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Berliner Zeitung | Kolumne: Griechische Schuldenlegenden
23. February 2015
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Kolumne: Griechische Schuldenlegenden

Die neue griechische Regierung setzt Schulden gegen Schulden.

Die neue griechische Regierung setzt Schulden gegen Schulden.

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imago/Wassilis Aswestopoulos

Fast täglich behauptet die neue Athener Links-Rechts-Regierung, Deutschland schulde Griechenland 476 Millionen Reichsmark (RM) aus einer „Zwangsanleihe“, die dem besetzten Griechenland Ende 1942 auferlegt worden sei. Bei niedriger Verzinsung entspreche der Betrag heute rund elf Milliarden Euro. Die Umrechnung erscheint mir plausibel, doch bezweifle ich die genannte Schuld. Anders Hagen Fleischer, ein deutsch-griechischer Historiker, der die Legende von der „Zwangsanleihe“ seit Jahren hegt und pflegt. Fleischer stützt sich auf nur eine Quelle, nämlich den 251 Blatt starken Schlussbericht, den deutsche Finanz- und Wirtschaftsbeamte am 12. April 1945 fertigstellten, nachdem sie im Herbst 1944 von britischen Truppen aus Griechenland vertrieben worden waren. Im Abschnitt Besatzungskosten (Blatt 114) schätzten sie, die deutsche Restschuld gegenüber Griechenland auf „476 Mio. RM“. Die griechische Kollaborationsregierung hatte diesen Betrag nicht als Zwangsanleihe angesehen, sondern als Guthaben, das später mit griechischen Schulden verrechnet werden sollte.

Folglich steht in der „Schlussbetrachtung“ zum Thema Besatzungskosten (Blatt 156), man müsse den deutschen Schulden auf dem Besatzungskostenkonto die von Griechenland noch nicht bezahlten Leistungen gegenüberstellen – insbesondere Einfuhren von Lebensmitteln, Waren und später von Gold zur Stützung der Währung. Wegen der Hyperinflation der Drachme stundete der Reichsfinanzminister Griechenland diese Beträge, und die griechische Kollaborationsregierung schlug wiederholt vor, ihre Außenstände mit ihren Guthaben aus den Besatzungskosten zu verrechnen (Blatt 83). Vollzogen wurde der Ausgleich nie. Im Chaos des Kriegsendes lagen den deutschen Experten genaue Daten nicht vor, um „die deutschen Passiva zahlenmäßig durch die entsprechenden Aktiva zu ergänzen“ (Blatt 156). Allerdings schätzten sie den Wert der seit Dezember 1942 ständig anwachsenden Importe, die zur Stabilisierung der inneren Situation nach Griechenland gingen, und errechneten einen Einfuhrüberschuss von rund 300 Millionen Reichsmark (Blatt 31f.), nach einer anderen Version desselben Berichts von „einigen Hundert Millionen Reichsmark“. Wer den Bericht im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts (Signatur R27320) genau liest, stellt fest: Hagen Fleischer zitiert das Dokument in einseitiger Weise; er pickt sich die Aktiva zugunsten Griechenlands heraus und verschweigt die Passiva.

Ich kritisiere die verfälschende Interpretation eines einzelnen Dokuments. Es liegt mir fern, die deutsche Besatzung Griechenlands zu verharmlosen. Auch muss gesagt werden, dass die Einfuhren nach Griechenland im Wesentlichen nicht aus Deutschland stammten, sondern aus dem „deutschen Versorgungsraum“, wie es in dem Bericht beschönigend heißt. Tatsächlich mussten andere unterworfene oder abhängige Länder Südosteuropas auf deutschen Druck hin nach Griechenland liefern. Wollte man heute die damaligen griechischen Guthaben und Importschulden (ca. 476 zu 300 Millionen Reichsmark) auf dieser Basis verrechnen, dann stünden rund zwei Drittel der von Griechenland geforderten elf Milliarden Euro Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Serbien zu – nur ein Drittel Griechenland.


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