blz_logo12,9

Kolumne: Griechen, Deutsche & Reparationen II

Bundespräsident Joachim Gauck beim Besuch einer jüdischen Synagoge in Ioannina.

Bundespräsident Joachim Gauck beim Besuch einer jüdischen Synagoge in Ioannina.

Foto:

dpa

Während des Besuchs von Joachim Gauck wurde von griechischer Seite abermals gefordert, Schäden zu erstatten, die dem Land im Zweiten Weltkrieg von Deutschland (nicht von „den Nationalsozialisten“) zugefügt worden sind. Das war zu erwarten und sollte, wie in der vorangegangenen Kolumne dargelegt, aus rechtlichen Gründen abgelehnt werden. Wie aber steht es um die Fakten?

Anders als Polen, Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Jugoslawien und die Sowjetunion wurde Griechenland im April 1941 von den Deutschen nicht einfach überfallen; das Land gehörte bereits zur gegnerischen Koalition, weil dort 80.000 britische Soldaten gelandet waren. Entsprechend ihrer Praxis in allen besetzten Staaten erlegten die siegreichen Deutschen der griechischen Regierung enorme Besatzungskosten auf. Doch entzog sich Griechenland den Auflagen mittels einer bald galoppierenden Inflation der Drachme und wurde der einzige Staat, den die deutschen Besatzer nicht unter ihre finanzwirtschaftliche Kontrolle bekamen. Dieser effiziente währungs- und steuerpolitische Widerstand gegen Hitler-Deutschland verdient Anerkennung, doch führt er auch in ein trübes Kapitel deutsch-griechischer Zusammenarbeit.

Seit 1917 versuchte die Athener Regierung, den von Albanern, Bulgaren, Türken, Griechen und Juden bewohnten griechischen Norden, insbesondere die wichtige Hafenstadt Thessaloniki, ethnisch zu „säubern“.

Nach den richtigen Angaben des 1927 in Berlin erschienenen Jüdischen Lexikons strebte der führende Nationalist, mehrfache Ministerpräsident und heutige Namensgeber des Athener Flughafens Eleftherios Venizelos danach, Thessaloniki „zu entjuden und zu hellenisieren“. Daran knüpften die deutschen Besatzer 1942/43 an. Die fast vollständige Deportation der 44?000 spaniolisch sprechenden Juden Thessalonikis wurde von der örtlichen griechischen Bevölkerung und der Regierung unterstützt.

Das Gegenbeispiel liefert Athen. Als die dort lebenden wohlintegrierten 8000 Juden abtransportiert werden sollten, verweigerten die griechischen Behörden jede Hilfe. Folglich entkamen in Athen 6?800 der bedrohten Juden, also 85 Prozent, den deutschen Häschern. Eine griechische Heldentat!

Das beträchtliche Vermögen der Juden von Thessaloniki veräußerte die griechische Finanzverwaltung an Griechen, um die Staatsfinanzen zu stabilisieren und einen Teil der Besatzungskosten zu bezahlen. Dazu gehörte das Gold, das den Juden abgenommen worden war: insgesamt zwölf Tonnen. Diesen Schatz verkauften griechische Broker an der Börse von Athen an Griechen und begründeten damit den Wohlstand eines neuen Raubbürgertums von Kriegs- und Holocaustgewinnlern. Nachdem die zwölf Tonnen aufgebraucht waren, flog die Deutsche Reichsbank weitere fünf Tonnen anderswo geraubten Goldes ein, um die Drachme so zu stabilisieren, dass sie der Wehrmacht weiterhin als Zahlungsmittel dienen konnte. Auch dieses Raubgold blieb in Griechenland.

Auf eventuelle Reparationen hätten Nachfahren der deportierten Juden einen Anspruch – nicht jedoch der griechische Staat. (Wer es nicht glaubt, lese in meinem Buch „Hitlers Volksstaat“, S. 274 – 308.)