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Kolumne: Männer unter sich

Das Ende der Großmännermacht kommt, sagt unser Autor. Aber langsam.

Das Ende der Großmännermacht kommt, sagt unser Autor. Aber langsam.

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imago/Steinach

Als vor hundert Jahren der Wandervogel Blüher notierte, dass jedem Manne ein „dunkler Verbündungsdrang“ innewohne, dass ein Männereros „im tiefsten Untergrunde des menschlichen Staatstumes rauscht“, da war manch einer empört über diese „Verschweinerung unseres Geisteslebens“. Aber es war gut beobachtet. Auch wenn dieser Blüher ansonsten viel schlimmes Zeugs verzapft hat.

Als ich sehr viel später geboren wurde, war längst klar, dass bald Schluss sein muss mit der Männerbündelei. Dass sie ein anachronistischer, prähistorisch anmutender Uga-Uga-Blödsinn ist. Es lag in der Luft. Ich wusste es schon in der Grundschule. Wenn ich jenen fürchterlichen – und von mir sehr gefürchteten – Knaben in die Augen sah, die meinten, ihre Stellung in der sozialen Hackordnung durch gemeine Gewaltakte festigen zu müssen. Auf der Stirn jedes vermeintlich großen Mannes liest mein geübter Blick seither in großen Lettern: „Auslaufmodell“.

Eine Art Weitpinkeln

Doch das dauert. Das Ende der Großmännermacht zieht sich hin. Sie wuchs über Jahrtausende. Sie ist zäh. Die Ritterorden, die schlagenden Verbindungen, die gemeinsamen Schwüre in vollem Wichs, die sind wohl passé. Aber die Herrschaft von Herren, die einander gut kennen und sehr nützlich sein können, die funktioniert noch ganz prima. Und doch werden dieser Tage reihenweise Abstürze vermeldet. Letzte Woche etwa fanden sich etliche Deutschbanker auf einer Münchner Anklagebank: die Herren Fitschen, Ackermann, Breuer sowie zwei weitere Ex-Vorstände, eskortiert von einer Schar teurer Anwälte. Zuvor war ja bereits gemeldet worden, der Herr Middelhoff, einst als großer Medienunternehmer besungen, sitze im Knast. Genau wie der Herr Hoeneß.

Hinzu kam der Krach im Olymp von Volkswagen. Wo ein Herr Piëch die Strippen zieht, bzw. zog, bis er den Herrn Winterkorn stürzen wollte. Es war wohl eine Art Weitpinkeln. Piëch, stand gleich überall zu lesen, sei ein großer Patriarch, bekannt für seine „machtvollen Halbsätze“. Ein Mannsbild mit 12 Kindern, der seinerseits gern große Männer machte. Den Herrn Schröder etwa. Es gibt da tolle Fotos: vom Opernball, oder gemeinsam am Lenkrad, mit feistem Alphatier-Lachen. Ja, auch echte Sozi-Kerle brauchen die Herren der Industrie. Herr Gabriel beeilte sich letzte Woche, den Herrn Piëch als herausragende Persönlichkeit der deutschen Wirtschaftsgeschichte zu rühmen. Seine Stirn soll dabei fast den Boden berührt haben.

Patriarchen sind Paten

Patriarchen sind Paten, die noch keines Verbrechens überführt wurden. Meistens bleibt ja ohnehin alles legal. Ich war zum Beispiel überrascht, als wir stark verspätet erfuhren, dass jener Herr Kirch, der jetzt aus dem Grabe heraus die Deutschbanker verfolgt, damals dem Herrn Kohl, seinem Männerfreund, kaum dass der raus war aus dem Kanzleramt, pro Jahr 600.000 Mark rüberreichen durfte, zahlbar in „12 gleichen Raten“ plus Mehrwertsteuer und Spesen. Strafbare Handlungen des Herrn Kirch, des Herrn Kohl sowie der ebenfalls honorierten Ex-Minister Möllemann, Waigel, Bötsch, Schwarz-Schilling und Scholz konnten nicht nachgewiesen werden. Kohl kam 2011 zu Kirchs Beerdigung, weinte und sprach: „Ich bin vor allem hier, um Danke zu sagen.“

„Und hinter mir gereiht“, schrieb Rilke, „zehn Männer aus derselben Dunkelheit“.