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Kolumne zu Flüchtlingen: Flüchtlinge werden zu Opfern der hasserfüllten deutschen Angst

Aktivisten des Antirassistischen Netzwerks demonstrieren am Platz des 18. März gegen die Einführung des neuen Asylgesetztes 2015.

Aktivisten des Antirassistischen Netzwerks demonstrieren am Platz des 18. März gegen die Einführung des neuen Asylgesetztes 2015.

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dpa/Felix Zahn

Deutsche haben vor allem Möglichen und vielem Unmöglichen Angst. Diese Angst ist als German Angst in die internationale Sprache eingegangen und beschreibt den zögerlichen Umgang der Deutschen mit politischen Konflikten und ihren Mangel an Gelassenheit im Umgang mit Herausforderungen. Es heißt, sie brauchen die Angst, um überhaupt etwas zu fühlen und wahrzunehmen, denn unterhalb der Angst sei nur Gleichgültigkeit. Nur die Angst als Seelenzustand könne es mit der deutschen Geschichte aufnehmen, die zu einer Menschheitskatastrophe führte. Dieser Blick auf die Deutschen ist irritierend und oft ungerecht. Aber nicht immer. Pegida läuft unter dem Banner der Angst. Angst vor Abstieg, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor dem Islam, vor allen Ausländern und der Angst vor der Welt, die unangemeldet in den Vorgarten der deutschen Befindlichkeit eindringt.

Angst, wie ein Kind sie hat vor Gespenstern unterm Bett, muss man verstehen, beruhigen und anerkennen. Je abstrakter die Angst ist, desto ernster scheint sie genommen zu werden. Solche Ängste aber sind zugleich eine Verhöhnung realer Gefahren.

Markus Nierth, der Bürgermeister von Tröglitz, begründete seinen Rücktritt vom Amt mit Angst. Er war von Rechtsextremen bedroht worden, weil er sich für die Unterbringung von Flüchtlingen einsetzte. Was seinen Fall von vielen anderen unterscheidet, ist das anhaltende Interesse der Medien. Erst danach reagierte auch die Politik mit Bedauern darüber, dass dieser Bürgermeister vor dem Mob kapitulierte, weil der Rechtsstaat ihn nicht zu schützen vermochte. Vielleicht war die Welle der öffentlichen Empörung auch eine Reaktion auf die Pegida-Bewegung überall in Deutschland. Das wäre ein Fortschritt. Denn bisher, so scheint es, haben die vermeintlichen Ängste des Mobs mehr Aufmerksamkeit erlangt als die Angst vor Nazis, die ganz gezielt Menschen bedrohen. Unter den Bedrohten sind etliche Bürgermeister, Journalisten, Abgeordnete, Gewerkschafter und andere, die es wagen, in Regionen, in denen Nazis erheblichen Einfluss haben, ganz offen auszusprechen, dass sie den brauen Mief nicht mehr ertragen. Vielerorts gelten sie als Nestbeschmutzer. Dass ihre Sorgen nicht ernst genommen werden, ist besonders frustrierend. Denn nichts ist schlimmer, als in solch einer Situation von der Polizei oder Kollegen kaltschnäuzig weggeschickt zu werden.

Es ergießt sich hasserfüllt die deutsche Angst über sie

Nichts ist schlimmer? Doch. Wenn es Menschen trifft, die nicht der weißen Mehrheit angehören, sondern stets vermittelt bekommen, dass sie nicht dazugehören. Die Opferberatungsstellen berichten wieder über eine steigende Zahlen von Übergriffen auf Flüchtlinge. Viele von ihnen gehen gar nicht erst zur Polizei. Sie haben genug mit der Verarbeitung der Angriffe zu tun. Das zusätzliche Erlebnis, nicht ernst genommen zu werden, wollen sich die meisten ersparen. Tag für Tag ergießt sich hasserfüllt, erbarmungslos und leidenschaftlich kalt diese deutsche Angst der angeblich Zukurzgekommenen über die Flüchtlinge. Es scheint, als hätte die öffentliche Wahrnehmung von Angst und die tatsächlichen Bedrohungen gar keinen Bezug mehr zueinander. Flüchtlinge werden nicht subtil bedroht, sondern bespuckt, verprügelt, gejagt. Was sie zu spüren bekommen, ist existenzielle Angst, so wahr wie die Fäuste im Gesicht.

Anetta Kahane, Amadeu-Antonio-Stiftung