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Kolumne: Edward Snowdens Traum

Snowden, von vielen als Held verehrt.

Snowden, von vielen als Held verehrt.

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dpa

Er ist ein bisschen autistisch“, sagt mein Nachbar. „Aber das musst du auch sein, wenn du so etwas durchziehst.“ Wenn ich Hubert Seipel beim Spaziergang treffe, veräppele ich ihn gern, weil er oft große, dubiose Männer interviewt: Ackermann, Putin, Assad, diese Liga. Jetzt war Seipel ein paar Mal heimlich in Moskau und hat Edward Snowden interviewt. Das hätten wir alle verdammt gern getan.

„Er kann sehr präzise formulieren, geht auf komplexeste Zusammenhänge ein und ist ganz schnell im Kopf“, sagt Seipel.

Dieser Snowden irritiert uns alle: Sein erstes Interview in Hongkong. Seine kuriosen Weihnachtsbotschaft neulich, in der er die Briten an ihren George Orwell erinnerte, dessen Schreckensvision einer total überwachten Gesellschaft von der Wirklichkeit längst um Längen überboten werde. Letzte Woche gab es eine Fragesession via Twitter, wo der Flüchtling sehr durchdachte, abgewogene Antworten gab.

Mir ist Heldenverehrung suspekt. Dieser blasse, nüchterne, völlig unpathetische Kerl aber überrascht und berührt mich ungemein. Ein Beamtensohn aus North Carolina, ein Nerd, der die Monstrosität des modernen Spitzelunwesens genau genug erkannte, um mit 29 Jahren zu beschließen: Die Welt muss dies wissen. Weil eine freie Welt dies nicht wollen kann.

Snowden ist kein Linker. 2004 meldete er sich bei den Special Forces – für den Krieg im Irak. Im Training brach er sich beide Beine, bald wurde er ausgemustert. Umso interessierter war der Geheimdienst an seinem Kopf – die CIA, die NSA, die „Beratungsfirma“ Booz Allen Hamilton, für die er schließlich auf Hawaii arbeitete. Nach einer Schätzung des Pentagon hat der Systemadministrator dort 1,7 Millionen Files an sich gebracht. „Ich will nicht in einer Welt leben“, sagt Snowden, „in der alles, was ich sage, alles was ich mache, der Name jedes Gesprächspartners, jeder Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft aufgezeichnet wird.“

Es scheint, als träume Snowden – im Kontrast zum völlig entzauberten Obama – noch den amerikanischen Traum: Dass jeder Glück und Freiheit finden kann. Und auch der Einzelne sich erheben muss, sobald diese Freiheit bedroht ist. Gegen den Apparat, die Mächtigen, die Ignoranz. Snowden sieht sich als Diener der besseren USA. „Er hungert eigentlich danach, als Patriot anerkannt zu werden“, meint Seipel.

Auch ein Snowden lebt in seinem russischen Exil natürlich unter enormer Anspannung. Er ist staatenlos, sein provisorischer Flüchtlingspass läuft am 31.7. aus. Er hat viel verloren und weiß nicht, was wird. Snowden zeige kleine Ausbrüche, Anflüge von Humor, erzählt Seipel. „Natürlich sagt er: Er habe mit den Folgen gerechnet.“ Doch das kann man nur höchst bedingt. „Er tut mir auch manchmal fast leid. Er ist ein schmales Hemd.“

Umso faszinierender ist es zu sehen, wie flott unsere Regierenden abtauchen, wenn er das Wort ergreift. Auch gestern Abend bei Jauch, der das unverschämte Glück hatte, das Interview präsentieren zu dürfen, war keiner unserer Amtsträger präsent. Die wissen: Würden sie Snowdens Tat anerkennen, ihn einladen, ihm gar Asyl gewähren, stünden ihnen übelste diplomatische Verwicklungen mit den USA ins Haus. Ihnen fehlt das, was das schmale Hemd verkörpert: Mut, Haltung und das Ideal einer menschlicheren Welt.



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