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Kolumne: Migration lässt sich nur begrenzt regulieren

Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Eine Unterscheidung zwischen erwünschter und unerwünschter Immigration hält unser Kolumnist für unsinnig.

Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Eine Unterscheidung zwischen erwünschter und unerwünschter Immigration hält unser Kolumnist für unsinnig.

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imago/Sebastian Willnow

Deutschland ist nach den USA zum zweitbeliebtesten Zuwandererland der Welt geworden, und das aus gutem Grund. Die Wirtschaft läuft; die inneren Verhältnisse sind angenehm; die Geburtenrate der Altdeutschen geht stark zurück; Einwanderer können hoffen, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung erfahren und es zu etwas bringen.

Das spricht für unser Land. Wir profitieren vom weltweiten Handel, machen rund um den Globus Urlaub und Geschäfte, erfreuen uns offener Grenzen, propagieren die Suche nach individuellem Glück. Auch so tragen wir dazu bei, dass Millionen Menschen aufbrechen, um ein besseres Leben zu finden – frei nach dem Motto: „Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun.“ Dieser Prozess lässt sich nur begrenzt regulieren. Fest steht: In 30 Jahren werden Herkunft und Hautfarben der Menschen, die in Deutschland leben, deutlich vielfältiger sein als heute.

CDU heute weiter als "Kinder statt Inder"

Schier jede Debatte um Einwanderung ist mit der Fiktion behaftet, es ließe sich zwischen erwünschten und unerwünschten Zuwanderern unterscheiden, zwischen solchen, „die wir brauchen“ und solchen, die uns angeblich belasten. Man erinnere sich an den Streit, der sich im Jahr 2000 an der Initiative von Bundeskanzler Schröder entzündete, ausländische Informatiker, insbesondere aus Indien, für die hiesige Industrie anzuwerben. Führende CDU-Männer konterten mit dem fremdenfeindlichen, an biodeutsche Frauen gerichteten Gebäraufruf „Kinder statt Inder“.

Anders als damals stellt sich die heutige CDU der Wirklichkeit. Allerdings stieß das Schröder'sche Projekt schnell an Grenzen. Die meisten ausländischen Spezialisten wollen nicht nach Deutschland. Auch sollten wir uns nicht einbilden, wir könnten auf Zuruf einige Zehntausend ledige philippinische Frauen anheuern, damit sie unsere Alten liebevoll pflegen.

Osmanischer Urahne

Die wichtigsten Zuwanderer sind bereits heute diejenigen, die sich ungerufen zu uns durchgeschlagen haben. Da versorgt ein frankophoner, stets gut gelaunter westafrikanischer Pfleger die behinderte Tochter; in der Reha arbeitet die afghanische Sporttherapeutin, im Hort des Enkels der türkischstämmige Erzieher. Im Alltag treffe ich auf die ausnehmend freundliche Krankenschwester mit Kopftuch, den meisterlichen Tischler aus Damaskus, den irakischen Fahrer eines bestellten Taxis, der mich Hellhäutigen nicht mitnehmen will, weil er einen „Fahrgast namens Ali“ erwarte.

Mein osmanischer Urahne kam vor 329 Jahren als Kriegsgefangener nach Berlin, er heiratete die Türkin Marusch, die es nach Spandau verschlagen hatte. Die sechs Kinder der beiden stiegen sofort in die bürgerliche, damals noch sehr schmale Mittelschicht auf. Einer meiner Urururgroßväter hatte sich aus Polen in die hinterpommersche Kreisstadt Schlawe gemogelt.

Zuwanderer nehmen wie sie kommen

Sein Sohn Wilhelm, mit vaterländischem Vor- und dem eingedeutschten Nachnamen Kosnik versehen, ging zunächst zur Armee, wurde hernach Bahnbeamter der untersten Stufe und brachte es bis zum Vorsteher des Bahnhofs Leipzig-Neustadt. Wilhelms Sohn Friedrich wurde preußischer Studiendirektor.

Diese Orientalen und Polen waren weder gut ausgebildet noch konnten sie Deutsch. Aber sie lernten es. Nehmen wir die Zuwanderer so wie sie kommen, geben ihnen Arbeit und Chancen zum sozialen Aufstieg!