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Kolumne zu Griechenlands Verbalattacken: Griechen müssen die Opferrolle überwinden

Ein Maschinengewehr und ein Helm aus dem Repertoire der Nazis während des Zweiten Weltkriegs, ausgestellt im Skopeftirio Park in Athen.

Ein Maschinengewehr und ein Helm aus dem Repertoire der Nazis während des Zweiten Weltkriegs, ausgestellt im Skopeftirio Park in Athen.

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dpa

Unentwegt benutzen griechische Politiker die im Zweiten Weltkrieg von Italienern, Deutschen und Bulgaren angerichteten Schäden als Ausreden für ihr heutiges Versagen. Mit den gegen Deutschland gerichteten Forderungen lenken sie von ihrer Unlust ab, einen modernen Steuer-, Verwaltungs- und Rechtsstaat zu schaffen. Sie schwadronieren von „Merkels Viertem Reich“, um von der heimischen Korruption zu schweigen.

Neulich schmähte die Syriza-Parteizeitung Wolfgang Schäuble als KZ-Schergen, der aus Griechen „Seife machen“ wolle. Derartiger geistiger Verrohung sei eine exemplarische Geschichte entgegengesetzt: Im Jahr 2000 ließ die griechische Regierung vor dem Südwestzipfel der Peloponnes nach einem angeblich 1944 von den Deutschen versenkten Fischerboot tauchen, das angeblich den „Judenschatz von Saloniki“ berge. CNN und BBC berichteten, und mit Getöse wurde darüber spekuliert, wem der Milliardenschatz denn gehören würde. Gefunden wurde nichts, denn es handelte sich um eine widerwärtige Lügenklamotte. Tatsächlich wurden den 46.000 Juden von Saloniki unter deutscher Besatzung mindestens zwölf Tonnen Gold geraubt – und zwar im besten Einvernehmen mit der griechischen Regierung. Das Gold wurde nicht als Schatz gehortet, sondern 1942/43 unter aktiver Mitwirkung des griechischen Finanzministeriums und der Griechischen Nationalbank an der Athener Börse von griechischen Brokern an Griechen gegen Papierdrachmen verkauft. (Auf ähnliche Weise wurde mit dem gesamten Vermögen der Juden von Saloniki verfahren.)

Nach den Angaben der Wehrmacht konnten die Besatzungskosten 1943 „zu zwei Dritteln bis drei Vierteln aus dem Golderlös gedeckt werden“. Hitlers Sonderbeauftragter für den Südosten, Hermann Neubacher, berichtete: „Die Überraschung der Griechen“ sei „ungeheuer“ gewesen, „kein Mensch“ habe „es für möglich gehalten, dass Deutschland Gold auf den Markt wirft“. Wie deutsche Wirtschaftsoffiziere beobachteten, versetzte bereits das Eintreffen Neubachers auf dem Athener Flughafen die griechischen Spekulanten in Hochstimmung.

Über die Börse landete das Gold der Juden in den Händen nun reich gewordener Griechen, während die Deutschen mit den zum Tageskurs dafür bezahlten Drachmen griechische Waren und Dienstleistungen sowie die eigenen Soldaten bezahlten.

Kurzum: Der griechische Staat entzog sich 1943 den zu entrichtenden Besatzungskosten, indem er, anders als später in Athen, an der Enteignung und Deportation der 46.000 Juden von Saloniki mitwirkte – zum einen aus finanziellem Interesse, zum anderen mit dem Ziel, den national noch umkämpften Norden Griechenlands nachhaltig zu hellenisieren. Obwohl all das historisch unbestritten ist, tut man in Athen so, als hätte es die von Deutschen und Griechen gemeinsam begangenen Schandtaten nicht gegeben. Warum nur? Die Antwort ist einfach. Die griechische Staatsräson lautet: Wir waren und sind immer die Opfer. Deshalb gelten auch zahllose Massaker, die Griechen an Albanern, Türken und Bulgaren begangen haben, als böswillige Erfindungen. Erst wenn die Lüge vom ewigen Opfer überwunden und einem aufgeklärten, selbstkritischen Geschichtsbild gewichen ist, kann die griechische Gesellschaft und deren Staat endlich erwachsen werden.