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Kolumne zum Rechtsradikalismus: Glück gehabt

Stolze Exemplare des einseitigen Blicks auf die Vergangenheit: Teilnehmer einer NPD Demonstration in Berlin.

Stolze Exemplare des einseitigen Blicks auf die Vergangenheit: Teilnehmer einer NPD Demonstration in Berlin.

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dpa

Die Leute meckern zu viel. Dabei geht es uns doch gut, es könnte viel schlimmer kommen. Glück ist relativ, das wusste schon die Tante Jolesch, jene fabelhaft schlagfertige Figur aus dem gleichnamigen Buch von Friedrich Torberg. Er beschreibt jene untergegangene Epoche vor dem 2. Weltkrieg, als in den Wiener Kaffeehäusern die jüdischen Intellektuellen saßen und über alles Mögliche diskutierten. Nur den Untergang des Abendlandes, der wenig später begann, hatten sie sich nicht vorstellen können. Immerhin saßen sie ja bei Tante Jolesch, die ihnen ihre wunderbaren Knödeln servierte.

Einmal unterhielten sich ihre Gäste aufgeregt. Ein Freund hatte einen Unfall. Nichts Schlimmes, er habe Glück gehabt, sagten die Gäste und malten sich aus, was statt der paar Dellen und blauen Flecke dem Freund noch alles Schreckliche hätte passieren können.

Kleine Unfälle, es hätte noch schlimmer kommen können. So muss man wohl auch den Wegfall der Drei-Prozent-Hürde zur Europa-Wahl betrachten. Nun kann auch die NPD ins Europaparlament einziehen und für ein „Europa der Vaterländer“ kämpfen. Das bedeutet: Kontakte zueinander ja, aber keine Vermischung. Roma, Juden und Muslime müssten nach deren Plänen ganz verschwinden. Ein Glück, dass diese rechtsextremen Irren aller Länder keine Mehrheit haben. Noch nicht. Ein Glück, dass immer noch genügend Menschen zur Wahl gehen, die das anders sehen.

Deutschland und der Rassismus

Überhaupt die allgemeine Neigung, den Menschen Vorschriften zu machen. Jetzt wollen auch noch andere bestimmen, wie Deutschland mit Rassismus umzugehen hat. Der Europarat hat eine Studie vorgelegt und kam darin zu dem Schluss, dass Deutschland nicht genug gegen Rassismus unternimmt und nicht einmal zugeben wolle, dass es ihn überhaupt gebe. Und was war die Reaktion? Weder Polizisten noch Lehrer, Nachbarn, Mitarbeiter in Behörden und Verwaltungen, Fußballfans, Discobesitzer oder Schaffner bei der Bahn sind imstande, rassistisch zu sein. Geschieht hier etwas, worüber sich Menschen beschweren, dann handelt es sich um ein Missverständnis oder Schlamperei. Nichts Unentschuldbares also.

Gewiss kann so etwas passieren. Doch ist es nicht ein großes Glück, dass Schwarze nicht immer und überall vor derlei Fauxpas’ Angst haben müssen? Sondern nur meistens? In Deutschland sind ausschließlich Nazis Rassisten. Deswegen bekämpft der Staat den Rechtsextremismus. Dafür haben wir Tausende Verfassungsschützer, die aufpassen, dass nichts wirklich Schlimmes passiert, so wie damals bei der NSU.

Im thüringischen Ballstätt kam es kürzlich zu einem Überfall von Nazis auf eine Kirmes. Zwei Personen wurden schwer verletzt, weitere landeten im Krankenhaus. Der Verfassungsschutz hatte zuvor Kenntnis von dem Überfall, weil das Telefon der Täter abgehört worden war. Doch sagte niemand der Polizei Bescheid. Das ist ganz blöd gelaufen. Aber es hätte auch schlimmer kommen können, wenn der Thüringer Verfassungsschutz selbst mitgemacht hätte. Glück gehabt.

Die Tante Jolesch mit ihren Knödeln hatte wie immer einen guten Spruch für solchen Wahnsinn: Sie sagte dann einfach: „Gott bewahre uns vor allem, was noch ein Glück ist!“ Das Abendland hat sie damit leider nicht retten können.