blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Kolumne: Sterbehilfe, ein Publikumsrenner
13. January 2014
http://www.berliner-zeitung.de/3130502
©

Kolumne: Sterbehilfe, ein Publikumsrenner

Der Tod betrifft alle.

Der Tod betrifft alle.

Foto:

dpa/Peter Kneffel

Was soll der Staat verbieten? Dazu wurden neulich repräsentative Deutsche befragt. Gut zwei Drittel wollen Drogen, ungesunde Lebensmittel, geklonte Menschen und rechtsradikale Parteien ächten. Was genau eine Droge ist, blieb unklar: Alkohol rechnen die meisten nicht dazu; lediglich 19 Prozent plädieren für das Verbot von Schnaps.

Die Möglichkeit zum weltweit einzigartigen Temporausch auf heimischen Autobahnen finden 17 Prozent anstößig. Am Ende der Skala rangiert das Thema Sterbehilfe. Nur 13 Prozent meinen, sie solle verboten sein und bleiben. Ich gehöre zu dieser Minderheit, und das nicht, weil ich vor kurzem ein Buch über die Euthanasiemorde in der NS-Zeit („Die Belasteten“) veröffentlicht habe, sondern aus Erfahrung.

Im vergangenen Mai erzählte mir eine niederländische Kollegin nebenbei, ihre Mutter sei unheilbar krank und werde bald „erlöst“. Wie das denn vor sich gehen werde, fragte ich. Sie: „Meine Geschwister und ich haben unsere Kalender abgeglichen und das Wochenende vom 20./21. Juli, gleich nach Semesterschluss, festgelegt. Dann wird unsere Mutter das Mittel erhalten, schmerzlos sterben, und wir werden dabei sein.“

Ich habe bislang nur die tierärztliche Todesspritze für eine krebskranke Hündin im Familienkreis erlebt und möchte schon deshalb nicht, dass das Einschläfern, in den Nazijahren auch Lebensunterbrechung genannt, auf Menschen angewendet wird. Der Übergang vom Leben in den Tod hat seine eigene Würde, und Menschen suchen in dieser Situation – nicht Jahre zuvor – ihre persönlichen Wege, ihre individuellen Geschwindigkeiten.

Vor einiger Zeit entschlief ein parkinsonkranker, schon sehr hilfsbedürftig gewordener Freund von mir nach einem festlichen Essen, das er sich gewünscht hatte, sanft in der darauffolgenden Nacht. Vor fünf Jahren starb meine an Krebs leidende Mutter auf der gut geführten Hospizstation des örtlichen Krankenhauses. Ihre letzten Worte waren: „Es geht noch nicht.“ Sie wollte allein sein. Dann ging es.

Demnächst werden im Bundestag Gesetzentwürfe zur „gewerbsmäßigen Beihilfe zum Suizid“ debattiert und, wie andere formulieren werden, zum „humanen Sterben“. Für Letzteres traten in den 1920er-Jahren jene Engagierten ein, die Todesstrafe und Abtreibungsverbot ablehnten, Frauenrechte forderten, den Selbstmord zum Freitod läuterten und freiere Lebensformen wünschten – 1920 zum Beispiel Carl von Ossietzky, der nicht ahnte, welche Schrecken das Jahrhundert noch bereithalten würde.

Liberale und Linke, politische Kräfte einer nicht länger religiös umhegten Welt, warben für maximales irdisches Glück. Doch schon nach einer Abtreibung können ungute Gefühle aufkommen, Gewissensfragen, lange nachwirkende Zweifel. Darin zeigt sich, dass tradierte Normen nicht einfach von der Norm Selbstbestimmung abgelöst werden und mehr sein können als vormoderne Erfindungen.

Heute glauben immer weniger Deutsche an Gott. Eben deshalb sollte ein Kernbestand einst religiös formulierter Maximen im säkularen Recht bewahrt werden – aus Achtung vor dem Leben (früher sagte man: der Gottebenbildlichkeit) eines jeden Menschen. Das ist eine prinzipielle politische Frage. Es gilt, dem Machbarkeitswahn Grenzen zu setzen.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?