blz_logo12,9

Kolumne zum Gaza-Krieg: Darf man die Hamas kritisieren?

Fast täglich finden in Berlin Demonstrationen gegen den Krieg im Gaza-Streifen statt. Es sind vor allem Palästinenser, die Israel anklagen.

Fast täglich finden in Berlin Demonstrationen gegen den Krieg im Gaza-Streifen statt. Es sind vor allem Palästinenser, die Israel anklagen.

Foto:

getty images/Carsten Koall

Die ewige Frage: „Darf man Israel kritisieren, ohne gleich als Antisemit bezeichnet zu werden?“ ist eine rhetorische. Es liegt in ihrer Natur, ein antisemitisches Statement einzuleiten, denn sie setzt eine jüdische Verschwörung voraus, die eine Antwort verbietet. Warum aber fragt niemand: „Darf man die Hamas kritisieren, ohne gleich als Islamhasser bezeichnet zu werden?“

Die Frage würde eine ganz andere Perspektive auf die politische Situation weltweit werfen. Sie würde einen Unterschied machen zwischen Muslimen und einer Bande verrohter islamistischer Mörder und klar machen, dass es gegen jede humane Ethik geht, Muslime generell mit den fanatischen Killern der Hamas gleichzusetzen. Denn dieser Grundsatz ist Teil des demokratischen und universalistischen Selbstverständnisses, auch wenn er sauer verteidigt werden muss. Wo bleibt die Frage also?

In diesem Herbst wird in Deutschland der 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert werden. Und es wird nostalgische Diskussionen darüber geben, wie alles geworden ist mit den Ossis und den Wessis, wie sie sich unterscheiden oder wie schlimm oder toll doch alles war. Das Jahr 1989 wird uns wieder nahe rücken, das Millionen Menschen in Deutschland jene „schicksalhafte Wende“ gebracht hat, die heute unser Leben bestimmt. Ost und West, das waren die Koordinaten damals.

Hochmut und Selbsthass

Kapitalismus und Sozialismus, kalter Krieg und heiße Kämpfe. Der Süden wurde derweil als eine Art Appendix des jeweiligen Blocks angesehen und behandelt. Inzwischen hat sich aber nicht nur Europa verändert. Während wir hier mühsam den Begriff Integration erfanden, um zu verstehen, dass Einwanderung nun zum Alltag gehört, hat die Welt sich weitergedreht. Schneller, radikaler und aufregender, als es sich die Europäer vorstellen können.

Denn diesen Süden gibt es längst nicht mehr. Technologie, Industrie, Infrastruktur – sie ist in jenen Teilen der Welt angekommen, die in der deutschen Wahrnehmung kaum vorkommen.

Es sei denn, die so veränderte Welt produziert Konflikte. Dann schaut man drauf. Irgendwie. Meistens in der fatalen Mischung aus Hochmut und Selbsthass. Hochmut – weil der weiße Westen den Rest der Welt noch immer mit seinen rassistischen Bildern darüber behelligt, was und was nicht vermeintlich in der Kultur oder gar Natur anderer „Völkerschaften“ liegt.

Und Selbsthass – weil sie ihre eigenen Privilegien in einer Demokratie zu leben nicht schätzen. Sie sehen den beständigen Kampf um bessere Bedingungen und Rechte nicht mehr als Chance für sich selbst, sondern verachten zu oft das demokratische System an sich. Und während Milliarden von Menschen jenseits Europas um die verachteten Freiheiten hart kämpfen und viel riskieren, scheint die Sehnsucht nach Unfreiheit im satten Westen immer größer zu werden.

Wer die Hamas für eine Befreiungsbewegung hält, hat nicht verstanden, was Freiheit ist. Sich selbst als links oder fortschrittlich oder gegen Unterdrückung zu positionieren und dabei mit einer Gruppe gemein zu machen, die ohne zu zögern jeden töten wird, der das Wort Gleichberechtigung auch nur flüstert, gehört zu dem absurdesten, pessimistischsten und unverständlichsten Irrsinn, den der Antisemitismus je hervorgebracht hat.