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Berliner Zeitung | Kolumne zu NPD: Das Wort Svastika
06. November 2013
http://www.berliner-zeitung.de/3851590
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Kolumne zu NPD: Das Wort Svastika

Bürger der Stadt, rechte Sympathisanten und NPD-Mitglieder protestieren in Schneeberg gegen ein Heim für Asylbewerber (02.11.2013).

Bürger der Stadt, rechte Sympathisanten und NPD-Mitglieder protestieren in Schneeberg gegen ein Heim für Asylbewerber (02.11.2013).

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dpa

Die Bundestagswahl hat der NPD trotz deutschlandweiter Präsenz ihrer Hetzplakate keinen Einzug in den Bundestag beschert. Doch sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, das müsse immer so bleiben. Gerade jetzt setzt eine Mobilisierungskampagne ihrer halben Million Nazi-Stammwähler ein, die niedrigere Drei-Prozent-Hürde bei der Wahl für das Europaparlament im Mai zu überwinden. Eine bizarre Partnerschaft könnte sich da formieren: Rechtsradikale aus Ost und West als krakeelende Abgeordnete unterm blauen europäischen Sternenbanner.

Während hier noch mit aller Akribie die NSU-Verbrechen im Münchener Gerichtssaal aufgearbeitet werden, droht aus Brüssel und Straßburg ein Schwall brauner Propaganda. Wie lebendig die NPD agiert, zeigte sich jüngst im erzgebirgischen Schneeberg. Tausende empörter Bürger folgten dort ihrem Aufruf, um ein Asylbewerberheim zu verhindern. Es ging beim von der NPD organisierten „Lichtellauf“ zivilisierter zu als in Hellersdorf, wo der Mob in die Fernsehkameras pöbelte und die NPD den besorgten Anwohnern „Unterstützung im legitimen Protest“ versprach. Man lernt halt dazu.

Für die schrillen Töne ist das perfideste Organ deutscher Sprache zuständig, das Internetportal Altermedia. Dort stand wörtlich, dass es sich bei den Flüchtlingen lediglich um „Menschenmüll“ handle und falls ein Asylheim einst abgefackelt wird, es um den Plattenbau nicht schade sei. Altermedia existiert auch dank seiner Werbeeinnahmen. Eine der Firmen, die das Medium am Leben hält, ist das Klamotten-Label „Ansgar Aryan“. Seine Betreiber sitzen zwischen Oberhof und Oberpfalz, haben Namen und Adressen, von wo aus sie den Internetversand organisieren.

Linke Szene wird kopiert

Hit des Sommers war die Wiederauflage des schwarzen T-Shirt-Klassikers „Nach Frankreich fahr’n wir nur auf Ketten“. Auf der Rückseite las der staunende Franzose in seiner Muttersprache „Verdammt, die Deutschen kommen!“ Doch damit nicht genug. Der Werbespruch „Ein tolles Top mit eindeutiger Aussage, rechtlich absolut unbedenklich“ galt einem Kleidungsstück mit der Aufschrift „Svastika“. Also nicht das Zeichen des Hakenkreuzes, sondern sein Begriff.

Modische Accessoires für eine Jugendkultur, die sich nicht nur in 18- oder 88-Tattoos in Führerverehrung erschöpft, sondern cool daherkommt. Das ist ganz im Sinne einer Bewegung, die sich Autonome Nationalisten nennt. Ihre Mitglieder gerieren sich als aggressiver Teil der extremen Rechten, ohne als solche auf den ersten Blick erkennbar zu sein. Im Outfit und in den Aktionsformen kopieren sie die linke Szene, in Nazi-Demonstrationen bilden sie „Schwarze Blöcke“. Sie propagieren das Do-it-yourself-Prinzip, jeder solle „aktiv und kreativ politische Arbeit betreiben“, ohne an feste Organisationen gebunden zu sein. Dies habe den Vorteil, „dass Strukturen, die es offiziell gar nicht gibt, nicht verfolgt oder gar verboten werden können“, heißt es in einer Handlungsanweisung auf den Internetseiten der „neuen und modernen nationalen Sozialisten“.

Das Bundeskriminalamt warnt inzwischen, die AN habe das Potenzial selbstradikalisierter Einzeltäter mit Tendenz zur Bildung terroristischer Kleingruppen. Ein Haufen, der sich in rasender Geschwindigkeit radikalisieren kann, kennt kein Gewalttabu.