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Kolumne zu Kevin Prince und Jérôme Boateng: Die Ungleichen

Kevin Prince Boateng

Kevin Prince Boateng

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dpa

Deutschland gegen Ghana: was für ein Spiel! Ungleich die Halbzeiten – die erste etwas langatmig, die zweite dramatisch. Und ungleich die Mannschaften und ihre Bedingungen. Zur Verwunderung der Deutschen zeigte die Nationalmannschaft Ghanas, dass sie mehr hat als nur einen Spieler, weil man den kennt. Kevin Prince Boateng. Dem Jungen aus dem Berliner Wedding nehmen noch immer viele übel, dass er für Ghana spielt. Sein Bruder Jérôme blieb bei den Deutschen.

Der eine ein raubeiniger Anführer, unangepasst und dabei kosmopolitisch, der andere charmant, ruhig und verlässlich auf Erfolgskurs in Deutschland. Beide haben ihre Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Beim Fußball und auf den Straßen. Ob in bürgerlicher Nachbarschaft wie Jérôme in Berlin-Charlottenburg oder im zerzausten, armen Wedding wie Kevin Prince. Sie wuchsen mit dem Gefühl auf, etwas zu erleben, was es in Deutschland angeblich gar nicht gibt.

Als sich Kevin Prince zu Beginn seiner Profikarriere mit dem ihm zugewiesenen Platz nicht zufriedengeben wollte, als er sich „danebenbenahm“, diskutierte Deutschland die beiden Brüder auseinander: Jérôme, der good Boy gegen Prince, den bad Boy. Und wer von den beiden nun „integrierter“ sei. Schwarz zu sein reicht in diesem Land, um jemanden zu expatriieren, der deutsche Eltern hat. Besonders wenn er einen Weißen foult, wie Michael Ballack kurz vor der WM 2010. Es wurde damals ernsthaft diskutiert, ob man Kevin Prince nicht die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen könne. Es war wohl auch die Mischung aus Fußballbusiness und Rassismus, die ihn dazu bewogen hat, für Ghana zu spielen.

Rabauke und schwarz

Wer deutsch ist, bestimmen wir, hieß es damals. Rabauke und schwarz – das war zu viel. Einige Zeit später, diesmal als Spieler des AC Mailand, brach Kevin Prince ein Spiel ab, weil gegnerische Fans Affenlaute gegrölt hatten. Er verließ den Platz, und seine Mitspieler folgten. Das war mutig. Denn normalerweise lastet auf den Beleidigten auch der Druck, bloß nicht zu heftig darauf zu reagieren. Kevin Prince wurde für sein unangepasstes Verhalten in Italien bewundert. Und er durfte sogar vor dem UN Menschenrechtsrat über Rassismus sprechen. Und im amerikanischen Fernsehen. Deutschland wollte davon eher wenig wissen.

Das Spiel vom Samstag war spannend, auch wenn der Bruderkampf nicht stattfand, weil Jérôme und Kevin Prince ausgewechselt wurden. Die Ghanaer sind eine Klasse-Mannschaft! Obwohl sie weit weniger Geld haben als die Deutschen für Trainingsbedingungen, teure Ärzte, teure Infrastruktur und alles, was der Profifußball an Milliarden halt so braucht. Ungleiche Voraussetzungen, ungleiche Bedingungen, ungleiche Länder und auch ungleiche Brüder. Ein umso größerer Erfolg für Ghana! Ob sie nun für diese Mannschaft antreten oder für jene, der Rassismus in Deutschland und Europa macht die Schwarzen Spieler zu Ungleichen.

Rassismus im deutschen Fußball ist das permanente Foul und seine größte Schwäche. Die Boatengs könnten viel dazu sagen, wenn man sie fragen würde. Und die reiche, deutsche Fußballmaschinerie täte gut daran, ihnen zuzuhören und Rassismus endlich ernsthaft zu bekämpfen. Für sich selbst, für alle schwarzen Spieler und damit für uns alle.


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