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Kolumne zu Griechenland: Griechen, Deutsche & Reparationen

Wenn Griechen Deutschland individuell auf Entschädigung für Kriegsschäden verklagen könnten, dann könnten auf derselben Grundlage viele Nachfahren deutscher Heimatvertriebener gegen Polen oder Tschechien prozessieren. Dieses Fass wollen wir zu lassen!

Wenn Griechen Deutschland individuell auf Entschädigung für Kriegsschäden verklagen könnten, dann könnten auf derselben Grundlage viele Nachfahren deutscher Heimatvertriebener gegen Polen oder Tschechien prozessieren. Dieses Fass wollen wir zu lassen!

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AFP

In den kommenden Tagen besucht Bundespräsident Gauck Griechenland. Abermals verlangen einige griechische Politiker, Journalisten und Vertreter der Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki viele Millionen Euro für jene Schäden, die Deutsche dem Land 1941 bis 1944 zugefügt haben. Als Bürger lehne ich solche Forderungen ab – als Historiker liefere ich denjenigen, die solche Ansprüche stellen, fortlaufend Argumente. Die horrende Raub- und Raffgier der Deutschen im Zweiten Weltkrieg gehört zu meinen Themen. Das einschlägige Buch „Hitlers Volksstaat“ wurde auch ins Neugriechische übersetzt. Der Historiker Aly kann auf den Bürger Aly keine Rücksicht nehmen. Letzterer aber antwortet recht kühl auf die Frage, warum er weitere staatliche Entschädigungszahlungen ablehnt:

Erstens sind die gegen Deutschland gerichteten Ansprüche auf Wiedergutmachung mit dem Zwei-plus-Vier-Abkommen von 1990 erloschen. Zweitens werden Friedensverträge und ähnliche Abkommen zwischen Staaten geschlossen. Sie verletzen nicht selten für sich genommen achtenswerte Interessen Einzelner. Doch irgendwann muss (Friedens-)Schluss sein, und das müssen Regierungen verbindlich und dauerhaft regeln können. Drittens hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag 2009 diese Auffassung der Bundesregierung bestätigt, als er italienische Forderungen an Deutschland verwarf. Viertens darf davon aus prinzipiellen Gründen nicht abgewichen werden. Fünftens gilt es zu bedenken, dass rechtliche Regelungen nicht nach Opportunität angewandt werden dürfen. Wenn Griechen Deutschland individuell auf Entschädigung für Kriegsschäden verklagen könnten, dann könnten auf derselben Grundlage viele Nachfahren deutscher Heimatvertriebener gegen Polen oder Tschechien prozessieren. Dieses Fass wollen wir zu lassen! Sechstens haben Deutsche im Zweiten Weltkrieg derart schwere materielle und menschliche Verwüstungen angerichtet, dass sie auch heute nicht entfernt bezahlt werden könnten. Wer das wollte, müsste den Lebensstandard der Deutschen sofort halbieren, also ein wichtiges ökonomisches Zentrum Europas zerstören. Das nützte niemandem. Sollten aber symbolische Zahlungen geleistet werden, dann wären (siebtens) aus Gründen der Gerechtigkeit lange vor griechischen Anspruchsstellern Millionen Polen und ehemals sowjetische Bürger an der Reihe.

Wie verhält es sich mit den Forderungen, die neuerdings von Vertretern der Jüdischen Gemeinde in Thessaloniki erhoben werden? Nicht so einfach, wie viele annehmen. Griechenland ist der einzige europäische Staat, der seine Akten über die Diskriminierung und Enteignung der Juden noch immer geheim hält. Deshalb gibt es keine kritische, auf griechische Quellen gestützte Literatur zur Athener Kollaborationsregierung während der deutsch-italienisch-bulgarischen Besatzung des Landes. Weder das israelische Forschungsinstitut Yad Vashem noch das US Holocaust Memorial Museum haben von der griechischen Archivverwaltung jemals Einsicht erhalten. Die Gründe für dieses wahrheitsscheue Verhalten sind klar: Das Eigentum der griechischen Juden wurde 1942 bis 1944 zu 95 Prozent von der griechischen Finanzverwaltung an christliche Griechen verkauft. Es blieb im Land. Davon mehr am nächsten Dienstag.