Sache, des kaum gefühlten Gefühls. Sie kennen keine Helden. Sie mögen keine Verlierer. Alles, was noch kommen könnte, schmeckt ihnen jetzt schon wie: war längst da. Wie: ist gar nicht wahr. Nur mehr Zitat. Nur das Revival des Revivals. Postpostmodern.

Sie wollen auch Spaß haben. Doch sie langweilen sich nur. Sie haben nichts erlebt, nicht einmal sich selbst. Und bleiben spurlos.

Tom Schimmeck ist Jahrgang 1959