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Kolumne: Was tun? Kriegsende, Russen und Deutsche

Vor dem sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten: Ein Panzer vom Typ T-34/76, der in der Schlacht um Berlin im Zweiten Weltkrieg im Einsatz war.

Vor dem sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten: Ein Panzer vom Typ T-34/76, der in der Schlacht um Berlin im Zweiten Weltkrieg im Einsatz war.

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dpa

In gut zwei Monaten, am 8./9. Mai, steht der 70. Jahrestag des Kriegsendes ins Haus, und unsere politischen Repräsentanten werden wenig Anstalten machen, an diesem Tag die sowjetischen Soldaten zu ehren, die die Hauptlast des Krieges trugen und schließlich die Deutschen von sich selbst befreiten. Wenn es unsere gewählten Vertreter nicht tun, dann sollten die Berliner die Sache in die Hand nehmen. Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt zum 70. Jahrestag? Wo, wenn nicht in Berlin?

Der Sieg über das damalige Deutschland musste mit harter militärischer Gewalt erkämpft werden, weil der innere Widerstand schwach blieb. Die damaligen Deutschen betrachteten die Kapitulation weithin als Zusammenbruch, als Katastrophe. Voller Angst warteten sie darauf, dass die Sieger all das rächen würden, was 18 Millionen Landser, SS-Männer und Besatzungsbeamte den Völkern Ost- und Südosteuropas angetan hatten. Blutjunge Wehrmachtssoldaten, die 1944/45 in Gefangenschaft gerieten, zur Desinfektion und zum Duschen geführt wurden, wussten plötzlich ganz genau: „Jetzt werden wir vergast.“

Achim Thom, einst Professor in Leipzig, hat das so erlebt und mir berichtet. Nicht nur er. Anders als unsere Vorväter wissen wir Heutigen, dass wir den Frieden, unseren Wohlstand, das Glück unserer Kinder und Kindeskinder allein der deutschen Niederlage verdanken. Deshalb gilt es, diesen Tag mit einem Volksfest zu feiern. Deshalb muss an diesem Tag der Opfer des beispiellosen deutschen Eroberungs-, Raub- und Vernichtungskrieges gegen Osteuropa in besonderer Weise gedacht werden. Fünf Millionen Tote in Polen, 27 Millionen in der ehemaligen Sowjetunion, darüber hinaus ungezählte Menschen, die dauerhaft um ihr Lebensglück gebracht worden sind, Hungersnöte und die vollständige Verwüstung ganzer Landstriche – all das kennzeichnete den von Deutschland gewollten Krieg.

Nach Moskauer Zeit wird in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und in Israel der 9. Mai als Tag des Sieges über Deutschland gefeiert. In diesem Jahr ist das praktischerweise ein Samstag. Deshalb schlage ich vor, dass sich möglichst viele Berliner am Vormittag des 9. Mai um 11 Uhr am sowjetischen Ehrenmal nahe dem Brandenburger Tor treffen und dort Blumen niederlegen. Eine Blaskapelle sollte zunächst Trauermusik intonieren und dann Stücke spielen, die der Freude über die Befreiung Schwung geben. All das hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, ob man die Politik der heutigen russischen Führung zu verstehen versucht oder bekämpft, auch spielt keine Rolle, wie und was man über die Verbrechen Stalins oder des Kommunismus denkt.

In dieser Stunde und an diesem Morgen kann es nur um eines gehen: um eine große, öffentlich wirksame Geste des Mitgefühls, der Solidarität und der Freundlichkeit der heutigen Berliner, gerichtet an die von Deutschland überfallenen Völker der ehemaligen Sowjetunion, an die Familien der ermordeten, verschleppten und geschundenen Zivilisten, der gefallenen, verkrüppelten und ermordeten Soldaten der Roten Armee. Dazu braucht man ein kleines Komitee, das die Veranstaltung anmeldet – dann wird fast von selbst eine beachtliche Volksbewegung entstehen. Für die Musiker habe ich eine Idee, einen Redner finden wir auch.