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Kolumne zu Raif Badawi: Sein Verbrechen: zu liberal

Angehörige von Raif Badawi in Kanada fordern seine Freilassung (13.01.2015).

Angehörige von Raif Badawi in Kanada fordern seine Freilassung (13.01.2015).

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AFP

Was haben wir doch für ein Glück, in einem Land zu leben, in dem die Todesstrafe abgeschafft ist. Niemand ist mit dem Tode bedroht, wenn er aus einer der Kirchen austreten und damit der jeweiligen Religion Ade sagen will. Wir hatten die Aufklärung. Die Inquisition liegt ewig hinter uns. Der Massenmord an den jüdischen Mitbürgern vor nicht allzu langer Zeit bleibt als Menetekel und Mahnung in dunkler Erinnerung.

In Saudi-Arabien, dessen Bewohner wir etwas plump vertraulich die Saudis nennen, ist das anders. Dort gibt es sie noch, die Todesstrafe, auch in Form der Enthauptung. Bei uns kann man an Gott glauben, darf aber auch öffentlich an seiner Existenz zweifeln. Für die saudischen Untertanen ist der Glaube an Gott Verpflichtung. Gibt man zu erkennen, dass man dieser Pflicht nicht nachkommt, wird man zum Ungläubigen. Mit dieser Einschätzung könnten wir hier noch unbefangen leben. Dort ist man jedoch dem Tode geweiht.

Einer, der die ganze Brutalität der Herrscher der Finsternis derzeit zu erdulden hat, ist der saudi-arabische Autor und Blogger Raif Badawi. Sein Verbrechen: Er ist dem saudischen Königshaus zu liberal. Er hat es gewagt, eine Diskussion über das Verhältnis von Religion und Politik anzuregen. Auf seiner Website beherbergte er die Plattform „Freie Saudische Liberale“.

Immer wieder durch die Religionspolizei verwarnt und mehrfach mit Gefängnis bedroht, schlug das Regime im Juli 2013 endgültig zu und verurteilte ihn zu 600 Peitschenhieben, Gefängnis und rund 200.000 Euro Bußgeld wegen angeblicher „Beleidigung des Islam“. Ein „Rechtsgelehrter“ hatte ihn zuvor in einem Gutachten zum Ungläubigen erklärt, der „angeklagt und verurteilt werden muss, weil er es verdient“. Er habe Muslime, Christen, Juden und Atheisten als gleichwertig bezeichnet und damit ein Religionsverbrechen begangen, das nach Auffassung des saudischen Herrscherclans, der sich als Schutzmacht des sunnitischen Islam sieht, besonders streng bestraft werden muss.

1000 Peitschenhiebe

Dem Berufungsgericht reichte dieses Schreckensurteil nicht. Es machte aus 600 Peitschenhieben 1000, verhängte eine zehnjährige Haftstrafe, falls er die Auspeitschung überleben sollte, was nicht wahrscheinlich ist. Auch sein Anwalt wurde im Juli 2014 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Sieht man von ausführlichen Berichten in Spiegel Online und der Deutschen Welle ab, verbuchten die Printmedien den Skandal eher unter „Kleine Meldungen“. Vielleicht wollten sie ja auch nur die „Freundschaft“ mit den Saudis nicht gefährden. Schließlich sorgen sie als einer der größten Ölproduzenten mit für unser aller warmen Stuben. Und seit Kurzem sind wir Bündnispartner gegen die barbarischen Islamisten des IS, die sich frech auf den Islam berufen. Enthaupter kämpfen nun gegen Kopf-ab-Jäger. Absurdes am Rande: Für Saudi-Arabien ist das Attentat in Paris ein „feiger Terrorakt gegen den wahren Islam“.

Der Pen-Club hat Raif Badawi zu seinem Ehrenmitglied ernannt. Zusammen mit der Autorenvereinigung hat die Berliner Akademie der Künste jetzt die Kanzlerin eindringlich gebeten, sich bei den saudischen Partnern für Badawi einzusetzen.

Übrigens, das Hin und Her der deutschen Panzerlieferungen – im April von Sigmar Gabriel erst einmal gestoppt – ist nicht Thema dieser Kolumne...

Klaus Staeck, Grafiker und Verleger