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Kolumne zu Russlands Politik: Putins hilfreiches Reden und Handeln

Russlands Präsident Vladimir Putin.

Russlands Präsident Vladimir Putin.

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AP

Vergangene Woche reiste Ministerpräsident Netanjahu nach Moskau, um mit Präsident Putin verlässliche Absprachen über die militärische Verteidigungsfreiheit Israels in Syrien zu treffen, und kehrte zufrieden nach Jerusalem zurück. Ihm folgte der türkische Präsident Erdogan. Nach gemeinsamen Gesprächen eröffnete dieser mit Putin die größte Moschee Europas – neu errichtet in Moskau.

Desgleichen gaben sich in diesen Wochen die politischen Führer Saudi-Arabiens, Ägyptens, Jordaniens, Irans und des Iraks die Klinken des Kremls in die Hand, während Merkel und Putin gewiss nicht selten telefonierten. Jetzt schufen Russland, Syrien und Iran gemeinsam mit dem US-Verbündeten Irak ein Zentrum, um den Kampf gegen den IS zu koordinieren, und zwar in Bagdad. Sofort rief Putin bei Erdogan und den Königen von Saudi-Arabien und Jordanien an, um sie über den Stand der Dinge zu informieren. In westlichen Hauptstädten scheint ein derart umsichtiger Wille zur Kooperation in Vergessenheit geraten zu sein, um das Mindeste zu sagen.

Himmelschreiendes Chaos

An diesem Montag erklärte Wladimir Putin sein Vorgehen vor der UN-Vollversammlung und seinem amerikanischen Kollegen Obama. Russland ist es wesentlich zu verdanken, wenn sich die Welt nun endlich dazu bequemen sollte, den syrischen Bürger- und Stellvertreterkrieg mit einer Kombination aus politischen und militärischen Mitteln zu beenden.

In erheblichem Maße verstärkt haben die Westmächte und ihre medialen Vorbeter das himmelschreiende irakische, libysche und syrische Chaos. Sie stellten Ausbilder, schickten Waffen an angeblich demokratische Aufständische in Syrien, die dann scharenweise zum IS und der Al-Nusra-Front überliefen. Die USA statten irakische Soldaten mit modernsten schweren Waffen aus.

Doch machten sich die vermeintlichen Waffenbrüder sofort aus dem Staub und überließen ihre nagelneuen Fahrzeuge und Kriegsgerätschaften den radikalislamischen Terroristen. Die führenden Köpfe des westlichen Europa befeuerten den großstädtischen Protest auf dem Kairoer Tahrir-Platz, feierten den Sturz von Machthaber Mubarak und waren ein Jahr später heilfroh, als nach einem kurzen – demokratisch legitimierten – Intermezzo der Muslimbrüder ein neuer Mubarak, General al-Sisi, den Frühling der Freiheit beendete und das Staatsruder wieder in autoritäre Hände nahm.

Not und Elend

Der Westen zerstörte die diktatorischen, jedoch halbwegs säkularen Ordnungen im Irak und in Libyen und erzielte trotz besserer Absichten nur ein Ergebnis: Die Einwohner dieser Länder versanken in Willkür, Schutzlosigkeit, Not und Elend, zumal Frauen und Kinder; die zuvor funktionierenden nationalen Ökonomien, Schul- und Gesundheitssysteme brachen zusammen; die Interventionen forderten Hekatomben von zivilen Kriegs- und Bürgerkriegstoten – wesentlich mehr Tote als die gewiss ekelerregenden Diktatoren zuvor zu verantworten hatten.

Das nur gut gemeinte ist der Feind des Guten. Schon Aristoteles sagte, dass jede plötzliche Veränderung eines Staatswesens gefährlich ist. Auch angesichts der 25-jährigen Wiederkehr der deutschen Einheit darf man fragen: Was war nützlicher? Das Kriegsgeschrei oder der vorsichtige, gesinnungsethisch oft wenig elegante, verantwortungsethisch aber goldrichtige Wandel durch Annäherung?


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