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Kolumne: Kein Platz für Moses Mendelssohn

Portrait von Moses Mendelssohn, Historische Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: Imago

Portrait von Moses Mendelssohn, Historische Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: Imago

Über ein paar nicht etwa „abgerissene“, sondern beiseite gestellte Elemente der einstigen Hinterlandmauer an der Spree erregen sich einige so, als ginge es um Sein oder Nichtsein. Zu den Protestlern gehören Gefühlslinke, Kneipiers, Freunde ewig fließender Staatsknete und Opfer des Stalinismus. Sie alle verbindet der „Feind“ – eine Investorengruppe, die rein zufällig aus Israel kommt. Der übertriebene Protestzirkus um ein paar verrückte Betonteile zeigt: Die Lust an der Grenze, am Bornierten lebt.

Dahinter steckt der provinzielle Gedanke: Wir, die wir für unsere Idylle kämpfen, sind die besseren Menschen und „verteidigen unsere Identität“. Soziale, politische, religiöse, lokale oder nationale „Identitäten“ sind Fiktionen, die eine freie Gesellschaft nicht braucht. Sie müssen zurückgedrängt und als Privatangelegenheiten behandelt werden, weil sie den Boden bilden, auf dem Unduldsamkeit und Hass und Ressentiments wuchern. Sie verschmutzen das weltoffene Klima einer Stadt. Aufgabe repräsentativ gewählter und auf das Gemeinwohl verpflichteter Politiker ist es, dem partikularen Kleingeist zu widerstehen und das friedliche Zusammenleben aller zu fördern.

Im Fall der East Side Gallery kommen weder Klaus Wowereit noch Bezirksbürgermeister Franz Schulz dieser Pflicht nach. Konfliktscheu weichen sie aus und leugnen, dass ihnen unterstehende Ämter die entsprechenden Genehmigungen nach Recht und Gesetz erteilt haben – und Gesetze gelten nun einmal für alle gleichermaßen.

Dem Gewese am Spreeufer entspricht das Fehlen jeden Engagements, wenn es darum geht, den neuen Platz an der Kreuzberger Lindenstraße nach Moses Mendelssohn zu benennen. Allen Ernstes behaupten Sprecher der grünen Mehrheit im Bezirksparlament Friedrichshain-Kreuzberg, das gehe nicht an, weil auf unabsehbare Zeit nur noch Frauennamen vergeben werden dürften. Allerdings beschlossen dieselben Politiker soeben, in Friedrichshain die Gabelsbergerstraße nach Silvio Meier umzubenennen. Dort berufen sie sich auf das Votum der Anwohner.

Im Fall der neuen Vertriebszentrale von Daimler-Benz mit immerhin 1200 Arbeitsplätzen schlug die Firma als einziger Anlieger einer neuen Straße vor, diese auf Bertha Benz zu taufen. Hier zählte nicht der Wunsch des Betroffenen. Man entschied sich für Edith Kiss, eine jüdische Bildhauerin, die als Zwangsarbeiterin bei Daimler überlebt hatte. Paula Riester, Fraktionsvorsitzende der Grünen, kommentierte hämisch: „Die können ja gerne hier ihre Zentrale bauen, aber wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, Öffentlichkeitsarbeit für die zu machen.“

Nichts gegen Silvio Meier, nichts gegen Edith Kiss, aber das Verhalten der Bezirksmachthaber und -machthaberinnen riecht nach Willkür. Nun sind dieselben Leute dabei, dem einzigen Anlieger, dem Jüdischen Museum, seinen Namenswunsch zu verweigern – Moses Mendelssohn.

Mendelssohn belustigte sich 1769 über die lokale Geistesarmut und die „Sottisen“ des Berliner „Hofpöbels“. Friedrich II. verweigerte ihm die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften, die Nazis vernichteten eine Gedenktafel zu seinen Ehren, die Grünen sind dabei, die Benennung eines Platzes nach ihm zu verhindern. Offenbar war und ist Moses Mendelssohn für Berlin einfach zu schade.


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