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Kolumne zu Luxemburgs Finanzminister Pierre Gramegna: Ein Mann, kein Wort

Luxemburgs Finanzminister Pierre Gramegna.

Luxemburgs Finanzminister Pierre Gramegna.

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AFP

Vielleicht sollten wir erstmal ein paar Atemübungen machen. Es war eine stressige Woche. Wie geht es Ihnen? „Wunderbar“, ruft der Finanzminister, eine Spur zu demonstrativ, während er Platz nimmt. Weiße Löckchen umkränzen sein Haupt. „Ich bin kerngesund, ich habe eine sehr schöne Familie, ich habe Freunde, ich lebe in einem tollen Land…“ Er lächelt entschlossen. Es war wirklich eine scheußliche Woche.

Er sei schon lange vorher informiert gewesen, unkt die heimische Presse. Und ausgerechnet die Christsozialen des Herrn Juncker, die hier gefühlt hundert Jahre lang regierten, mäkeln nun über sein Krisenmanagement. Dabei haben sie dieses verdammte Finanzparadies geschaffen. Haben, um im Bild zu bleiben, die Palmen gepflanzt und die Hängematten gespannt für die Großkonzerne. Finanzminister Pierre Gramegna seufzt leise.

Er darf nun von früh bis spät erklären, dass das alles ganz legal ist. Seit dem 5. November. Seit „Lux Leaks“ in der Welt ist – fast 28 000 Seiten Dokumente über 500 „tax rulings“ der Luxemburger Finanzverwaltung, in denen hunderten von Firmen bescheinigt wurde, wie extrem wenig Steuern das Großherzogtum ihnen abverlangt. Sogenannte „comfort letters“. Es gibt ein Foto, dass die Luxemburger Regierungsspitze am 6. November zeigt. Am Mikrofon der liberale Premier Bettel mit aufgerissenen Augen, stocksteif umringt von seinem sozialdemokratischen Vize, dem grünen Justizminister und unserem Finanzminister. Alle vier sehen aus, als seien sie beim Apfelklauen erwischt worden.

Pierre Gramegna platzt der Kragen

„Wir hatten uns auf alles vorbereitet aber nicht auf das“, sagt Monsieur le ministre. Dabei wirkt der Herr Gramegna nicht wie ein Idealist. Er war Karrierediplomat, Generaldirektor der Handelskammer, mit Verwaltungsratsposten bei der Börse und allerlei Finanzinstitutionen. Er sieht aus wie einer, der sich früh in das gefügt hat, was Männer in solchen Anzügen als „die Realitäten“ zu bezeichnen pflegen.

Jetzt hockt er da auf dem zu niedrigen Stuhl vor dem kalten Kamin und hangelt sich durch einstudierte Sätze. Spricht immer wieder von der „Attacke“, der „massiven Attacke“ der Medien. Zumindest andere Regierungen, tröstet er sich, zeigten „eine gewisse Zurückhaltung“. Weil ja alle irgendwie mit drinhängen. Dann sagt er einen kuriosen Satz: „Man hat die Verantwortung für das Land übernommen und muss mit den Problemen eins werden.“

Wir spielen Pingpong. Er kennt diese Fragen. Hat Antworten parat. Bis ich wissen will, ob es nicht schlicht eine Schweinerei sei, dieses Armrechnen der Konzerne mit Hilfe von findigen Buchhaltern, Anwälten und Beamten? Minister Gramegna atmet ein. Atmet aus. „Ich würde“, sagt er ein wenig indigniert, „das Wort, das sie gebraucht haben, ganz bestimmt nicht anwenden.“

Gestern ist ihm der Kragen geplatzt. Als eine Journalistin zu schnell die Hand zur Frage hob. Er stockte, er starrte sie nieder. Dann bellte er: „Ich war noch nicht fertig! Ich bin immer noch nicht fertig! Lassen Sie mich einfach vielleicht ausreden! Hören Sie auf zu gestikulieren! Das ist von einer Unfreundlichkeit, die unglaublich ist. Sie wollten mich unterbrechen. Kann ich meinen Gedanken jetzt beenden? Merci!“