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Berliner Zeitung | Kolumne: Lob der Weltanschauung
14. July 2013
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Kolumne: Lob der Weltanschauung

Die „Alternative für Deutschland“ verkauft sich explizit als „unideologische Kraft“.

Die „Alternative für Deutschland“ verkauft sich explizit als „unideologische Kraft“.

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imago stock&people

Ideologie? Kommt derzeit nicht gut. Der Kopf denkt gleich: verblendet, verbohrt, dogmatisch. Hört Einheitsparolen. Das geistige Auge erblickt verstaubtes Altpapier, rotierende Zeigefinger, weltfremde, verbiesterte, vor Eifer sabbernde Rechthaber, Schauprozesse, Erschießungskommandos. Ideologie? War gestern, heißt es. Und gar nicht gut. Man trägt jetzt unideologisch.

Dabei ist die Ideologie, ihr Altgriechen wisst das alle, ja eigentlich die Lehre von der Idee. Sie trat als Versuch an, dem Aberglauben, den starren Traditionen, der Folgsamkeit und Gottesfurcht einen durchdachten Geist der Aufklärung entgegenzuhalten. Bevor sie zum Schimpfwort wurde, spiegelte die Ideologie das Weltbild einer Bewegung, Partei, Interessengruppe, bildete sozusagen ihre geistige Summe.

Ein bisschen kritisch

Jetzt mag sie keiner mehr. Man empört sich punktuell, fürchtet jedoch die mühsame Festlegung auf eine Überzeugung. Alles ist ja soo komplex. Oje. Da genügen ein paar schnelle Gewissheiten. Da heißt es: geschmeidig bleiben. Ein bisschen kritisch, ja schon. Aber bitte folgenlos. Man verachtet pauschal „die Politik“, ihre Akteure, ihre Institutionen. Sehnt sich nach dem Technokraten, der alles managt. Oder dem Populisten, der vorgaukelt, kein Politiker zu sein.

Medien paaren in ihren Politikerportraits das Adjektiv „unideologisch“ gern mit „jung“, „erfrischend“, „sympathisch“. Der Politiker soll flexibel sein. Das lockere Sowohl-als-auch pflegen. Taktisch „besetzt“ er die Themen, stellt sich, je nach demoskopisch getesteter Stimmung, täglich „neu auf“. Das Vorbild: Frau Merkel, diese ach so pragmatische Gummiwand.

Auch der moderne FDP-Politiker sieht sich als prinzipiell unideologisch. Eine Haltung dünkt ihn gestrig und uncool. Ideologen? Sind immer die anderen. Ein Trick, der im rechten Lager Tradition hat: Wir, trara!, sind die Stimme der Vernunft, haben die Realität gepachtet, folgen dem „gesunden Menschenverstand“, verfolgt von bösen Ideologen. Bis heute inszenieren sich etwa US-Republikaner als Opfer einer linken Meinungsübermacht. Die herrschende Ökonomie glaubte lange an eine ihr innewohnende Objektivität. Womit sie es zu einem verblüffend hohen Grad von Verblendung gebracht hat. Auch die „Alternative für Deutschland“ verkauft sich jetzt explizit als „unideologische Kraft“.

Wohl wahr: Es wird immer mühsamer, die Welt zu begreifen. Doch jeder, selbst der, der das Denken verweigert, hantiert mit Ideologemen, mit Glaubens-Versatzstücken. Es gibt keine objektiven Wahrheiten. Nur der Deutungszusammenhang ermöglicht uns, Wirklichkeit zu begreifen. Eine Weltanschauung ist kein Dogma. Man muss sie sich erarbeiten, aus seinem Wissen, seinen Erfahrungen, Erwartungen, Hoffnungen, Wünschen und Werten stets neu destillieren. Im demokratischen Idealfall ist eine solche Weltsicht rational begründet. Was sie nachvollziehbar macht und der Kritik öffnet. Wobei man – Grundregel! – denjenigen, der andere Prioritäten setzt, nicht gleich erschießt. Entscheidend ist, wie weit sich der Kopf dabei öffnet. Welche Quellen er nutzt. Wie viel Zweifel und Widerspruch er zulässt. Politik bleibt das Ringen um Interessen – und den Wert und die Gültigkeit der eigenen Weltdeutung. Jeder, der sich als „unideologisch“ verkauft, hält sein Gegenüber für dämlich.