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Kolumne zum Flüchtlingsheim: Hellersdorfs Selbstbefreiung

Mit Hetzsprüchen gegen Migranten, Flüchtlinge und Muslime ging die NPD auf Wählerfang. Und hatte zumindest teilweise Erfolg damit.

Mit Hetzsprüchen gegen Migranten, Flüchtlinge und Muslime ging die NPD auf Wählerfang. Und hatte zumindest teilweise Erfolg damit.

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Markus Wächter / Waechter

Ein kleines Stück Rasen zwischen zwei Straßen, darauf haben viele Hellersdorfer Stunden verbracht, Tage, Wochen – den ganzen Sommer. Dort stand die Mahnwache, die das Flüchtlingsheim vor Angriffen des rassistischen Mobs schützen sollte. Vom Gras auf diesem Fleckchen Hellersdorfer Erde war hinterher nicht mehr viel übrig. Junge Leute, Anwohner und Berliner aus anderen Bezirken, hatten hier ein kleines Lager errichtet, von dem aus sie Tag und Nacht das Heim im Auge behalten konnten und Pöbler vertrieben, wenn die sich ein weiteres Mal zusammenrotteten, um die Flüchtlinge zu beschimpfen. Nun sind alle abgezogen: die Polizei, die Mahnwache, der Mob und die Journalisten, deren Berichte die Hellersdorfer Zustände in die Welt hinausgetragen haben. Ruhe ist nun das Lieblingswort der Hellersdorfer. Sogar das Gras konnte nachwachsen.

Ruhe? Nein, Ruhe wäre die Untertreibung der vergangenen 20 Jahre. Was hier geschah, war ein Aufbäumen des alten, hässlichen Ostens. Und was nun folgt Tag für Tag, ist nichts weniger, als der Beginn eines Aufbruchs und das Ende jenes selbstmitleidigen Rassismus, der viele Kommunen im Osten noch immer in einer erdrückenden Umklammerung hält. Gerade dort, wo das Lamento über soziale Kälte besonders laut ist, liegt jene eisige Kälte gegenüber Flüchtlingen oder Einwanderern in der Atemluft, die solche Orte trotz ihrer landschaftlichen oder architektonischen Reize zu Dunkelkammern einer abwehrenden deutschen Provinz verkommen ließen.

Ein unseliges Knäuel aus vermeintlichem sozialem Notstand und einem engen Lokalpatriotismus hat Rechtsextremismus und Rassismus als seine unvermeidliche Folge zu einer Art Erpressungsinstrument gegen den „reichen und arroganten“ Westen mitsamt seinen Einwanderern gemacht. Auch in Hellersdorf hieß es: „Solange wir nicht alles haben, sollen DIE nichts kriegen!“ Aus diesem Sog herauszukommen, dem Gruppendruck solcher Sozialdemagogie zu widerstehen, ist bisher an vergleichbaren Orten nur selten gelungen. Hellersdorf aber hat es geschafft! Hier ist nicht einfach Ruhe eingekehrt, hier hat sich ein Stadtteil aus dem fatalsten Strudel der Nachwendezeit befreit. Endlich.

Es hat lange gedauert, bis die ersten Hellersdorfer Nachbarn auf die jungen Leute der Mahnwache zukamen und zunächst flüsternd den Flüchtlingen Hilfe anboten. Im August traute sich noch niemand, das Heim öffentlich zu verteidigen. Die meisten standen wortlos am Rand der Auseinandersetzung zwischen den Gegnern und Befürwortern, die übrigens aus allen demokratischen Parteien kamen. Ohne Wenn und Aber hatten hier alle gegen die NPD und deren Bürgerinitiative zusammengehalten. Dennoch verlangte es Mut von den Anwohnern, gegen den Sog des Mobs zu handeln. Irgendwann jedoch fingen sie an und brachten Spielzeug, Kleidung, Haushaltsgeräte, Schultaschen, Bücher, Gartenstühle und Sportsachen.

Der Sog dreht sich nun andersrum. Nicht die Verteidiger des Heims tragen das Stigma der kollektiven Ächtung, jetzt sind es die Rassisten. Hellersdorf hat sich selbst befreit. Das kleine Stück Rasen neben dem Heim ist schon wieder bewachsen. Ab jetzt bedeutet es, dass mit Sicherheit über die Pogromstimmung vom Sommer kein Gras wachsen wird.