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Kolumne zur Asyldebatte: Zu den eigenen Werten stehen

Freiwillige Helfer am Hauptbahnhof von Hamburg.

Freiwillige Helfer am Hauptbahnhof von Hamburg.

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dpa

Also, mir gefällt das: Bürger eines Landes zu sein, das sich offen zeigt und gastfreundlich. Das anderen Sprachen nicht mehr nur Lehnwörter wie Autobahn, Blitzkrieg und kaputt spendiert, sondern auch die Willkommenskultur. Zugegeben: ein Wortungetüm. Aber positiv. Eben noch waren wir dieses fiese Volk. Jetzt sind wir ein Fixstern des Abendlandes. Ja, wirklich: Ich finde es schön, dass das deutsche Bild in der Welt nicht mehr von feigen Herrenmenschen geprägt wird, die nachts mit Knüppel, Streichholz und Benzin herumschleichen. Wiewohl die das weiterhin tun.

Die Welt ist perplex und ziemlich begeistert: diese Deutschen! Waren endlich friedlich, aber irgendwie unheimlich – zu akkurat, pünktlich und pingelig, eher Maschine als Mensch. Und nun das: kein Stacheldraht, kaum Gebrüll. Dafür strahlende Gesichter und riesige Hilfsbereitschaft. „Deutschland macht einen Schritt mehr aus dem Schatten seiner braunen Vergangenheit heraus“, notierte neulich die Neue Zürcher Zeitung, „präsentiert sich als Inbegriff eines humanen Gastlandes.“

Das Jaulen ist zurück

Seit ein paar Wochen sind wir die Guten. Doch viele hierzulande halten dies kaum aus. Jaulen schon wieder und mäkeln: So viele Flüchtlinge! Herrje! O weh! Und so viele junge Männer! Was soll nur werden aus unseren Turnhallen, unseren Töchtern, unserer Tradition?

Der Spiegel druckt flugs einen Bocksgesang über die „Flutung des Landes mit Fremden“; ein trotziger Schritt zurück in die braune Scheiße. „Deutschland kann nicht alle Flüchtlinge aufnehmen“, lautet, etwas subtiler, ein gern gesprochener Satz. Nein, kann es nicht. Tut es auch nicht. Auf dieser Welt sind derzeit etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Beliebter noch ist der strenge Pädagoge, der Neuankömmlingen „unmissverständlich“ und „kompromisslos“ deutsche Kultur samt Grundgesetz einbläuen will.

Die Krux mit solchen Sätzen: Sie sind dämlich, aber oft nicht komplett falsch. So entfalten sie ihre schlecht gemeinte Wirkung. Man hört ihn überall, diesen Sound der Asylskeptiker. Bei der CDU meckert man über Merkels Wohlfühlsprech. Der unwägbare SPD-Chef erblickt die „Grenzen unserer Möglichkeiten". Der manierliche Minister de Maizière mault über den miesen Benimm von Flüchtlingen, die – undankbar – über schlechtes Essen klagen. Sich gar prügeln. Aus den Massenunterkünften wird berichtet, dass manche ihre Feldbetten nicht ordentlich machen und sich nicht mit den gebotenen kreisenden Bewegungen volle zwei Minuten lang die Zähne putzen.

Spender gelten als Naivlinge

Und plötzlich gelten die vielen, die einfach nur spenden, kochen und Betten aufstellen, als Naivlinge, die sich ihr persönliches Sommermärchen basteln. Hippies halt. Irgendwie lieb, aber ohne Ahnung vom großen Ganzen. Das die Vizeweltenlenker in den Medien natürlich fest im Blick behalten. „Wir liberalen Deutschen“, tönt die Zeit, „haben uns abgewöhnt, Possessivpronomina und Werte in einem Satz zu verwenden“. Eine Formulierung, die man ein wenig nachklingen lassen sollte. Unsere Werte – jüngsten Umfragen zufolge sind das: Ehrlichkeit, Selbstständigkeit, Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft, Anstand – gepaart mit einem besitzanzeigenden Fürwort, also: mein, dein, sein, unser… Na, dann üben Sie mal.