Neuer Inhalt

Kolumne zu US-Luftangriffen im Nordirak: Wer gut schläft, ist schlecht informiert

Barack Obama spricht über die bevorstehenden US-Luftangriffe im Nordirak.

Barack Obama spricht über die bevorstehenden US-Luftangriffe im Nordirak.

Foto:

AP/dpa

Dieser Tage starrte ich lange auf die Socken von Barack Obama. Es war eines dieser Fotos aus dem Situation Room, dem offenbar fensterlosen Raum mit den Ledersesseln und den vielen Monitoren, wo Oberbefehlshaber O. und seine Uniformierten immer sitzen, wenn sie scharf schießen lassen. Wenn Bin Laden stirbt oder gerade wieder irgendeine halb durchdachte „Operation“ startet. O. befahl jetzt Luftschläge im Nordirak. Sein linker Fuß ruhte dabei auf seinem rechten Knie.

Es ist eine interessante Ästhetik, die das Weiße Haus hier kultiviert. Sehr zurückgenommen, ohne Heldenpathos. Die Bilder verströmen Nüchternheit, Arbeitsatmosphäre, angespannten Ernst. Sie zeigen die nachdenkliche Supermacht: Der vermeintlich mächtigste Mann der Welt hört zu, fragt nach, er reflektiert, er entscheidet, leidet dabei sogar ein wenig. Denn er ist nicht mehr dumm genug zu glauben, das einzig Richtige zu tun. Immerhin.

Und dann stiegen Kampfjets und ein paar Drohnen auf, um die schnell vorrückenden Kämpfer der IS-Miliz zu stoppen. Vom – ganz schlechter Scherz – Flugzeugträger „USS George H. W. Bush“. Benannt nach George Herbert Walker, dem alten Bush, der 1991 den ersten Irak-Krieg führte. Sein großes Ziel, deklamierte er damals, sei „eine neue Ära … freier von der Bedrohung des Terrors, stärker im Streben nach Gerechtigkeit, sicherer auf der Suche nach Frieden“.

Den Operationen Desert Shield und Desert Storm folgten Desert Strike … Thunder … Viper … Fox und viele, viele mehr. Menschen starben in sechsstelliger Zahl. Und es gab viele Interventionen an anderen Orten: Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Libyen, Mali … Als Bush I. losschlug, postulierte ein Herr Fukuyama das „Ende der Geschichte“. Dümmeres ist selten geschrieben worden.

Operation Desert Shit

Und heute? Wer, bald ein Vierteljahrhundert und zahllose „Operations“ später, Zwischenbilanz zieht, ist schockiert. Gerade der Irak symbolisiert die verwegene Verwirrtheit einer US-amerikanischen Außenpolitik, die sich in immer neue Zwangslagen manövriert, die notorisch auf falsche Freunde setzt (in dieser Region auf das Haus Saud). Und nun tatsächlich keine Strategie mehr zu haben scheint. Nicht einmal eine falsche. Ihr Name könnte lauten: Operation Desert Shit.

Nein, militärische Interventionen sind für mich nicht prinzipiell falsch. Auch die jetzt im Nordirak nicht. Doch sie sind stets Produkte akuter Zwangslagen mit trister Vorgeschichte, schnelle Noteinsätze nach langen Phasen schlechter Politik.

Nun ist es hohe Zeit, ganz genau hinzuschauen, zu fragen: Was bedingt die galoppierenden Verrohung der Welt? Wie viele Terroristen etwa hat dieser „Krieg gegen den Terror“ produziert? Islamistische Krieger tummeln sich nun auf einer sehr viele Tausend Kilometer langen Schlängellinie von Mauretanien bis zu den Philippinen. Hinzu kommen (u.a .): der ewige Nahost-Konflikt, der derzeit in Gaza brennt. Und ein neuer Kalter Krieg, der in der Ostukraine bereits ziemlich heiß ist.

Wer dieser Tage gut schläft, ist wirklich schlecht informiert.

Man müsse sich, hat Obama neulich gesagt, schon vor einer Intervention fragen, ob man „eine Antwort für den Tag danach“ habe. Eine richtige und verblüffend späte Erkenntnis. Vielleicht sollte er den Satz im Situation Room aufhängen.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?