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Kolumne Götz Aly zum Syrien-Krieg: Kritik an Russland ist oft heuchlerisch

US-Präsident Barack Obama und der russische Präsident Wladimir Putin sind sich nicht nur in der Syrien-Krise uneins.

US-Präsident Barack Obama und der russische Präsident Wladimir Putin sind sich nicht nur in der Syrien-Krise uneins.

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AP

Neulich in Paris sprach Angela Merkel von schützenswerten „gemäßigten syrischen Rebellen“. Wen meinte sie damit? Würde sie für diese Leute ihre Hand ins Feuer legen? Vermutlich nicht. Zumal die Welt dieser Tage belehrt wurde, wer diese „gemäßigten Rebellen“ sind: Nach dem ersten russischen Angriff in Syrien beschwerte sich US-Senator John McCain, dabei seien „von der CIA unterstützte Gruppen“ getroffen worden. Diese hatten, so die Nachrichtenagentur Reuters, „eine Ausbildung durch die CIA in Saudi-Arabien und Katar erhalten“. Mehr noch: Die angeblich „moderaten Kräfte“ rühmten sich jüngst, den Regierungstruppen in der nordsyrischen Provinz Idlib eine empfindliche Niederlage beigebracht zu haben, und zwar im Bündnis mit dem Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front und der radikalislamischen Gruppe Ahrar al-Scham. Angesichts solcher wenig beruhigenden Kooperationen kann es gelegentlich auch CIA-trainierte Freischärler treffen.

Ich mag die Amis. Wir, die Deutschen, verdanken ihnen seit 1945 unendlich viel. Aber warum soll ich der CIA vertrauen? Ihr war 1973 jedes Mittel recht, um den chilenischen Präsidenten Salvador Allende zu stürzen. Nicht nur dabei machte sie sich mit Massenmördern gemein. Im sowjetischen Afghanistan-Krieg lieferte die CIA den Vorläufern der Taliban 1981 moderne Flugabwehrraketen und pflegte Freundschaft mit ihrem späteren Erzfeind Osama bin Laden. Mit dem Irak machte sie in den 1980er-Jahren gemeinsame kriegerische Sache gegen den Iran. 2003 drehte die CIA den Spieß um und pinselte Lügenberichte über angebliche „chemische und biologische Massenvernichtungsmittel“ Saddam Husseins. Damals wollten die USA den Regimewechsel im Irak herbeibomben, um den Staat alsbald in die Hände einer fiktiven „demokratischen Opposition“ zu legen. Warum sollte man heute an das Phantom „gemäßigte syrische Rebellen“ glauben?

Zweifelhafte Kritik aus Ankara

Auch ich fände es gut, wenn die russische Regierung die Ziele ihrer kriegerischen Intervention möglichst genau mitteilte. Doch erscheint es mir sehr komisch, dass ausgerechnet die Türkei verlangt, Russland müsse seine Angriffe „auf die Kämpfer des Islamischen Staats (IS) beschränken“, während die türkische Luftwaffe unter dem Vorwand, den IS zu bekriegen, kurdische Stellungen bombardiert (mit stillschweigender Billigung Washingtons). Die USA, England und Frankreich bomben in Syrien, ohne darüber Rechenschaft abzulegen. Aber alle fordern, Russland müsse sich umgehend erklären. Sofort prangerte die US-Regierung (unbestätigte) zivile Opfer eines russischen Angriffs an und bombardiert am nächsten Tag ein Krankenhaus im afghanischen Kundus mit bestätigten 22 Toten.

Angenehm und im Plural sprach Außenminister Steinmeier vor der UN von den „einsamen Entscheidungen“ nicht nur Moskaus, sondern aller Interventionisten im syrischen Bürgerkrieg. Während man Russland in Washington als „Regionalmacht“ verhöhnt, forderte er eine „zentrale Rolle Russlands“ in dem politischen Prozess, der Syrien zum Frieden verhelfen könnte. Deutsche Diplomaten, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier leisteten in Sachen Iran und Ukraine schon Beachtliches. Auch in der Syrien-Frage verdienen sie einen Vorschuss an Vertrauen. Gut, dass wir sie haben.