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Kolumne zu Richard von Weizsäckers Rede: Der deutsche Opferstolz

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker.

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker.

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dpa

Sätze können sehr verschieden klingen; es kommt immer auf die Perspektive an. Der Jubel über die Rede des gerade verstorbenen Richard von Weizsäcker, als er vor 30 Jahren sagte, Deutschland sei vom Nationalsozialismus befreit worden, wirkte auf einige verstörend. „Ja, was denn sonst?“, fragten sich vor allem die Überlebenden des Terrors. Ihnen jedoch Weizsäckers Mut und Größe zu erklären, das Selbstverständliche auszusprechen, haftet bis heute etwas Zynisches an. Weizsäckers Rede kam spät, war aber richtig. Bedrückend bleibt, dass sie zum Anfang des deutschen Sündenstolzes wurde, der sich zwar zu den Verbrechen bekennt, daraus jedoch Selbstgefälligkeit ableitet.

Einige Beispiele. Jeder weiß inzwischen, dass jüdische Einrichtungen fast im Minutentakt mit Hass konfrontiert sind: Anrufe, Briefe, Mails, Drohungen von Absendern aus allen Bevölkerungsschichten. Deshalb werden diese Einrichtungen bewacht. Auf der Straße kommt es mitunter auch zu Angriffen auf Juden, und bei Demonstrationen sind antisemitische Statements nichts Außergewöhnliches – schon gar nicht angesichts der Weltlage. Dass Juden deshalb mitunter ein Gefühl der Unsicherheit ausdrücken, könnte man als verständlich betrachten.

Deutschland leistet sich ein Zentrum für Antisemitismusforschung, das da ganz anderer Meinung ist. Es findet diese jüdische Perspektive – um es kurz zu machen – subjektiv und irgendwie übertrieben. Der tägliche Druck, den Juden spüren, ist eher unsachlich. Das zu beurteilen, also den Antisemitismus, ist Sache der deutschen Gesellschaft, also der Nicht-Juden. Wohl auch aus diesem Grunde arbeitet im Zentrum für Antisemitismusforschung kein einziger Jude. Sie sind aus ihrer vermeintlichen Opferperspektive dafür offenbar zu befangen.

Wir sind Auschwitz

Und die Täterperspektive? Ist sie im deutschen Sündenstolz aufgegangen und verschwunden? Das Gleiche gilt für die gerade eingesetzte Expertenkommission gegen Antisemitismus beim Bundestag. Unter den Mitgliedern kein Jude. Nicht einer. Ginge auch eine Konferenz gegen Islamhass ohne Muslime? Oder eine Kommission gegen Sexismus ohne Frauen? Oder ein Antirassismus-Konvent ohne People of Color? Natürlich nicht. Es wäre zu Recht ein Skandal. Bei Juden ist das etwas anderes. Der deutsche Opferstolz braucht keine jüdische Perspektive. Er ist sich selbst genug.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte zum Tag der Befreiung von Auschwitz, dass dieser Ort zur deutschen Identität gehöre. Er verband das mit der Aufforderung an alle Einwanderer, ebenfalls der deutschen Sündengemeinschaft beizutreten. Verkürzt gesagt: Wir sind Auschwitz. Und wenn ihr hier mitmachen wollt, müsst ihr die gleiche Bürde auf euch nehmen wie wir und dürft nicht antisemitisch sein. „Unser“ schönes Deutschland hat nun einmal diesen Makel in seiner Textur und damit müsst auch ihr nun leben. Diese Perspektive steht ganz in der Tradition des verkorksten deutschen Stolzes. Joachim Gauck hätte allen, einschließlich der Einwanderer, sagen können, dass trotz der Verbrechen von Auschwitz die Kohns und Levys zur deutschen Identität gehören. Ihre Perspektive ist Teil unseres Selbstverständnisses. Und weil wir das wissen, wird eure Perspektive ebenfalls dazugehören.

Doch auf eine solche Rede werden wir wohl noch warten müssen.


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