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Berliner Zeitung | Kolumne: Richard Wagners Faschismus-Soundtrack
29. December 2013
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Kolumne: Richard Wagners Faschismus-Soundtrack

Aus tiefstem Herzen antimodern, antiaufklärerisch und antisemitisch: Komponist Richard Wagner (1813-1883)

Aus tiefstem Herzen antimodern, antiaufklärerisch und antisemitisch: Komponist Richard Wagner (1813-1883)

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picture alliance / dpa

Wir Tapferen haben 2013 u.a. durchlebt: Den Beginn des Fernbusverkehrs und des ESM. Das Ende der Marken Praktiker, Ratzinger, Berlusconi, und FDP. Dazu: Noch ein britischer Thronfolger, noch einmal Robert Mugabe, die 50. Bundesliga, den 80. Jahrestag des Wahlsiegs der NSDAP. 2013 war außerdem das Jahr der Wasserkooperation, der Forelle, des Sumpfwiesen-Perlmuttfalters, der Bekassine sowie der meist reglos verharrenden Schlingnatter, die ihre Beute so leise wie plötzlich umschlingt und erstickt, bevor sie diese verspeist.

Na, an wen denken wir da?

Gleichwohl hat sich die SPD dreiviertelfrohen Herzens in eine Große Koalition begeben, die prompt als „Groko“ verniedlicht wurde. Man sollte die Abschaffung der Prügelstrafe für Politjournalisten überdenken. Das machen wir 2014.

Das alles überwölbende Jahresgroßereignis aber war, dürfte man den Feuilletons und den angeschlossenen Funkhäusern glauben, das 200. Wiegenfest unserer Teutonentröte Richard Wagner. Er war überall. Die Ansichten blieben gespalten. Es gibt die Jünger, die kritischen Verehrer, die Lärmsensiblen und jene, die finden, dass Wagners Wesen und Werk, wie es Urenkel Gottfried so kompakt formulierte, schlicht für „Rassismus, Frauenverachtung, Selbstvergötterung und Lebensverneinung“ stehen

Auch ich habe schon Wagner live gehört. Das hat eine geradezu tückische Wucht. Ich war sogar mal in Bayreuth, zu einer Probe: Tristan und Isolde. An der Seite von Regisseur Heiner Müller selig, der dann spätabends zu erklären vermochte, warum er sich unbedingt abarbeiten musste an dieser „Wichsvorlage“.

Kernfrage: Kann ein kapitales Arschloch große Kunst schaffen? Einmal stolperte ich in Chemnitz neben einem Lautsprecherwagen der NPD her, der den Walkürenritt in Dauerschleife dröhnte. Eine Killermusik. In „Apocalypse Now“ untermalt sie die Auslöschung eines Dorfes in Vietnam. Schon Nazi-Wochenschauen belebten Luftangriffe gern mit dem Walkürenritt. Na und?, brüllen nun die orthodoxen Wagnerianer, halb taub vom Gewummer des Meisters. ER mag ein Widerling gewesen sein, jawohl, auch ein bisschen judenfeindlich, aber (trotzig) das war Luther doch auch! Schwamm drüber. Was bleibt, ist seine Musik – so magisch, kraftvoll, romantisch! Also prägen wir Münzen, drucken Briefmarken, bauen noch ein Denkmal! Der Tiefpunkt des Jubeljahres war erreicht, als ein Herr Mickisch verkündete, der Fan Hitler habe den Wagner „gar nicht verstanden“.

Nein, Wagners Klänge lassen sich nicht von ihrer Botschaft lösen. In seiner „Romantik“ dampfen Germanenkult, völkischer Irrsinn, Blut und Boden. Aus tiefstem Herzen antimodern, antiaufklärerisch. Ein Soundtrack für den Faschismus. Sein Antisemitismus war mehr als ein kleiner Tribut an einen miesen Zeitgeist. Wagners Traktat über „Das Judenthum in der Musik“ ist ein Machwerk von bahnbrechender Boshaftigkeit.

Was man Wagner nicht vorhalten kann: Dass sich ein gewisses Bürgertum seinen Stoff noch immer als Rauschdroge reinpfeift. Weil es so tief berührt ist von seinem Schmettern, Beben und Dräuen. Wenn der grüne Hügel ruft, kommen sie alle, Merkel und die Bosse. Das ist das eigentlich Unheimliche: Diese notorische Anbetung des Untergangs. Dieses geile Pilgern.